Ich sah wohl nicht glücklich aus, als ich den Affen aß. "Hier hast du einen Arm", sagte mein Begleiter, "er ist fest durchgebraten. Die schwarze Kruste kratzt du besser ab. Möchtest du Maniokmehl dazu? Jetzt schau mich nicht so an!"

Madarejúwa Tenharim, mein Gastgeber im Amazonaswald, war damals 20 Jahre alt. Der junge Krieger war stolz darauf, dem Besucher aus dem fernen Deutschland ein Festmahl zu bereiten. Den ganzen Tag über machte er großes Aufhebens um die Plastiktüte, die er durch die Gegend trug. Welcher Schatz mochte sich wohl darin befinden? Als die Sonne unterging, lüftete er das Geheimnis.

"Es gibt einen Braten. Ich habe eine Überraschung für dich. Ich habe uns einen Affen gejagt. Es ist ein Kapuzineraffe, ein Weibchen. Kapuziner eignen sich gut für den Grill."

Wir hatten unser Lager am Marmelos-Fluss aufgeschlagen, zwischen den Bäumen eines uralten Kastanienhains. Das nächste Dorf war vier Bootsstunden entfernt. Schnell brach die feuchtkalte amazonische Nacht herein, und wir rückten nah an unser Feuer, dessen Flammen um das zerlegte Affenweibchen züngelten.

Zögerlich knabberte ich an dem zähen Fleisch, halb aus Hunger und halb aus Höflichkeit. Madarejúwa versprach, dass der Rauch die Moskitos fernhalten werde, das Holz müsse die ganze Nacht brennen. Als es im Unterholz knackte und grunzte, bekam ich Angst. Hatten wir irgendein Raubtier mit dem Duft des Fleisches angelockt?

Madarejúwa lachte und war schon nicht mehr beleidigt über meinen zurückhaltenden Appetit. Er fürchtet sich vor nichts in diesem Wald.

Die Tenharim bewohnen ein Schutzgebiet im südlichen Amazonasgebiet, das ungefähr die Größe von Schleswig-Holstein hat. Ein Stück Regenwald voller Flussläufe und Wasserfälle, wilder Tiere und seltener Pflanzen. Die gut 900 Angehörigen des indigenen Volkes bewahren sich dort eine erstaunlich ursprüngliche Lebensweise, obwohl sie schon seit Jahrzehnten immer wieder Kontakt mit den Weißen haben – mal friedlich und mal kriegerisch.

Nur eine kleine Zahl von Tenharim-Familien lebt noch bis heute ohne Kontakt mit der Außenwelt im Wald. Sie sind nackt bis auf einen kleinen Lendenschurz und ziehen als Jäger und Sammler umher. Doch mein Begleiter Madarejúwa gehört nicht dazu. Er ist eher ein Wanderer zwischen zwei Welten. Als ich ihn kennenlernte, saß er in einem Dorf an der Durchfahrtsstraße, in dem es schon Stromgeneratoren, Wassertoiletten und weitere Vorzüge der Moderne gab. Er trug ein Fußballtrikot und eine angeberische Sonnenbrille. Einige Male schon hatte er die Siedlungen der Weißen besucht, wo er mit dem Fernsehen und sogar dem Internet in Kontakt kam, und er schleppte ein altes Mobiltelefon mit sich herum. Das konnte er freilich nicht benutzen. Bei den Tenharim gibt es weit und breit keinen Mobiltelefonempfang.

Madarejúwa ist aber auch mit den Geschichten aufgewachsen, die ihm die Ältesten seines Volkes in der Stammessprache Kagwahiva erzählten. Von Beginn an erlernte er die alte Kultur.

"Seit ich ein Kind war, lerne ich. Zuerst schenkte mein Großvater mir einen kleinen Bogen und Pfeile mit Spitzen aus Latexgummi, damit ich niemanden verletze. Später zog ich mit ihm durch den Wald und jagte an seiner Seite. Ich weiß, wie man einen Bogen hält – ja, so, du schaust über den Pfeil auf dein Ziel. Du gibst ihm seine Richtung mit den Fingern der linken Hand, dann ziehst du die Sehne zurück und lässt den Pfeil fliegen. Ganz schnell muss das geschehen. Du musst es können, wenn du ein Jäger sein willst."

Sobald wir das Dorf an der Straße verlassen hatten, wurde Madarejúwa ein anderer Mensch. Er trug nun seine Federkrone und bemalte seinen Körper mit der rostroten Farbe des Anattostrauchs. Um seine Aufmerksamkeit und die Sehschärfe zu steigern, nahm er Drogen nach dem Rezept der Schamanen seines Volkes. Mehrere Monate im Jahr zieht er mit seiner Familie so durch den Wald. Dann leben sie vom Fischen und Jagen, nomadisch wie in der alten Zeit.