Lustigerweise gilt es festzustellen: Touch Me Not von Adina Pintilie, ausgezeichnet mit dem Goldenen Bären der 68. Filmfestspiele von Berlin, ist kein "rumänischer Nackt-Schocker" (Berliner Morgenpost) und auch keine "Sex-Doku" (Bild). Fest steht jedoch, dass kein Gewinnerfilm der letzten Jahre so kontrovers diskutiert wurde wie dieser. Manche Abwehrreaktionen entwickelten eine Vehemenz, die sich nicht nur daraus erklären lässt, dass Touch Me Not alle Filme ausstach, die während der zehn Tage eines an künstlerischen Statements reichen Festivals als Favoriten gehandelt wurden: "Trump. Brexit. Und nun dieser Bären-Gewinner" (Guardian).

Gut möglich, dass die polarisierte Aufnahme zwischen Wut und neugieriger Irritation mit dem Thema des Films selbst zu tun hat: In laborhaften Tableaus erkundet er Intimität und die Angst davor. Laura (Laura Benson), eine Frau mit Angst vor körperlicher Berührung, engagiert zur Selbsterkundung verschiedene Sexdienstleister: einen Callboy, der vor ihr onaniert, einen Spezialisten für SM und andere Rollenspiele sowie eine transsexuelle Sex- und Lebenskünstlerin, die ihre Brüste Lilo und Gusti getauft hat. Pintilies Heldin wirkt einerseits gefangen in den unsichtbaren Wänden, die ihren Körper umgeben, aber auch auf faszinierende Weise frei im Blick auf sich selbst, ihre Ängste und Abgründe. Ihre Wege führen sie zu einer Gruppentherapiesitzung, in der Behinderte und Nichtbehinderte lernen, einander zu berühren. Ein Teilnehmer ist der an spinaler Atrophie erkrankte Christian Bayerlein. Dessen Therapiepartner wird dazu aufgefordert, Bayerleins Gesicht mit hervorstehenden Zähnen und von Speichel benetzten Mundwinkeln zu berühren. In Gesprächen wird deutlich, dass sich Bayerlein in seinem gebrechlichen, von der Krankheit verformten Körper wohlfühlt, dass er stolz ist auf die Größe seines Geschlechtsteils, auf die innige Sexualität mit seiner Frau. Während man in Bayerleins schöne hellblaue Augen schaut und Lauras Selbstexpedition folgt, merkt man, wie sich der eigene Blick wandelt, Konstruktionen des Schönen und Hässlichen verschwimmen. Weshalb ist der Blick auf das Nichtnormative unangenehm? Ist Bayerleins behinderter Körper tatsächlich behindert? Steht Lauras Abneigung gegen Berührungen für eine Asexualität, die sich genauso erfüllt leben lässt wie ihr Gegenteil?

Touch Me Not ist ein Hybridfilm, gedreht mit Laien und Schauspielern, zusammengesetzt aus fiktionalen, autobiografischen, dokumentarischen Elementen. Manchmal stört die Penetranz, mit der Adina Pintilie auch den Betrachter zum therapeutischen Gruppenziel führt, etwa wenn sie von einem Bildschirm aus mit ihrer Heldin über deren Entwicklung diskutiert. Dann wieder gelingt es dem Film abzuheben. Etwa wenn sich die Schauspieler und Nichtschauspieler in einer Art Swingerclub begegnen, einem phantasmagorischen Raum, in dem Körper einfach Körper sind.

Touch Me Not passt in die aufgeladenen Diskussionen unserer Zeit und setzt #MeToo aus anderer Perspektive fort: als zwingende, von innen kommende Suche nach einer Körperlichkeit jenseits der festgelegten und festlegenden Blicke. Doch es gab im Wettbewerb dieser Berlinale einprägsamere Bilderwelten, souveränere Erzählungen, größere Würfe. Etwa Christian Petzolds Film Transit, der die Figuren aus Anna Seghers’ gleichnamigem Exilroman kühn in die lichte Gegenwart des heutigen Marseille verlagert. Oder The Season of the Devil, das große A-cappella-Musical von Lav Diaz über die entsetzliche Gewalt auf den Philippinen. Und es gab jenseits von Touch Me Not noch ein weiteres Werk, das sich konsequent, ja obsessiv der Körperlichkeit seiner Figuren stellt: Philip Grönings Film Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot. Im Wechsel von extremen Nahaufnahmen und Totalen filmt Gröning die Zwillinge Robert und Elena auf einer sommerlichen Wiese. Sie lernt fürs Philosophie-Abitur, er liest ihr Texte von Heidegger und Augustinus über den Zeitbegriff vor. An einer nahen Tankstelle wird Bier geholt. Es ist eine insektenschwirrende, sonnendurchflutete Welt der Adoleszenz. Ameisen krabbeln über Arme und Beine, ein Grashüpfer wird in eine Zigarettenschachtel gesperrt, man tollt herum und streitet sich. In der Ferne, am Horizont, leuchten die Alpen in immer neuen Farben. Irgendwann beginnen die Zwillinge Grenzen auszutesten, die neonleuchtende Tankstelle wird zum Ort der Anarchie, zum Schlachtfeld. Dabei wollen Robert und Elena nur spielen. Oder die Zeit im Spiel anhalten. Drei Stunden dauert Grönings Film. Er braucht diese Dauer, um die Zwillinge aus allen psychologischen und sozialen Konstruktionen herauszulösen. Was bleibt, sind zwei erwachsene Kinder, die die Kindheit verlängern, indem sie den Ernst von Sexualität und Gewalt im Moment des Erlebens verdrängen.

Philip Gröning und Adina Pintilie setzen den Körper ins Bild, umkreisen ihn im Korsett der kulturellen Prägungen, betrachten ihn durch die unsichtbaren Wände, von denen er umstellt ist. Was aber, wenn diese Wände sehr sichtbar und konkret sind? Wenn die vermeintlich grenzenlos erfahrbare Sexualität des Internetzeitalters an Stahlbeton prallt? In ihrem Film Men Behind the Wall (Goldener Bär für den besten Kurzfilm) fährt die junge Israelin Ines Moldavsky an den Absperrungen entlang, die Israel vom Westjordanland trennen. Eine Dating-App bringt sie mit Palästinensern zusammen, die, manchmal nur einige Hundert Meter entfernt, auf der anderen Seite der Mauer sexuelle Begegnungen suchen. Mit einigen von ihnen führt Moldavsky sexualisierte Handy- oder Chatgespräche. Mit anderen entwirft sie Szenarios, um auf illegalen Wegen zum Rendezvous zu kommen. Manche der Männer wird sie treffen und filmen. Ob tatsächlich Sex stattfindet, bleibt offen. Ein älterer Palästinenser hält einen Exkurs über Menschen, Körper und Religion. Ein junger Mann liest Gedichte vor. Mit einem anderen spricht Moldavsky über Geschlechterverhältnisse: Sollte sie sich vor ihm fürchten, weil er ein Mann ist? Oder er sich vor ihr, weil sie Israelin ist?

Irgendwann sieht man Moldavsky im knallroten Spaghettiträgerkleid auf einer Kreuzung in Ramallah stehen. Mit ausgestreckten Armen hält sie das Mikro, angelt den Ton. Und vielleicht ihre nächste Geschichte. Es ist beglückend, dabei zuzuschauen, wie eine junge Regisseurin von Körpern, Sex und Begehren in einer absurden, verrückten, auch traurigen Welt erzählt. Und daraus einen absurden, verrückten, auch lustigen Film macht .