Ganz schön kalt da draußen gerade, oder?

Für mich ist das offen gesagt eine Qual. Wenn der Mitmensch und man selbst nur noch mit hochgezogenen Schultern in Wattejacke existiert und das Leben durchweg erkältet ist, dann muss man da mal raus, fand ich. Und buchte zehn Tage Urlaub.

Vier Flugstunden weiter südlich stellte sich tatsächlich wieder Wohlgefühl ein. Den ganzen Tag an der Luft, vermochte ich seit gefühlten Jahrzehnten das erste Mal wieder richtig durchzuatmen, sogar durch die Nase. Von unserem Hotel aus konnte man das Meer hören, sehen und riechen, ich absolvierte zwei, drei Stunden Körperertüchtigung pro Tag, probierte ein paar neue Innovationen der Fitnesswelt aus und spürte irgendwann jeden Muskel. Ich betrachtete die Urlauber wohlwollend beim Einnehmen heißen, herben Ingwerwassers am Frühstücksbuffet und beim ersten Aperol-Sprizz nachmittags um halb drei an der Pool-Bar. Kurzum: Die Welt war schwer in Ordnung und zugleich mal wieder der ungerechteste Ort im Universum.

Ist es Zufall oder Glück, wenn man auf der Wippe gerade oben ist? Oder vielleicht doch unser leicht anmaßender oder zumindest unausgewogener Lebensstil?

Man kennt sie ja, die guten und gängigen Wünsche, die man in Anbetracht angekündigter Urlaubstage oft zu hören bekommt: "Einen schönen Urlaub wünsche ich Ihnen!", "Gute Erholung!" und "Schalten Sie mal ab!"

Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, wie das gehen soll: einfach mal abschalten. Ich kann mich nicht einfach "abschalten" oder "ausschalten". Ich kann gar nichts auf Knopfdruck, deshalb bin ich auch für den Karneval verloren.

Aus diesem Grunde erscheint es mir nicht nur unmachbar, gefälligst in der Urlaubszeit höchstmögliche Regeneration zu erzielen, sondern auch vollkommen unangemessen, dass der Mensch sich nur Erholung zu gönnen hat, damit er alsbald erneut das ordnungsgemäß rotierende Rädchen im Getriebe einer doch oft eher unerholten Gesellschaft sei.

Auch in diesem Urlaub musste man nur einmal genauer hinhören, um mitzubekommen, dass doch recht viele Zeitgenossen mit der Erholung auf Startschuss so ihre Probleme zu haben scheinen. Besonders jene, die diesen Startschuss zu wörtlich nehmen und schon kurz nach dem Check-in über die eigenen Ansprüche stolpern.

Zweifellos können einen ein zweitägiger Wasserausfall, drei ausgewachsene Geckos im Hotelzimmer, Pilzbefall im Himmelbett oder ein paar frei laufende Affen in der Hotelanlage, also viele Dinge, die vor Ort durchaus als "landestypisch" gelten, schon mal um Längen auf der Erholungsauftragsskala zurückwerfen, hier aber war all das nicht der Fall: An der Rezeption beschwerten sich ernsthaft einige der Mitreisenden über die Regenfälle der vergangenen Wochen.

Natürlich ist es ärgerlich, wenn die zwei kostbaren Urlaubswochen im Süden wider Erwarten verregnet sind. Keine Frage. Aber sind sie nicht umso ärgerlicher, wenn der vorrangige Zweck des Verreisens darin besteht, Menschen wieder so aufzuladen, dass sie nach der Rückkehr wieder Monat für Monat den Sound des Utilitarismus trommeln?

Vielleicht stufen wir einfach die Lebenslust als Größe nicht hoch genug ein – auch in Nicht-Urlaubszeiten. Weil sie mit Kraft verbunden ist, mit der man nur haushalten kann, wenn man ein bisschen Zeit hat? Zeit wohlgemerkt, nicht Freizeit, die oft doch nur ein Tarnbegriff für leicht abgewandelte Arbeit zu sein scheint. Wer jemals einem vollständig neongrün eingeschnürten Freizeitradler erst auf das Outfit und dann ins Gesicht geblickt hat, der weiß vielleicht, was ich meine.

Ich hatte das Gefühl, dass sich mit dem Fortschreiten der Urlaubstage und dem besagten Zeithaben bei vielen ein besseres Alter Ego einzustellen begann. Auch bei mir. Ich kam mit den unterschiedlichsten Menschen ins Gespräch, bereiste damit die halbe dialektale Landkarte der Bundesrepublik, lauschte verschiedensten Urlaubs- und Lebensgeschichten vor allem westdeutscher Prägung. Ich habe das sehr genossen. Manchmal wagte man sich auf das kommunikative Minenfeld der Politik: Die geäußerten Ansichten beliefen sich wenig überraschend auf der gesamten Strecke zwischen rechts und links. Sogar kleine Verschwörungstheorien wurden hie und da bemüht, leider war es deren inhärenter Absurdität geschuldet, dass man sie meist nicht ad hoc entkräften konnte. Aber wir waren nicht auf Kampf aus: Niemand vergriff sich im Ton, niemand verlor die Contenance und schon gar nicht den Kontakt zueinander.

Viel wichtiger noch: Es schien plötzlich nicht mehr entscheidend zu sein. Die Leute gingen ihren zweckbefreiten Tätigkeiten nach, trieben Sport miteinander, aßen und tranken miteinander, hatten Spaß an- und miteinander, halfen einander mit Medikamenten gegen ihre Urlaubserkältungen aus. Ich hatte fast den Verdacht, dass sich so etwas wie Muße einzustellen begann – ein Zustand, in dem die Sinne wach und gelassen sind, wo die Gesprächskultur fruchtbaren Boden findet.

Und wo sogar bei manchen der Gedanke reifte, dass das besorgte "Wir schaffen das nicht" oder "Wir können nicht mehr" auch der Ausdruck einer gehörigen Portion Statusdünkel sein könnte, deren Ursache in einer angewachsenen Selbstzufriedenheit oder unkritischem Wohlstandsverhalten zu suchen ist. Der beste Beweis waren wir selbst: Wir bezahlten gerade das einfache Leben in einer teuren Umgebung.