Der blutige Krieg in Afghanistan, der über viele Jahre von der Bundesregierung nicht so genannt wurde, sondern mit der Vokabel "Stabilisierungseinsatz" kaschiert, ist längst verloren. Jetzt, nachdem es keine Hoffnung mehr gibt auf einen Sieg gegen die Taliban, scheuen deutsche Außenpolitiker ein Wort, das noch viel verstörender klingt: Niederlage. Seit 1945 mussten Deutsche dieses Wort nicht mehr aussprechen.

Wir sind in Afghanistan am Ende. Am Ende mit unseren militärischen wie zivilen Plänen, am Ende auch mit unserer Geduld. Sechs Bundesregierungen in Folge haben sich vergeblich dem Kampf gegen die Taliban angeschlossen und versucht, einen demokratischen Staat aufzubauen, mit desaströsem Ergebnis. Der Krieg am Hindukusch dauert bereits länger als beide Weltkriege zusammen und geht jetzt in sein siebzehntes Jahr. 150.000 Menschen starben bislang auf allen Seiten. Die Taliban haben große Teile des Landes wieder unter ihre Kontrolle gebracht. Die westlich gestützte Regierung besteht aus vielen unterschiedlichen Lagern, die sich zerfleischen und in einem Sumpf an Korruption versinken. Mafiabosse und Warlords haben große Teile des Parlaments übernommen. In dieses innere Chaos drängt der IS, drängen der Iran und verstärkt wieder Pakistan. Die "Islamische Republik Afghanistan" existiert nur in den größeren Städten, und auch dort zerfällt sie zusehends.

Wie verzweifelt die Lage der Regierung von Aschraf Ghani mittlerweile ist, beweist sein Angebot von vergangener Woche, mit den Taliban über Frieden zu verhandeln – ohne Vorbedingungen. Bisher hatte er das stets vehement abgelehnt. Es ist unwahrscheinlich, dass die Taliban auf dieses Angebot eingehen werden: Die Zeit spielt für sie.

Ich schreibe diese Zeilen hinter drei hohen Mauern, die von Stacheldraht gekrönt werden, bin bewacht von 30 Bewaffneten, im Privathaus eines hochrangigen Politikers in Dschalalabad, Hauptstadt der Provinz Nangahar, in der die Regierung von 22 Distrikten nur vier unter ihrer Kontrolle hat. Fast täglich passieren in der Stadt Morde und Anschläge. Vor Kurzem griff ein Selbstmordkommando das Büro von Save the Children an, wenige Häuser von mir entfernt. Ich sah die Fleischfetzen des Attentäters, die seine Bombe in der Straße verteilt hatte. Erlebte, wie Polizei und Militär sich stundenlang bemühten, 41 eingeschlossene NGO-Mitarbeiter zu befreien. Tief traumatisiert kamen sie heraus, bedeckt von Staub und Blut.

Nie stand es seit dem Fall der Taliban um das Land so schlimm wie jetzt. Kabul, die Hauptstadt, ist mittlerweile so unsicher geworden, dass US-Truppen sich nicht mehr auf die Straßen wagen. Nur noch zu Luft bewegen sich Amerikaner im Zentrum ihres Vasallenstaates. Eine Flotte an gecharterten Helikoptern transportiert sie zu ihren Zielen in der Stadt. Seit Jahren irrlichtern die Amerikaner durch das Land. Sie pumpen kurzfristig Milliarden hinein, ziehen diese kurzfristig ab, nähren eine künstliche Ökonomie und lassen sie kollabieren. Sie werfen große Armeen in die Schlacht, um sie nur Monate später wieder zurückzuholen. Trump will in Afghanistan den "Islamischen Staat" bekämpfen, aber darüber hinaus fehlt seiner Regierung jegliches Konzept.

Der diplomatische Einfluss von Deutschland wiederum ist so gering wie noch nie. Im Mai fiel das Gebäude der deutschen Botschaft einem Anschlag zum Opfer. Nur noch fünf Diplomaten sind im Land verblieben und haben Schutz in der US-Botschaft gesucht. Nahezu ihre gesamten Ressourcen sind durch den Wiederaufbau des Botschaftsgebäudes gebunden. Als politische Kraft ist die deutsche Diplomatie seit dem Anschlag in Afghanistan so gut wie ausgeschieden.

Im Griff der Taliban

© ZEIT-Grafik

Die Bundeswehr? Zehn Milliarden Euro flossen seit 2001 in ihren "Stabilisierungseinsatz". Es waren zu Spitzenzeiten 16.000 Soldaten, geblieben sind 980. Nur ein einziges Mal hat die Bundeswehr gekämpft, für ein halbes Jahr in Kundus, wo sie sich als wenig gefechtsfähig erwies. US-Truppen haben sie rasch wieder abgelöst. Hochrangige afghanische Politiker spotten über die deutsche Armee. Dass sie zu kämpfen verlernt habe. Deutsche Kommandeure stellen die Sicherheit ihrer Soldaten über die Sicherheit des Landes. So lautet auch der Marschbefehl aus Berlin. Mittlerweile haben sie sich ganz in ihrem Camp bei Masar-i-Scharif eingeigelt. Die meisten Soldaten sehen während ihrer Zeit in Afghanistan keinen einzigen Afghanen. Deutsche Offiziere, die den Krieg nur aus Simulationen und vom oberpfälzischen Truppenübungsplatz kennen, beraten den afghanischen Generalstab in Sachen Kriegsführung. Der offizielle Daseinsgrund der Bundeswehr am Hindukusch. Alles, was der neuen Sondierungsrunde von SPD und CDU jetzt zu Afghanistan einfiel, ist, 300 weitere Soldaten nach Masar-i-Scharif zu schicken. Die sollen nicht die Sicherheit des Landes verbessern, sondern die deutschen Offiziere und Militärberater noch stärker beschützen. Die größte Verschwendung von Steuergeldern im neuen Bundesetat ist der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr.

Können wir in Afghanistan noch helfen?

Unsere Entwicklungshilfe? Wir sind der drittgrößte Geber ziviler Aufbauhilfe in Afghanistan. Kein Land hat in den letzten Jahren von Deutschland mehr Geld bekommen. Und es wurde viel Gutes getan. Es wurden Brücken gebaut, Brunnen gebohrt, Schulen errichtet. Doch mit all den Rekordsummen wurde das Land nicht sicherer gemacht. Humanitäre Hilfe löst keine bewaffneten Konflikte. "Wo die Straße aufhört, beginnt der Aufstand", sagte die Führung des US-Militärs vor zehn Jahren. Im Jahr 2018 heißt es: "Wo die Straße beginnt, fängt der Aufstand an." Allein die USA haben seit 2002 eine Billion Dollar in Afghanistan ausgegeben. Allein die Kleinstadt Faisabad im Nordosten des Landes hat vom deutschen Staat knapp eine Milliarde Euro erhalten – eine Milliarde Euro für 50 000 Einwohner. Wir glaubten, uns die Afghanen kaufen zu können. Ein Trugschluss. Studien, die die Wirkung westlicher Aufbauhilfe in den afghanischen Provinzen untersuchten, zeigten, dass nicht die Regierung von ihr am meisten profitiert hat, sondern die Taliban.

Doch in Berlin denkt niemand um. Eine Handvoll Außenpolitiker bestimmt seit Jahren die deutsche Afghanistanpolitik, und sie machen weiter wie bisher. Immer mehr Experten fordern von der Bundesregierung ein Innehalten, einen Kassensturz, es anderen Geberstaaten gleichzutun und ihre bisherige Entwicklungsarbeit von unabhängigen Instituten überprüfen zu lassen. Es wäre höchste Zeit. Die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) zahlt auch dieses Jahr wieder über hundert Millionen Euro für Projekte, die deutsches Personal aus Sicherheitsgründen nicht in Augenschein nehmen kann. Wie die Bundeswehr hat sich die GIZ so gut wie ganz aus dem Land zurückgezogen, ihr Personal drastisch reduziert. Ihre Mitarbeiter bleiben nur noch wenige Tage am Stück in Kabul, bevor sie wieder nach Dubai ausgeflogen werden. Aus Sicherheitsgründen. Ihr einziger verbliebener Stützpunkt in Kabul liegt hinter meterhohen Schutzwällen. Die GIZ besitzt ein erfahrenes Team aus afghanischen Mitarbeitern, die sie, gefangen in ihrer Festung, allerdings kaum mehr kontrollieren kann. "Ferngesteuertes Management" heißt die Zauberformel, die sie in der Not erfand.

Können wir es in diesem Land noch: helfen? Hinter verschlossenen Konferenztüren treibt diese Frage die Köpfe der großen Hilfsorganisationen schon lange um. Ungern wird sie öffentlich diskutiert – aus Angst, Ansehen zu verlieren und Spender zu vergraulen. Ein Fehler.

Tatsächlich geht uns immer mehr der Sinn dafür abhanden, was vor Ort tatsächlich passiert. Die lokale Expertise. Das Wissen, welche Veränderungen unser Geld wirklich auslöst. Geld wird in Ländern wie Afghanistan rasch zu Gift. Falsch platzierte Hilfe hat in diesem Land viele Konflikte angeheizt oder gar erst ausgelöst. Indem Hilfsorganisationen ihre Mitarbeiter abziehen, verlieren sie das Wichtigste: persönliche Kontakte, das Flechtwerk aus Vertrauen und Beziehungen, das die Arbeit dort erst möglich macht.

Der typische Krisenhelfer, der in Afghanistan vor Ort ist, arbeitet dagegen rund um die Uhr, ist jung, verfügt über keinerlei Kontakte, ist maximal ein Jahr lang auf seiner Stelle, wovon er nur ein halbes Jahr tatsächlich im Land verbringt. Er spricht keine der Ortssprachen. Er hat oft nur eine geringe kulturelle Vorerfahrung. Er ist vollkommen vom lokalen Team abhängig. Er hat keine Chance, mögliche politische Fehlentscheidungen und Korruption aufzudecken, wenn sich das Team bei Fehlern gegenseitig deckt. Der Krisenhelfer ist ganz mit der bürokratischen Dimension seiner Arbeit beschäftigt. Er darf so gut wie nie seine gesicherte Unterkunft verlassen. Jeder seiner Schritte ist durch nicht immer sinnvolle Sicherheitsregeln aus Deutschland reglementiert.

Sind wir also in Afghanistan wirklich am Ende? Dieser Text ist kein Plädoyer fürs Aufgeben. Im Gegenteil. Afghanistan lässt sich nicht einfach mit einer Mauer einfrieden und isolieren. Wollen wir verhindern, dass das Elend und der Hass dieses Landes auch nach Deutschland geworfen werden, dass in den engen Tälern von Nangahar und Nuristan neue Radikalisierungsbewegungen aufkeimen, der Nachbar Pakistan in den Sog des Chaos gezogen wird und am Hindukusch erneut irgendwann die Supermächte aufeinanderprallen, können wir dem Problem Afghanistan nicht ausweichen. Früher oder später wird es uns einholen.

Doch braucht es klare Entscheidungen. Es geht dabei nicht um mehr Geld. Es geht um ein anderes Risikobewusstsein. Solange die Bundeswehr nicht wirklich mit ihren beschränkten Fähigkeiten in Afghanistan gebraucht wird, sollte sie abgezogen werden. In dieses Land sollten nur Truppen geschickt werden, die kämpfen dürfen und können.

Wir brauchen ein neues Sicherheitsbewusstsein

Wir brauchen mehr Ernsthaftigkeit. Wir erlagen in der Vergangenheit der Illusion, ein Land grundlegend umbauen zu können, das wir kaum verstehen. Bevor wir in Afghanistan etwas verändern, braucht es Veränderungen bei uns.

Unser Hilfssystem muss sich auf die neue Krise einstellen – nicht nur in Afghanistan, auch in vielen anderen Konflikten dieser Welt. Immer weniger sind staatliche Großorganisationen wie die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit fähig, ihrem politischen Auftrag in Krisengebieten nachzukommen. Vor zwei Jahren hat sich die GIZ schon aus dem Südsudan zurückgezogen – weil auch dieses Land ihr zu gefährlich ist.

Wir brauchen ein neues Sicherheitsbewusstsein. Wollen wir in Afghanistan Dinge verändern, dürfen wir uns nicht einschüchtern lassen, wenn Mitarbeiter entführt und auch getötet werden. Andere Nationen reagieren robuster. Die Deutschen sind bei den Taliban und dem IS dafür bekannt, dass sie bei Gewalt das Weite suchen. Das Generalkonsulat in Masar-i-Scharif wurde nach einer Attacke geschlossen. Die GIZ hat nach der Entführung einer Mitarbeiterin sämtliche Büros und Gästehäuser in Kabul geschlossen. Angriffe gegen deutsche Einrichtungen haben sofort einen politischen Effekt. Das macht sie aus Sicht der Taliban zu einem äußerst lohnenden Ziel. Sind wir als Gesellschaft zu diesen Opfern nicht bereit, haben wir in Afghanistan nichts zu suchen.

Wir brauchen neue, flexiblere Strukturen. Wir brauchen in Deutschland Ausbildungsstätten für eine neue Generation von Krisenhelfern, die nicht nur Förderrichtlinien vermitteln, sondern Sprache und Kultur. Die DDR hat es vorgemacht.

Die Pläne deutscher Außenpolitik sind in Afghanistan weitgehend gescheitert. Dringend brauchen wir neue – doch zuerst brauchen wir Mut: uns das Scheitern einzugestehen.