Es gibt einen Spruch, den ein Wiener gern zum anderen sagt, wenn er nicht recht weiß, wie alles weitergehen soll. Ob ein Projekt Zukunft hat, was der morgige Tag bringen wird – klar ist nur: Irgendeine Möglichkeit wird sich auftun. Der Spruch, mit dem man in Wien den Abgrund zwischen Wunsch und Wirklichkeit überbrückt, lautet: "Es geht sich eh aus."

Vor vier Jahren ist es sich plötzlich nicht mehr ausgegangen. Plötzlich stand das Burgtheater, die wichtigste Bühne der Welt, am Abgrund. Der Stolz einer Kulturnation war massiv überschuldet. Aber wenigstens waren die beiden Schuldigen schnell gefunden: auf der einen Seite Silvia Stantejsky, die kaufmännische Geschäftsführerin, gemeinhin die "gute Seele der Burg" genannt. Man erzählte die Geschichte einer Frau, die sich für die Burg aufopferte und im Kampf um ein schuldenfreies Haus halt etwas die Regeln vergaß.

Und auf der anderen Seite Matthias Hartmann, Burgdirektor seit 2009, ein Piefke. Er solle, so hieß es, einen Schuldenberg von rund 20 Millionen Euro angehäuft haben. Immer mehr Premieren, immer mehr eigene Regiearbeiten habe er durchgepeitscht, im Größenwahn habe er den Respekt vor der Burg verloren. Nicht er habe ihr gedient, sondern sie ihm.

Eher im Hintergrund, weniger scharf umrissen, gehörten zum Personal des Stücks noch ein mächtiger Theaterfunktionär und ein elegant die Rollen wechselnder Alleskönner. Der eine war Georg Springer, Chef der Wiener Theater-Holding. Der andere war Thomas Drozda, der einst an der Burg Geschäftsführer war, ehe er Kultur- und Kanzleramtsminister wurde.

Aber schuld war Hartmann. Diese Erzählung hatte sich in den Köpfen festgesetzt, denn sie passte allen. Der Politik, den wirtschaftlich Verantwortlichen, der österreichischen Kulturseele. Als dann vor einigen Wochen auch noch 60 Mitarbeiter des Burgtheaters diesen Matthias Hartmann in einem offenen Brief bezichtigten, er habe ein Klima der Angst geschaffen, seine Macht missbraucht und sexistische und rassistische Äußerungen von sich gegeben (ZEIT Nr. 7/18), waren sich alle einig, damals richtig gehandelt zu haben, als sie ihn und die kaufmännische Geschäftsführerin vom Hof gejagt hatten. "Im Interesse der Republik erachte ich es für notwendig, hier mit einer Abberufung vorzugehen", rief der amtierende Bundeskulturminister Josef Ostermayer Matthias Hartmann damals, im März 2014, hinterher. Kleiner ging es in Wien nicht. Einer war schuld. Danach würde sich eh wieder alles ausgehen. Allein: Diese Darstellung hat wenig mit der Realität zu tun. Hinter den Kulissen der Burg wurden über Jahre Bilanzen gefälscht, Steuern hinterzogen, Gelder veruntreut, schwarze Kassen geführt. All dieser Vergehen wurde zwar auch Matthias Hartmann beschuldigt, nun aber wendete sich die Staatsanwaltschaft mit der Meldung an die Öffentlichkeit, dass in den meisten Punkten das Verfahren gegen ihn eingestellt wurde. Die ZEIT hat über mehrere Wochen hinweg Ermittlungsakten, Bilanzen und Burg-interne Papiere ausgewertet, Dutzende Akteure und Verantwortliche getroffen. Und wer sich in diesen Tagen in Wien umhört und mit Regisseuren spricht, mit Schauspielern, ehemaligen Geschäftsführern und Politikern, mit Gutachtern, Anwälten und Wirtschaftsprüfern, dem wird ein Gemälde offenbar, in dem weder die Guten noch die Bösen mit grellen Farben ausgeleuchtet sind. Es ist ein Bild voller grauer, unkenntlich gemachter Figuren, die alle mit den Umständen ganz gut leben konnten. Dies ist der Versuch, das Bild aufzuhellen.

Ein Satz, der in fast jedem Hintergrundgespräch über das Burgtheater fällt, lautet: Die Schulden waren schon da. Sie wurden verborgen und verschoben, geduldet und vergessen wie ein Hausdrache oder ein lästiges Familienmitglied. Man ließ sie in Ruhe, schob sie nur in eine tiefere Höhle. Sie gehörten zur Folklore. Es war, als sei die Burg eine barock verzierte Haube über dem Abgrund.

Wer verstehen will, was da in Wien wirklich passiert ist, der muss erst einmal verstehen, dass die Burg nicht einfach ein Theater ist. Sie wurde zum Wahrzeichen eines Staats, der verlorene politische durch kulturelle Weltgeltung ersetzte. Und während der Intendant in Deutschland so etwas wie der letzte Fürst ist, Überbleibsel einer kleinstaatlichen Ordnung, ist er in Österreich ein Ersatzkaiser. Hartmann hat bei seinem Amtsantritt die Schwere des Amts mit der Nonchalance eines Start-up-Mannes ignoriert – und wurde dafür von den Wienern erst mal bewundert. In der fast höfischen Burg-Kulisse bewegte er sich mit spöttischem Blick und leicht verächtlichem Zug um den Mund: Wie ein Unternehmensgründer trat er auf, der sein Unternehmen notfalls eben auf der Bühne hochzog.

Den Wienern hat er lange Zeit durch seine norddeutsche Direktheit imponiert, mit der er offen tat, was in Wien eher hintenrum geschieht; so installierte er drei Verwandte am Haus, seine Frau, seine Schwester und seinen Schwager – mit der Begründung, das seien nun mal die Besten, die es für die betreffenden Positionen gebe. Er war schneller, geradliniger, frecher als die auf Abwarten, Auflaufenlassen und Über-Bande-Spielen gepolte Wiener Diplomatie. Wer ihm ein Messer in den Rücken rammen wollte, musste sich beeilen: Meist ruhte das Messer noch in der Wiener Westentasche, da hatte Hartmann dem Attentäter schon entwaffnend die Hand geschüttelt – und war weg, unterwegs zum nächsten Termin. Die Wiener haben ihn, auch um seinen Vorgänger, den abtrünnigen Österreicher und "Nestbeschmutzer" Klaus Bachler, zu demütigen, freundlich empfangen und, soweit das einem Piefke vergönnt sein konnte, in Maßen verehrt.

Aber nicht allzu lange. Hartmann, Glückskind des Theaters, von der Branche beim immerwährenden Aufstieg baff beobachtet, fällt tief.

Alles beginnt mit einer Ausgründung. Ein Blick zurück. Mitte der neunziger Jahre, der österreichische Kanzler heißt Franz Vranitzky, ein SPÖ-Mann, den sie hier "Nadelstreifen-Sozialist" nennen, ein wirtschaftsnaher Pragmatiker. Er modernisiert die marode Staatsindustrie und privatisiert sie teilweise. Und wo er schon mal dabei ist, erdenkt er mit einer Clique junger Männer in eng anliegenden Anzügen – bis heute in Österreich die Vranitzky-Boys genannt – auch die Ausgliederung der bis dahin staatlich geführten drei großen Theater der Hauptstadt: Burgtheater, Staatsoper, Volksoper. 1999 ist es so weit, unter dem Dach der neu gegründeten Bundestheater-Holding wird das Burgtheater zu einer GmbH umfunktioniert. Als Architekt dieser Ausgründung gilt Thomas Drozda, einer der Vranitzky-Boys, der mit 30 schon als Berater ins Kabinett geholt worden war und nun mit gerade einmal 34 zum kaufmännischen Geschäftsführer des Burgtheaters berufen wird.