Der britische Ökonom Gregory Clark sorgte vor vier Jahren mit einer Botschaft für Aufsehen. In seinem Buch The Son Also Rises behauptete er: Wenn es um die Frage geht, welchen sozialen Status ein Mensch hat, "spielen Gene eine überraschend starke Rolle". Oder anders formuliert: Die Veranlagung eines Menschen sei die Ursache dafür, ob jemand zu den Armen oder Reichen in einem Land gehöre.

Seine Botschaft begründete Clark mit einer Studie. Anhand von selten vorkommenden Nachnamen hätten er und seine Kollegen zurückverfolgen können, dass sich der Status verschiedener Familien von Generation zu Generation kaum verändert habe. Manche Menschen hätten eben von Geburt an mehr "soziale Kompetenz" als andere, schlussfolgerte Clark, also eine "Mischung aus Antrieb und Können".

So ungerecht, wie viele meinen, gehe es demnach in der Welt gar nicht zu. Dass manche Menschen einen höheren Status hätten, liege nicht an ihren besseren Startchancen, sondern an den vererbten Fähigkeiten, und sei also kaum beeinflussbar.

Die New York Times und der Economist griffen Clarks These in mehreren Artikeln auf, auch die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schrieb: "Schlechte Nachrichten für die Freunde von Gerechtigkeit und Gleichheit."

Schon länger wird über die Frage diskutiert, was man an der sozialen Ungleichheit in Deutschland wirklich ändern kann. Helfen soziale Maßnahmen Kindern aus ärmeren Verhältnissen beim Aufstieg? Studien wie die von Clark haben deswegen auch politische Konsequenzen. Sie können beeinflussen, wofür der Staat Geld ausgibt. Wer Clarks Argumentation folgt, dürfte Aufstiegshilfen für Ärmere als unsinnig ansehen.

60 Prozent der Faktoren, die den sozialen Status beeinflussen, vererben sich im Schnitt weiter

Vor wenigen Tagen veröffentlichten nun Ökonomen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) und der Universität Madrid eine neue Studie. Anhand von verschiedenen Datensätzen haben sie den sozialen Status von 10.669 Familien in Deutschland untersucht – bis in die vierte Generation, also auch von den Urgroßeltern.

Auf den ersten Blick scheinen ihre Ergebnisse Gregory Clarks These zu bestätigen: "Je niedriger der soziale Status der Urgroßeltern war, desto geringer ist der Status der Urenkel heute", sagt Sebastian Braun, der die Studie am IfW geleitet hat. Umgekehrt gelte dasselbe: Je höher der soziale Status der Urgroßeltern war, desto höher der Status ihrer Nachfahren. Zusammengefasst heißt das also auch: Armut und Reichtum wurden über Generationen weitergegeben.

Doch sosehr die Ergebnisse der Forscher aus Kiel und Spanien denen von Gregory Clark zu ähneln scheinen, in einem wichtigen Punkt wichen sie ab: Die neue Studie stellte Schwankungen über die Zeit hinweg fest.

So würden zwar im Schnitt 60 Prozent der für den sozialen Status einer Person maßgeblichen Lebensumstände von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Doch diese Zahl variiere in ihrer Erhebung je nach Zeitperiode um 50 bis 70 Prozent.

Damit widerlegen die Forscher aus Kiel und Madrid Clarks Hauptargument: Er hatte behauptet, dass die soziale Mobilität über alle Zeiten immer gleich geblieben sei, unabhängig von den Bedingungen, unter denen die Menschen lebten.