Am späten Nachmittag wird es in den verwinkelten Dorfstraßen von Ischgl plötzlich eng. Kohorten von Skifahrern schieben sich von der Seilbahn zu den Hotelburgen, Skischuhe klappern auf dem Asphalt, Kinder drängen sich durch die Massen, und Autos, die durch das Gewusel kommen wollen, tun sich schwer. Alfons Parth sitzt im Yscla, seinem Viersternhotel, und sagt: "Massentourismus? Das gibt es bei uns nicht." Er blickt kurz herausfordernd, dann lacht er. Ein bisschen vielleicht auch über seine eigenen Worte. Aber er bleibt dabei: "Bitte, wir haben 12.000 Betten. Und 1,5 Millionen Nächtigungen im ganzen Tal, Massentourismus würde ich das nicht nennen."

Massentourismus gilt als hässlicher Begriff. Er klingt nach Ballermann, steht für hemmungslosen Après-Ski-Betrieb und betrunkene Horden. Touristiker nehmen das Wort nicht gerne in den Mund.

Ischgl ist ein Synonym für Tourismus in seiner gigantischsten Ausprägung. Ein kleines Bergdorf, das zu einem Hotspot des Alpenurlaubs geworden ist. Auf jeden der rund 1.600 Einwohner kommen 850 Gästenächtigungen jährlich – so viele wie nirgendwo sonst in Österreich. 144 Millionen Nächtigungen verzeichnet das Land insgesamt, mehr als die Hälfte davon entfallen allein auf zwei Bundesländer, Tirol und Salzburg.

Jährlich werden mit freudiger Zufriedenheit Rekorde im Tourismus gemeldet, ein gut gepflegtes Ritual. Ebenfalls zur Routine gehört die Kritik am Fremdenverkehr um jeden Preis – die Urlaubsindustrie ist für viele Menschen ein nur noch schwer erträgliches, aber leider notwendiges Übel. Und immer mehr wollen nichts mehr damit zu tun haben. Was sich in Ischgl abspielt, ruft im Inntal, keine 30 Minuten Autofahrt entfernt, meist nur noch Schulterzucken hervor. In Salzburg werden die Urlaubermassen, die die Altstadt verstopfen, als Belästigung empfunden. Und eine berufliche Karriere in einem Hotel streben immer weniger Österreicher an.

Kritik am Tourismus ist nicht neu. Die Piefke Saga von Felix Mitterer empörte sich schon vor fast 30 Jahren über den völligen Ausverkauf. Immer wieder wird wegen Umweltbedenken über Bauprojekte gestritten – manche werden sogar gestoppt.

Für die einen sind Touristiker nimmersatte Umweltzerstörer, die ohne Skrupel Natur und Alpenidylle dem Profit opfern und sich in der Rolle als Provinzkaiser gefallen. Die Fremdenverkehrsunternehmer selbst fühlen sich unbedankt. Man erkenne nicht, welchen Wohlstand der prosperierende Wirtschaftszweig dem Land gebracht habe.

Warum haben sich Tourismus und Bevölkerung auseinandergelebt?

Am Anfang stand ein großes Versprechen: Mit den Urlaubern kommt der Wohlstand. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Goldgräberzeit im alpinen Tourismus. Aus armen und strukturschwachen Dörfern wie Ischgl, Sölden, St. Anton oder Lech am Arlberg wurden reiche Ortschaften – und aus Bergbauern wohlhabende und mächtige Hoteliers und Seilbahnbetreiber. Bauernhöfe wurden zu Hotels, Einfamilienhäuser zu Pensionen. Die Zuwachsraten waren atemraubend. Jeder, der wollte, fand einen Job im Tourismus. In den sechziger Jahren begann dann der Wintermassentourismus.

Der Wintertourismus hat sich aus der Fläche in einzelne Täler zurückgezogen

Doch die Investitionen für den Skizirkus sind riesig. Neue Lifte, neue Pisten, neu erschlossene Gletscher, Skifahrer, die nach immer längeren Abfahrten verlangen: Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends wurden die Angebote ständig weiterentwickelt.

Der Wintertourismus operiert mit Superlativen: Wer hat die höchstgelegenen Konzerte, das lauteste Spektakel, die größten Aussichtsplattformen oder die längsten Seilbahnen? Jeder will den anderen im Nachbartal übertrumpfen, alle igeln sich auf ihrem Berg ein und schauen neidisch auf den Gipfel nebenan. In den Alpen entstehen abgeschottete Skizentren, die mit dem Rest des Landes wenig zu tun haben.

"Diese Kunstwelt in den Bergen, die da entsteht, die fördert die Entfremdung zwischen Touristikern und jenen, die nicht in der Branche arbeiten", sagt Johannes Schwaninger. Er ist Hotelier in Zell am See und sitzt im Salzburger Landeskulturbeirat. "In Städten wie Salzburg führen wir noch politische Auseinandersetzungen über den Tourismus, in Enklaven am Berg nicht, da ist ja auch niemand mehr außerhalb der Saison."

Viele kleine und mittlere Orte können da nicht mehr mithalten. Der Alpentourismus zieht sich aus der Fläche zurück und konzentriert sich in hoch gelegenen Zentren.