Hinter Symptomen verbergen sich oft die rätselhaftesten Geschichten. Zum Beispiel die von Hermann Bantam*, einem passionierten Jäger. Ihm taten die Ellenbogen und Knie weh. Der Hausarzt vermutete eine Gelenksentzündung und verordnete Cortison. Die Beschwerden verschwanden, und Bantam setzte das Cortison nach und nach ab. Dann aber zwickte es den 73-Jährigen am ganzen Leib: "So, als wenn man einen kratzigen Wollpullover trägt. Morgens habe ich nur noch leichte Sachen angezogen, selbst wenn es draußen kalt war." Doch Bantams Haut war makellos, sein Hausarzt wusste nicht mehr weiter. Ein Fall für die Juckreiz-Ambulanz des Universitätsklinikums Münster.

Juckreiz ist neben dem Schmerz eines der häufigsten Symptome in der Medizin. Jeder sechste Mensch in der arbeitenden Bevölkerung leidet chronisch unter diesen Beschwerden, also einem Jucken, das länger als sechs Wochen anhält. Es quält viele Menschen nicht weniger als chronische Schmerzen. Schlaflosigkeit, Erschöpfung und Depression bringen die Betroffenen oft an ihre Grenzen, selbst das Suizidrisiko von Patienten mit Schuppenflechte oder Neurodermitis ist deutlich erhöht. Doch unter Ärzten galt Juckreiz lange als Lappalie, als "kleiner Bruder des Schmerzes". "An der Universität wird Juckreiz in der Ausbildung der Mediziner bislang nicht flächendeckend gelehrt", sagt Sonja Ständer. "Schmerz hat eine Lobby, Juckreiz nicht." Die Leiterin der Juckreiz-Ambulanz ist angetreten, das zu ändern.

2.500 Patienten kommen jedes Jahr ins Kompetenzzentrum Chronischer Pruritus in Münster, weil die Salben und Medikamente nicht mehr anschlagen oder keine Ursache für die Plage gefunden worden ist. Auf dem Gang sitzen die Patienten, iPads auf ihren Knien. Die Aufgabe: Über 100 Fragen sind zu beantworten, zur Stärke, Art und Dauer des Juckens, zu Lebensqualität, Vorerkrankungen und eingenommenen Medikamenten. Das alles ist wichtig, weil Juckreiz sehr unterschiedliche Ursachen haben kann. Über 50 Auslöser kommen infrage, und viele haben nichts mit der Haut zu tun. Die Bandbreite reicht von Insektenstichen über Allergien, Stoffwechselstörungen, neurologische Erkrankungen, Nebenwirkungen von Medikamenten bis hin zum Frühsymptom von Krebs, zum Beispiel Lymphomen. In rund zehn Prozent der Fälle ist der Juckreiz die Folge einer Erkrankung innerer Organe, wie der Primär biliären Zirrhose, einer chronischen Leber-Gallengangs-Entzündung.

Für genauere Untersuchungen werden jedes Jahr rund 500 Patienten in Münster stationär aufgenommen – darunter auch Hermann Bantam. Auf einer Skala von null (kein Juckreiz) bis zehn (schwerster vorstellbarer Juckreiz) stufte er seine Beschwerden anfangs auf vier ein. Sein Maßstab verschob sich: "Wenn ich hier manche Patienten sehe, die sich ganz blutig gekratzt haben, geht es mir sehr gut", sagt er.

Die Ärzte in der Klinik betrachteten seine Haut, sie durchleuchteten ihn, vermaßen seine inneren Organe mit Ultraschall und entnahmen Blut sowie Gewebeproben vom rechten Unterschenkel. Schließlich eröffnete Sonja Ständer dem Jäger eine verblüffende Diagnose: Durch das Cortison sei vorübergehend der Blutzucker-Stoffwechsel außer Kontrolle geraten. Schon diese kurze Episode der Überzuckerung habe offenbar gereicht, um winzige Nervenfasern der Haut zu schädigen. Sie feuerten deshalb schon bei zarten Berührungen. "Kleinfaserneuropathie" nennen es die Ärzte.

Der Fall zeigt exemplarisch, wie nah Juckreiz und Schmerz beieinanderliegen. So lösen Neuropathien, wie sie oft bei Diabetes vorkommen, in den meisten Fällen Schmerzen statt Juckreiz aus. Fast alle Teile des Systems, das im Körper Schmerzreize verarbeitet, werden auch vom Juckreiz-System genutzt. Es sind Warnsysteme: Der Schmerz warnt vor den äußeren Gefahren, vor denen man lieber davonläuft, wie Dornen oder Tigern; der Juckreiz vor kleinen Bedrohungen in der Haut – Parasiten, Pflanzen, Allergien –, denen man sich kratzend zuwendet. Die Symptome sind verwandt und doch gegensätzlich.