Die wichtigste Regel der Chemnitzer Tafel steht auf keinem Schild. Aber jeder kennt sie. Sie ist ganz einfach: Bei der ersten Anmeldung wird jeder Kunde einem Tag zugeordnet. Dienstag: Alleinerziehende, Behinderte und Pflegedienstmitarbeiter, die Menschen zu Hause versorgen. Mittwoch und Freitag: Deutsche. Donnerstag ist Ausländertag. So nennen das die Leute, die hier Essen abholen. So heißt es auch bei den Tafel-Mitarbeitern, wenn sie über ihre Schichten reden.

Christiane Fiedler, die Chefin der Chemnitzer Tafel, sucht im Gespräch mit Journalisten lieber nach einem anderen Wort: "Das ist ja politisch nicht so korrekt. Wie soll man das also nennen?", fragt sie. "Vielleicht sollte man sagen: Wir haben verschiedene Tage für Neu-Chemnitzer und Alt-Chemnitzer."

Nun also Chemnitz. Es ist keine Woche her, dass Deutschland über Jörg Sartor, den Chef der Essener Tafel diskutierte, weil der beschlossen hatte, vorerst keine Migranten mehr als Neukunden aufzunehmen. Begründung: Der Migrantenanteil unter den Tafel-Kunden sei auf 75 Prozent gestiegen, es habe Rangeleien gegeben, Deutsche hätten sich über das Verhalten von Ausländern beschwert. Seither tobt ein empfindlicher Streit, und wie so oft bei solchen Fragen tun sich gleich zwei Lager auf, jedes für sich fest überzeugt, der richtigen Seite anzugehören. Ein Teil nennt die Essener Entscheidung diskriminierend, rassistisch gar. Andere finden: So geht Pragmatismus. "Nervig" findet Christiane Fiedler in Chemnitz die Aufregung. Sie kennt den Essener Tafel-Chef nicht, kann aber dessen Entscheidung nachvollziehen. "Viele hauen jetzt auf ihn ein. Vorher hat seine Situation keinen interessiert. Aber er hat auf eine Notsituation reagiert – genau wie wir damals."

Damals, das bedeutet: Vor 19 Jahren, 1999. Da kam es zu einem Vorfall, der für die Chemnitzer Tafel traumatisch war. So klingt es jedenfalls, wenn Frau Fiedler, eine sanfte Frau von 57 Jahren, davon erzählt. Viele Russlanddeutsche seien in jener Zeit in die Stadt gekommen, sie reihten sich neben Einheimische in die Essensschlangen. "Es schaukelten sich Spannungen hoch, und eines Tages ist es eskaliert. Die Leute sind sich gegenseitig an die Gurgel gegangen. Ausländer haben auf Deutsche geschimpft und umgekehrt. Auch unsere Mitarbeiter wurden angegriffen. Es ging um Futterneid. Ein wüstes Chaos." Die Polizei kam. Danach blieb die Tafel für einen Monat geschlossen. Man brauchte Zeit, zu diskutieren, wie es weitergeht. Dann legte man sich fest: Niemand wird ausgeschlossen, aber die Bedürftigen werden getrennt. Kulturell, gewissermaßen. "Für unsere Arbeit hat sich diese Lösung bewährt", sagt Frau Fiedler. "In irgendeine rechte Ecke lasse ich mich deshalb nicht drängen. Unser Anliegen ist es, Menschen zu helfen und keinen Ärger zu haben."

Ist das Chemnitzer Modell am Ende sogar noch das bessere, das pragmatischere im Vergleich zum Essener Aufnahmestopp?

Christiane Fiedler lebt schon länger mit Kritik. Einige Tafel-Kollegen aus anderen Städten verstehen den Chemnitzer Weg nicht. Christiane Fiedler sagt jedoch: Wenn es nun mal verschiedene Kulturen des Anstehens gebe, wieso sich nicht darauf einstellen? Und wieso überhaupt Tafel-Chefs kritisiert würden, weil sie mit Problemen umgehen, für deren Entstehen sie nicht verantwortlich sind? Ihr, Fiedler, ist bewusst, dass ihre Tafel ein politischer Schauplatz ist. Hier prallen große theoretische Kontroversen auf die Praxis. 1400 Menschen kommen jede Woche zur Chemnitzer Tafel, ein Drittel davon sind Zuwanderer, ihr Anteil wächst. "Gruppen, die sich sonst in der Gesellschaft eher aus dem Weg gehen würden, kommen bei der Tafel zusammen", sagt Fiedler. Was sie am meisten ärgere, sei dann der Vorwurf: "Wir würden Menschen trennen, also diskriminieren, und das habe doch nichts mit Integration zu tun." Immer antwortet sie das Gleiche darauf: "Was bitte haben wir denn mit Integration zu tun?" Eine Tafel leiste alles Mögliche, man sei Statistiker, Logistiker, Sicherheitsbeauftragter, Buchhalter, notfalls auch Ersthelfer und sowieso ein täglicher Kummerkasten. "Aber wir sind keine Sozialpädagogen oder Integrationsbeauftragten. Das ist nicht unsere Aufgabe", sagt Christiane Fiedler. "Wir wollen Lebensmittel retten und an Leute verteilen, denen damit geholfen wird."

Die Schlange, draußen an der Tafel-Tür, ist auch an diesem Donnerstag, am "Ausländertag", lang. Alle warten geduldig. Ein Ukrainer, Anfang 60, kippt Dutzende Brötchen in seinen Rollkoffer. Stört es ihn, dass er an einem anderen Tag als Deutsche eingeteilt ist? "Egal", sagt er und rollt davon. Auch ein Flüchtling, 37, aus Syrien, zuckt mit den Schultern. Jede Woche holt er bei der Tafel Lebensmittel. Ihn kümmert nicht, wann er das tut. "Hauptsache, Hilfe", sagt er. Andere stört die Trennung. "Komisch" findet es ein Syrer, der sich als Mohammed vorstellt. "Wir sind doch alle gleich. Es gibt auch doofe Deutsche, vor denen ich Angst habe." Und Spätaussiedlerin Olga ärgert sich: "Inzwischen habe ich auch einen deutschen Pass. Trotzdem werde ich weiter am Ausländertag eingeteilt. Das ist verwirrend, aber ich halte mich an die Regeln." Ein paar Meter vor Olga wartet eine gebürtige Chemnitzerin, die gestern selbst Essen abgeholt hat und heute ihre russische Freundin begleitet. Seltsam findet sie die Trennung nicht. "Sicherheitsmäßig ist das besser. Man weiß ja nie, wer am Ausländertag kommt. Von der Mentalität her gibt es Unterschiede. Allein, wie die Körbe rumstehen. An deutschen Tagen ist es ordentlicher."

Das wiederum, sagt Tafel-Chefin Christiane Fiedler, könne sie nicht bestätigen. Doch auch sie erzählt von verschiedenen Mentalitäten. "Früher haben sich die Spätaussiedler schon im Morgengrauen angestellt. Die Deutschen kamen erst später und haben sich geärgert. Solche Differenzen wollen wir nicht klären." Komplizierte Verhältnisse kann sie aber nicht vermeiden. "Allein das weite Feld der Spätaussiedler. Die einen fühlen sich mehr russisch, die anderen mehr deutsch." Sie will es gut machen, aber sie weiß auch: Allen rechtmachen kann sie es nicht.

Fiedler hat die Chemnitzer Tafel gegründet, als sie selbst in Not war. In den Neunzigern hatte sie ihren Job bei einem Wohnungskombinat verloren, geriet in eine Sinnkrise. Dann sah sie im Fernsehen einen Beitrag über die Hamburger Tafel und kam auf die Idee, ein Chemnitzer Äquivalent zu gründen. Über 50 Mitarbeiter gibt es inzwischen, die meisten sind ältere Frauen. Fast alles läuft ehrenamtlich.

Am Eingang kontrolliert Christa Brünschwitz, 71, eine kleine Dame, die seit zehn Jahren als Ehrenämtlerin aushilft, die Tafel-Ausweise. Letztes Jahr war sie am Dienstag eingeteilt, nun arbeitet sie donnerstags, am "Ausländertag". Für sie macht das keinen großen Unterschied. "Heute verstehe ich viele Leute nicht, sonst ist alles gleich. In allen Schichten gibt es Leute, die nett Danke sagen. Und andere, die unfreundlich sind." Was sie ärgere, sei eine ganz neue Form der Kundschaft: "Die jungen deutschen Kerle, die kräftig genug zum Arbeiten sind, aber Drogen nehmen, keinen Abschluss haben, ihr Leben nicht auf die Reihe kriegen." Und nun zur Tafel kommen.