Es gibt einen Punkt, an dem sich alle Kontrahenten in dieser Sache einig sind, einen einzigen, herrlich unumstrittenen Punkt: Der Roman Ulysses ist ein virtuoses Werk. Die Literatur, ja die Kunst wurde anders, neu gedacht, nachdem James Joyce am 2. Februar 1922 sein 1000-seitiges Epos veröffentlicht hatte, die Spuren des Ulysses gehen durch die Werke von Virginia Woolf über Nathalie Sarraute und Arno Schmidt bis zu John Cage. Johnny Rotten von den Sex Pistols zitierte den Ulysses! Ein Superlativ, der Roman. War quasi schon verboten, bevor er erschien, wegen Obszönität. Deshalb erschien das Buch des großen irischen Autors im Exil, in Paris. Und jetzt sieht es so aus, als ob eine große Revision der berühmten Hans-Wollschläger-Übersetzung gar nicht erscheinen dürfe. Wegen Copyright. Zehn Jahre Arbeit eines dreiköpfigen Forscherteams wären damit in den Sand gesetzt.

Who’s done it? Wer ist schuld? Wie immer in verfahrenen Lagen kommen viele in Betracht. Hans Wollschläger! Seine Übersetzung, die erste seit 1927, hatte Wogen des befreiten Gelächters ausgelöst, als sie 1975 erschien – in seiner Fassung war das schwierige Buch ja plötzlich lesbar. Sogar lustig! Wollschläger ging wie ein Popstar auf Lesereise. Er und sein Herausgeber Fritz Senn hatten allerdings damals schon im Abspann darauf hingewiesen, dass die ungeklärte Manuskriptlage des Ulysses eine Überarbeitung nötig machen werde. Die dann hinausgeschoben wurde. Endlich, 2007, sollte es losgehen, Wollschläger war bereit, ein Forscherteam sollte ihm zuarbeiten, er würde die Anregungen einarbeiten. Drei Monate später war Wollschläger tot.

Und das Team? Arbeitete einfach weiter, ohne den Übersetzer. Der Suhrkamp Verlag? Vergaß bei den Erben von Wollschläger die Rechte für die Überarbeitung einzuholen. Und wie immer in solchen Fällen fahren alle Zeigefinger aus und zeigen jetzt in Richtung böser Witwe, sprich: Erbin der Wollschläger-Rechte, die eine Publikation der überarbeiteten Übersetzung des Jahrhundertwerks verbietet. Heiliger James!

Wenn eines klar ist, dann das deutsche Urheberrecht. Übersetzungen sind, wie das Ursprungswerk, "persönliche geistige Schöpfungen". Und deshalb geschützt, 70 Jahre lang.

Paragraf 23: "Bearbeitungen oder andere Umgestaltungen des Werkes dürfen nur mit Einwilligung des Urhebers des bearbeiteten oder umgestalteten Werkes veröffentlicht oder verwertet werden."

Unstrittig ist auch, dass der verstorbene Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld früh das Copyright im Blick hatte, also das für Ulysses. Nach dem Ablauf könnte jeder das Werk neu übersetzen. Was würde dann aus Wollschlägers Buch? Ein Ladenhüter womöglich? Erste Gespräche 1987. Aber eben erst zwanzig Jahre später kam es dann zu dem heute mythisch beschworene Treffen bei Wollschlägers in Dörflis, der Meister und seine Frau im Kreise meisterhafter Philologen, des Joycianers Harald Beck und der Anglisten Dirk Vanderbeke und Dirk Schultze. Man würde sich an der Ulysses-Ausgabe von Hans Walter Gabler orientieren, der nach allen Schikanen der Editionskunst erstellten Fassung.

Die Gabler-Edition des Ulysses ist State of the Art . Der Münchner Anglist Hans Walter Gabler hatte alle Manuskriptseiten mit dem handschriftlichen Gewoge, die Blätter mit den Notizen, die endlosen Korrekturfahnen computergestützt verlinkt und dann zu einem idealtypischen Ulysses- Manuskript synthetisiert. Auch nicht unumstritten. Als Richard Ellmann, der berühmte Joyce-Biograf und Oxford-Don, Mitglied des Gabler-Beraterstabs, 1987 starb, fanden sich im Nachlass Briefe, die andeuten, der geschätzte "Hans" sei, als Nichtmuttersprachler, vielleicht doch nicht ... und so weiter.