Als Emma Sullivan ans Mikrofon tritt, schlägt ihr das Herz bis zum Hals. Hätte sie sich bis vor wenigen Tagen beschreiben sollen, hätte sie gesagt: 16 Jahre alt, in der elften Klasse der Naples-Highschool hier in Südflorida, gute Schülerin (Elftbeste ihres Jahrgangs), Beatles-Fan (gleicher Geburtstag wie John Lennon), Mitglied der Theatergruppe (Shakespeare), eloquent, eher unsportlich. Doch nun schaute sie von den Stufen des Gerichtsgebäudes in Naples aus in die Gesichter mehrerer Hundert Menschen, und sie spürt: Gerade wurde in ihr die politische Aktivistin geboren. Diese Demo hat sie selbst organisiert.

In Washington, in New Haven, in Chapel Hill, in Malibu, überall in Amerika gehen gerade Jugendliche auf die Straße, nachdem ein junger Mann am Valentinstag 17 Schüler und Lehrer in Parkland, Florida, mit einem Sturmgewehr tötete. Es sind die neuen Köpfe einer alten Bewegung, die seit Jahren ohne Erfolg schärfere Waffengesetze fordert. Die Hoffnung, dass es dieses Mal anders sein könnte, dass die Schüler es schaffen, eine nationale Bewegung zu erzeugen, die zum ersten Mal politische Erfolge erzielt, sie ist groß. Aber ist sie auch berechtigt? Was ist an den Protesten der Schüler anders als an den Occupy-Wall-Street-Demos, an den Black-Lives-Matter-Märschen oder dem Women’s March in Washington? Große Bewegungen, gegründet aus einer ähnlichen Wut und angefeuert durch dieselben sozialen Medien, die bislang jedoch alle ohne politische Wirkung geblieben sind. Die Geschichte von Emmas Demo gibt darauf eine Antwort.

Naples liegt nicht weit von Parkland entfernt. Wie Parkland ist auch Naples eine wohlhabende Gemeinde, und wie die Schüler in Parkland, wie jeder Schüler in Amerika, ist auch Emma mit regelmäßigen lockdown-Übungen aufgewachsen – Trainingseinheiten, in denen sie lernte, wie es sich zu verhalten gilt, sollte ein Amokläufer mit einer Waffe in die Schule eindringen. Schon als Erstklässler hat sie geübt, eine halbe Stunde lang still im Schrank zu stehen, damit der Angreifer sie nicht findet. Der Gedanke an einen Amoklauf war in ihrem Schulalltag derart alltäglich, dass die Ereignisse in Parkland sie im ersten Moment fast kaltgelassen haben. Wieder eine Massenschießerei, dachte sie und ging mit ihrem Vater ins Kino.

Erst als sie die wütende Rede der anderen Emma, der mittlerweile berühmt gewordenen Emma González aus Parkland, sah, erschrak sie darüber, wie abgestumpft sie bereits war. Und da wurde auch sie wütend.

Wer Emma Sullivan gegenübersitzt, vergisst schnell, dass sie erst 16 Jahre alt ist. Sie spricht konzentriert, überlegt, fühlt sich sichtlich wohl mit Erwachsenen. Nach González’ Rede, erzählt Emma im Café einer Mall in Naples, sei sie erst einmal ratlos gewesen. Sie hatte sich zuvor noch nie politisch engagiert und keine Ahnung, wie sie ihre Wut am besten nutzen konnte. Also schrieb sie eine E-Mail an Glennon Doyle, eine gut vernetzte Bestsellerautorin in Naples, und bat um Hilfe.

Drei Tage später, so erinnert Emma sich, saß sie im Haus von Doyle mit Kate Cunningham zusammen. Die Anwältin leitet die örtliche Gruppe von Everytown, jener Organisation, die in Amerika seit Jahren für strengere Waffengesetze kämpft.

Everytown ist auf den ersten Blick das absolute Gegenteil vom dem, was man mit Schülerprotesten verbinden würde: zentral organisiert, vom Hauptquartier in New York aus gesteuert. Selbst für das Interview mit der ZEIT muss Cunningham um Erlaubnis bitten. Auch hinter der straff organisierten Pressearbeit steckt ein Plan: Ohnehin werden in Florida momentan zu viele mögliche Waffengesetze diskutiert, Everytown will vorsichtig sein, mit einer Stimme sprechen und nicht noch zur Verwirrung beitragen.

In Zeiten, in denen Demonstrationen mit Zehntausenden Teilnehmern über Twitter und Facebook organisiert werden, wirkt Everytown fast altmodisch: Aufklärungsarbeit, konstanter Frontalunterricht, straffe Hierarchien.

Besonders sexy klingt das nicht – doch jene Strategie hat schon die beiden erfolgreichsten Bewegungen Amerikas hervorgebracht: die schwarze Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre. Und die NRA.

Als Kate Cunningham Emma fragt, wie sie sich ihren Protest vorstellt, lässt Emma zuerst einmal ihre ganze Wut auf Marco Rubio raus. Die Äußerung des Senators von Florida, wonach man einfach nichts dagegen tun könne, wenn sich jemand eine automatische Waffe kaufen wolle, hat sie rasend gemacht. Als Protest schlägt Emma dann eine Art Mahnwache für die Toten vor. Cunningham überzeugt sie jedoch davon, dass die Zeit des Betens und Bittens vorbei sei, dass es jetzt um politisches Handeln gehen müsse, und sie ermuntert Emma zu einer Demonstration.