Desmodus rotundus flattert durch die Nacht. Seine Ohren mit den hochspezialisierten Nervenzellen im Inneren sind aufgespannt; dafür ausgestattet, den Atem der schlafenden Opfer zu hören und sie in der Dunkelheit Mittel- und Südamerikas zu orten.

Wie der Gemeine Vampir, der eine Flügelspannweite von bis zu 40 Zentimetern haben kann, auf der Suche nach Beute vorgeht, klingt nach einem Schauermärchen. Hat er eine Kuh oder ein Pferd gefunden, landet er wenige Meter entfernt auf dem Boden. Auf allen Vieren schleicht er sich im Schutz der Dunkelheit an sein Opfer heran. An den Beinen klettert der Vampir dann am Tier empor. Scharfe Krallen verschaffen ihm Halt im Fell.

Mithilfe spezieller Gesichtsnerven lokalisiert er die geeigneten Blutgefäße seiner Wirtstiere. Spitze, filigrane Zähne durchbohren mühelos deren Haut und öffnen die Adern. Mit seiner langen Zunge leckt der Vampir das Blut, das nun aus der Wunde fließt. Dabei mischt er es mit seinem Speichel. Darin enthalten ist ein Protein namens – kein Scherz! – Draculin, das die Gerinnung verhindert. Meist bemerkt das Opfer seinen Parasiten nicht einmal und schläft einfach weiter. Und hat der Vampir einmal erfolgreich Blut geleckt, wird er wahrscheinlich in der nächsten Nacht wiederkommen.

Zusammen mit dem Kammzahnvampir und dem Weißflügelvampir ist der Gemeine Vampir das einzige Säugetier, das sich ausschließlich von Blut ernährt. Extreme Diäten wie diese geben der Fachwelt allerlei Rätsel auf. Ein internationales Forscherteam um Lisandra Zepeda von der Universität Kopenhagen hat nun die Besonderheiten der Blutfresser mittels genetischer Analysen untersucht. Es verglich das Erbgut der blutfressenden mit dem von insekten-, frucht- und fleischfressenden Fledermäusen. Außerdem untersuchten die Forscher die Mikroorganismen im Darm der Tiere. Ihre Ergebnisse, veröffentlicht in Nature Ecology and Evolution (Zepeda Mendoza et al., 2018), sind erstaunlich.

Blut besteht zu fast 80 Prozent aus Wasser. Die anderen Anteile sind beinahe ausschließlich Proteine – für die Nieren ist das eine enorme Herausforderung. Kohlenhydrate wie Zucker kommen nur in geringen Mengen vor. Eigentlich müsste Mangel leiden, wer ausschließlich Adern anzapft: Vitamine, etwa aus dem B-Komplex, sind unter diesen Umständen rar, genauso wie essenzielle Aminosäuren. Außerdem wimmelt es im Blut von potenziell krank machenden Viren. Die Vampirfledermäuse haben offenbar einen Weg gefunden, mit all diesen Widrigkeiten umzugehen.

Die Forscher entdeckten in dem Genom des Gemeinen Vampirs überdurchschnittlich viele variable Abschnitte, sogenannte Transposons. Diese "springenden Gene" können ihre Position im Genom verändern. Sie sind im Laufe der Evolution offenbar immer wieder an Stellen eingebaut worden, die mit dem Fett- und Vitaminstoffwechsel sowie mit dem Immunsystem zu tun haben. Die Forscher vermuten, dass der daraus entstehende Variantenreichtum vorteilhaft ist, weil er der natürlichen Selektion ein breiteres Spektrum an Auswahlmöglichkeiten bietet. Was die Forscher hingegen erwarteten, aber nicht fanden: fremdes Virus-Erbgut. Stattdessen konnten sie viele Bereiche identifizieren, die offenbar die Funktion haben, virale Infektionen zu bekämpfen.

Um die strenge Blutdiät zu überleben, brauchen Vampire indes weitere Hilfe. Das entdeckte Zepedas Team, als es den Kot der Fledermäuse, den Guano, untersuchte. Was sich in der Studie technisch als "Generieren von fäkalen metagenomischen Datensätzen" liest, war in Wirklichkeit eine hemdsärmlige Angelegenheit.

Denn um an den Guano zu kommen, mussten die Wissenschaftler in den mexikanischen Dschungel ziehen, beladen mit Netzen. Die spannten sie bei Sonnenunter- oder Sonnenaufgang vor die Eingänge der Höhlen, in denen die Vampirfledermäuse leben. Waren die gefangen, mussten die Forscher die Tiere vorsichtig und mit dicken Lederhandschuhen geschützt in einen kleinen Stoffsack stecken. Und warten. Darauf, dass die Vampirfledermäuse ihr Geschäft verrichteten.