Zweieinhalb Wochen hat es gedauert, bis der Bischof seinen Mitarbeitern das erste Mal persönlich Rede und Antwort steht. Es sind die Mitarbeiter des Bischöflichen Ordinariats, der Verwaltung des Bistums, die sich an diesem sonnig-kalten Donnerstagnachmittag in der Aula der Katholischen Universität versammeln. So viel Vorlauf das Ganze gebraucht haben mag, so gut vorbereitet wirkt es jetzt. Nicht einmal die Sitzordnung ist dem Zufall überlassen.

An der Wand hinter dem Rednerpult hängt ein Kreuz, daneben haben die Veranstalter zwei Tische aufgebaut. Am linken wird später Bischof Gregor Maria Hanke sitzen. Einige Meter weiter steht ein zweiter Tisch, daran werden zwei Mitglieder der Mitarbeitervertretung der Diözese Platz nehmen. Sie werden dem Bischof später eine Reihe unangenehmer Fragen stellen. Er, allein an einem Tisch, sie frontal gegenüber: Das sieht nach kritischer Distanz aus, nach Offenheit, Transparenz, Kontrolle. Nach einer Mitarbeitervertretung, die ihren Chef in die Pflicht nehmen kann. Kurz: nach all dem, was im Bistum Eichstätt zuletzt gefehlt hat. Doch wie glaubwürdig ist das?

Anfang des Monats hatte die Diözese öffentlich gemacht, dass ein ehemaliger Mitarbeiter der Finanzkammer etwa 48 Millionen Euro in ungesicherte Immobilienkredite in die USA vergeben haben soll. Da viele der Kredite noch laufen, ist das Ausmaß des Schadens noch nicht endgültig absehbar. Schon jetzt summieren sich die Ausfälle aber auf 17,4 Millionen Euro. Offenbar geschah all das in betrügerischer Absicht, der Mitarbeiter und ein in den USA ansässiger Kompagnon waren beteiligt an den Firmen, an die die Zahlungen flossen. Beide sitzen mittlerweile in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft München II wirft ihnen Untreue, Bestechung und Bestechlichkeit vor. Die Beschuldigten haben sich bislang noch nicht dazu geäußert.

Viele Katholiken im Bistum sind wütend. Eichstätt ist eine der katholischsten Gegenden Deutschlands. Die Kirche ist ein wichtiger Arbeitgeber, fast jeder hier hat einen Bezug zu ihr. Im Gespräch mit Christ&Welt erzählen mehrere Menschen, dass sie überlegen, auszutreten – fast immer mit dem Zusatz, dass sie sich durchaus noch als gläubige Katholiken verstünden. Öffentlich zitieren lassen will sich indes niemand. Fest steht: Die Zahl der Kirchenaustritte hat sich im Februar verdreifacht. Hat die Kommunikationsstrategie des Bistums Eichstätt versagt?

Nur spärlich sickern die Informationen durch. Bischof Gregor Maria Hanke hat zu dem Fall bisher nur wenige Interviews gegeben, und wenn, dann fast ausschließlich katholischen Medien und dem lokalen "Donaukurier". Er war bei ein paar Pfarreien vor Ort, hat mit Gläubigen und Ehrenamtlichen gesprochen, im Rahmen seiner üblichen Visitationen. Das Bistum hat eine Info-Hotline geschaltet, und auch im jüngsten Hirtenbrief finden sich ein paar Worte zu dem Skandal. Die große kritische Öffentlichkeit ist das nicht. Viele Katholiken in Eichstätt sind dementsprechend enttäuscht.

Fragt man nach bei der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB), der Interessenvertretung katholischer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, wie gut die Mitarbeiter sich informiert fühlen, dann sagt Bildungsreferent Kurt Schmidt sehr diplomatisch, der Fall werfe doch ein paar Fragen auf. Auch die KAB wurde vor einigen Jahren vom Bistum neu budgetiert, am Ende mussten zwei Mitarbeiter gehen. Das liegt schon länger zurück als die Betrugsfälle, aber "auch damals hieß es immer, das Bistum habe kein Geld", sagt Schmidt im Gespräch mit Christ&Welt. Es ist eine Zeit, an die er sich nicht gerne erinnert. Dass man gleichzeitig derart sorglos mit Rücklagen umging, "das tut in gewisser Weise weh". Ob er der Kirche abnimmt, dass sie Opfer geworden ist? "Ich bemühe mich, es zu glauben." Auch bei der Caritas befürchtet man jetzt Einbußen wegen des Finanzskandals. Die Frühjahrssammlung hat gerade angefangen. Delikat ist, dass das Bistum sich in den letzten Jahren aus der Sanierung der katholischen Kindergärten und Schulen zurückgezogen hat – immer mit dem Verweis, es sei kein Geld da. Bei zwei katholischen Kindergärten musste schließlich die Kommune einspringen. Das hat man hier nicht vergessen.

Einer der wenigen, der auch öffentlich seine Meinung sagt, ist der ehemalige Oberbürgermeister der Stadt, Arnulf Neumeyer. Er ist der einzige SPD-Bürgermeister, den das ansonsten tiefschwarze Eichstätt je hatte. Im Februar hat er dem "Donaukurier" einen Leserbrief geschrieben. Darin heißt es: "Der Herr Bischof hat lückenlose Aufklärung angekündigt, was aber bisher bekannt geworden ist, ist mehr als dürftig, vor allem, wenn man bedenkt, dass ja der Skandal schon seit über einem Jahr intern bekannt ist." Neumeyer sagt im Gespräch mit Christ&Welt, er habe für den Brief viel Zuspruch bekommen. Sogar von Leuten, die er gar nicht kenne. Was ihn und viele hier so wütend macht, ist, dass das Bistum so wenig Verantwortung übernimmt.

"Wir sind Opfer, nicht Täter." Das war die Botschaft auf der bisher einzigen Pressekonferenz zu dem Fall Anfang Februar. Dabei wurde der Betrug nur möglich, weil es offenbar kaum Kontrollen gab. Geradezu auffällig bedeckt hält sich die Kurie, wenn es um die Rolle des damaligen Finanzdirektors des Bistums geht – also jenes Mannes, der offenbar jeden der 31 hochriskanten Kredite gegenzeichnen musste. Ende 2016 ging er in den Ruhestand. In der Strafanzeige, die der Bischof im Juli 2017 bei der Münchner Staatsanwaltschaft einreichte, wird er als Kleriker "ohne tiefer gehende wirtschaftliche Kenntnis" geschildert. Eine Variante, an der zunehmend Zweifel laut werden. Vor seiner Berufung zum Bistumsökonomen leitete er acht Jahre lang den örtlichen Caritas-Verband, ein Unternehmen mit rund 2.600 Angestellten, das allein in der Diözese 37 eigene Einrichtungen unterhält. Sieht so die Biografie eines Mannes ohne Wirtschaftskenntnisse aus?