Vor ein paar Tagen entdeckte ich das Wort "durchbrennen" in der Zeitung. Was ein schönes, strahlendes Wort! Es bezeichnet ja im doppelten Sinne etwas Aufwallendes, Juveniles, etwas irgendwie Eskalierendes. Sicherungen brennen bei Überhitzung durch, Mädchen in englischen Internaten brennen durch. Sie tun das, weil das stumme Sein im Zimmer nicht mehr auszuhalten ist, weil hinter dem efeuumrankten Fenster, aus dem sie klettern, etwas Besseres, Freieres wartet. Eine warme Nacht, ein Fahrrad, das am Regenrohr lehnt. Vielleicht eine Liebe.

Es war nur eine Meldung, acht magere Sätze, eine Nachricht aus Afghanistan, in der zur Abwechslung nichts explodierte und niemand starb. Sie war so kurz und leise und brutal, schon der erste Satz erwischte mich wie eine Ohrfeige: "Für den Versuch, gemeinsam durchzubrennen, haben die radikalislamischen Taliban in Afghanistan ein junges Paar öffentlich auspeitschen lassen." Ich wollte zurückschlagen, doch meine Hand stocherte im Nichts der Düsternis.

Dieses Paar, so las ich, floh aus dem Norden des Landes, wo die Taliban regieren, in die zentrale Provinz Ghor, nachdem ihre Familien eine Hochzeit abgelehnt hatten. Ihre Flucht missglückte, Familienmitglieder sammelten sie ein und brachten sie zurück in ihr Dorf, in die Provinz Farjab. Dort hielten die Taliban eine "provisorische" Gerichtsverhandlung ab, was auch immer das Wort "provisorisch" hier zu bedeuten hat; wohl kaum die Einsicht der Beteiligten, dass Unrecht immer ein Provisorium ist, das irgendwann einstürzt, zertrümmert und entsorgt wird auf der Müllhalde der Geschichte.

Das Gericht verurteilte das Paar zu öffentlichem Auspeitschen. Nun stelle ich sie mir vor: mit Striemen am Körper und voller Sehnsucht. Eine moderne Variante von Romeo und Julia. Wobei "modern" durch "steinzeitlich" zu ersetzen ist, man tut dem Italien des 14. Jahrhunderts wahrscheinlich unrecht, wenn man es mit einer Taliban-Provinz vergleicht.

Worüber haben wohl jene Brüder, Väter, Cousins oder Onkel gesprochen, als sie ihr Land durchquerten, auf der Suche nach dem geflohenen Paar? Kamen ihnen, wie jedem Wandernden üblicherweise, nicht irgendwann Zweifel an ihren Gewissheiten und am festen Glauben, mit dem sie aufgebrochen waren? Zweifel zum Beispiel daran, dass dieser Gott, der die kühnen Berge von Farjab erschaffen hat, es tatsächlich gut findet, dass man zwei Menschen einfängt und bestraft, weil sie einander lieben.

Was fühlten die Brüder, die Väter, die Cousins oder Onkel, als sie die Liebenden aufgespürt hatten? Und warum ließ Gott, der die Berge von Farjab erschuf, nicht in jenem unglückseligen Moment einen Sandsturm aufkommen, so wild und wütend, in dem ein jeder sich verliert, der nicht Händchen hält? Ich glaube, dass es einen Gott gibt (wobei sich dieser Glaube durch eine lange Wanderung erschüttern ließe). Ich glaube nicht, dass er uns Gesetze, Normen, Regeln, Zwänge, Propheten und Religionen schickt, die heiliger und schützenswerter sind als die Liebe zwischen zwei Menschen, als ihre Zärtlichkeit, ihr Kümmern, ihre Verantwortung füreinander, als ihre Begierde.

Vor Jahren gingen in der islamischen Welt zornesrote Männer auf die Straße, weil eine dänische Zeitung Mohammed-Karikaturen gedruckt hatte. An jenem Tag, an dem dieselben Männer, oder vielleicht ihre Söhne und Töchter, auf die Straße gehen, weil ein Paar aus Farjab in Afghanistan von ein paar Idioten auseinandergerissen wird, gegen jede Regel der Menschlichkeit; an jenem Tag, an dem Extremisten irgendwo zwischen Kabul und Marrakesch Plastikstühle zertrümmern und Fahnen verbrennen – für das Recht auf Freiheit, für das Recht auf Liebe, für das universelle Recht auf Glück –, konvertiere ich zum Islam, zur Religion des Friedens, inschallah.

Wo sind die Liebenden von Farjab jetzt? Wie viele Dörfer trennen sie? Haben sie einen guten Plan, um wieder durchzubrennen? Ich drücke die Daumen, ihr beiden, ich denke an euch.