Ertragt euch!

Ein chinesischer Herrscher trifft einen weisen Mönch.

"Ich war immer tolerant", sagt der Herrscher, "gegenüber Menschen mit großen Ohren. Wie hoch ist mein Verdienst?"

"Was hast du gegen Menschen mit großen Ohren?", fragt der Mönch.

"Nichts natürlich!"

"Dann kannst du ihnen gegenüber nicht tolerant gewesen sein."

Paradox klingt diese Geschichte, die einer Erzählung aus dem Zen-Buddhismus nachempfunden ist. Doch sie bringt es auf den Punkt: Viele glauben heute, Toleranz bedeute, ständig zu beteuern "Ich hab nichts gegen ...". Dabei ist es umgekehrt. Wenn mich laute Musik nicht stört, hat es nichts mit Toleranz zu tun, wenn ich meinem Nachbarn sage: "Mich stört deine Musik nicht." Toleranz ist, wenn mich die Bässe in den Wahnsinn treiben und ich ihn trotzdem aufdrehen lasse. Wenn ich durchaus etwas gegen die Meinung oder Lebensweise eines anderen habe – und ihm zugestehe, dass er daran festhält.

Zwischenfrage: Wer nichts und niemanden schlimm findet, hat also keine Möglichkeit, tolerant zu sein? Gegenfrage: Kennen Sie so jemanden?

Das "Ich hab nichts gegen ..."-Missverständnis entzweit unsere Gesellschaft. Die einen treibt es in den Glauben, sie dürften auf keinen Fall mehr sagen, dass sie etwas oder jemanden nicht mögen. Die anderen markieren aufgeregt die "Grenzen der Toleranz" – allerdings dort, wo Toleranz erst anfinge. In einer Studie von ZEIT und Infas gaben gerade einmal 52 Prozent der Befragten an: "Man sollte immer auch Meinungen tolerieren, denen man eigentlich nicht zustimmen kann." Das ist ein spektakulär niedriger Wert für eine Demokratie, die sich als offen und vielfältig betrachtet.

Die Umfrage ermittelte auch, an welchem Punkt in unserer Gesellschaft das Wir-Gefühl endet. Menschen anderer Religionen gehören demnach für 82 Prozent zu "uns", Homosexuelle für 80 Prozent, Flüchtlinge für 71 Prozent. Das Schlusslicht bilden "Menschen, mit deren politischer Einstellung Sie nicht einverstanden sind". Nur 62 Prozent der Befragten möchten sie um sich haben.

Ist das nicht verrückt? Wir haben den Umgang mit unterschiedlichen Religionen, Kulturen, Geschlechtern, sexuellen Orientierungen gelernt – aber wenn jemand eine andere politische Meinung hat, überfordert das mehr als jeden Dritten.

Deshalb hören wir vom "Riss durch die Gesellschaft", wo es, wie in jedem Land, einfach nur unterschiedliche Auffassungen zur Zuwanderungspolitik gibt. Familien und Freundschaften sind daran am Küchentisch zerbrochen. Stumm reichen Väter das Telefon weiter, wenn die Tochter mit der furchtbaren Weltsicht anruft. Ehemals enge Kumpel schlagen Einladungen aus. Menschen rücken voneinander ab – einfach nur, weil sie andere Ansichten vertreten.

Viele umgeben sich überhaupt nur noch mit Gleichgesinnten. Das gilt nicht bloß für die autonome Szene oder Pegida-Anhänger, sondern auch für Kreise, die glauben, liberal und weltoffen zu sein. Sicher, hier diskutiert man gern. Man sucht "Kontakt zu Andersdenkenden", aber mit dem unverhohlenen Ziel, sie von ihrer "falschen" Meinung abzubringen.

Nichts gegen Diskussionen. Sie sind Informationsquelle, Störungsmelder, sie bringen Probleme, Unzufriedenheiten auf die Tagesordnung. Toleranz allein macht die Welt nicht gerechter. Im schlimmsten Fall verzögert sie einen überfälligen Wandel. Ohne den langen Atem derjenigen, die Ungerechtigkeiten benennen, dürften beispielsweise verheiratete Frauen vielleicht immer noch nicht frei entscheiden, ob sie einen Beruf ausüben – wie es bis 1977 der Fall war.

Die Diskussion hat also ihre Existenzberechtigungen. Die geringste davon ist allerdings, andere zu überzeugen. Oder wie oft haben Sie es erlebt, dass ein Politiker in der Talkshow sagt: "Die Argumente leuchten mir ein; ich habe meine Meinung geändert"? Wann haben Sie einen solchen Satz zuletzt im Freundes- oder Familienkreis gehört?

Mit "postfaktisch", dem Wort des Jahres 2016, wähnte sich die Gesellschaft für deutsche Sprache einem Trend auf der Spur. Doch die vermeintliche Neuheit zählt seit Langem zum Standardwissen der Sozialpsychologie: Einstellungen beruhen nur ausnahmsweise darauf, dass wir Informationen sammeln und auswerten. Denn jede Meinung ist das Produkt einmaliger Lebensumstände: Erfahrungen, Begegnungen, berufliche, finanzielle, familiäre Situation, Wohnort, Gesundheit, Alter, Bildung.

Deshalb diskutieren wir ja so gern: weil wir uns über unsere Weltsicht definieren. Viele bekämen Probleme, wenn sie sich umstimmen ließen. Der Politiker würde in keine Talkshow mehr eingeladen: nicht streitlustig genug. Ändert jemand, wie Angela Merkel bei der Atomkraft, doch einmal seine Meinung, fragen manche erschrocken: Wofür steht sie denn nun? Der Nachbar, der mir zuliebe die Musik leiser dreht, macht sich vielleicht zum Gespött seiner Freunde, denn die lauten Partys waren sein Markenzeichen, Teil seiner Persönlichkeit. All das lassen wir uns so leicht nicht nehmen. Und es wäre vermessen, es jemandem nehmen zu wollen und ihm kurzerhand zu sagen: "Sieh die Welt doch einfach wie ich." Natürlich funktioniert das nicht.

Trotzdem ist in unserer Gesellschaft fast alles darauf ausgerichtet, andere von der eigenen Meinung zu überzeugen. Treffen zwei Menschen mit unterschiedlichen Ansichten aufeinander, machen sie sich sofort an die Arbeit. Meist trennen sie sich maulend: "Der ist für Argumente nicht zugänglich." Oder quittieren die Zeitverschwendung ironisch: "Gut, dass wir drüber gesprochen haben."

Es gehört zur Demokratie, dass ihre Bürger permanent darüber streiten, was richtig ist. Doch ihr Fortbestand hängt an einer anderen Frage: Wie gehen wir damit um, dass Meinung keine absolute Wahrheit kennt, dass jeder auf seine Weise recht hat?

Das Paradox der Toleranz

Stellen Sie sich eine Straßenkreuzung vor: Autos, Fahrräder, Motorräder, Busse, Taxis. Alle haben angehalten, die Fahrer diskutieren: welche Richtung die beste sei, welches Fortbewegungsmittel das wahre. Nichts ginge. Eine Kreuzung funktioniert nur, weil wir anerkennen, dass jeder seinen Grund dafür hat, heute mit dem Auto in die eine Richtung zu wollen, morgen zu Fuß in die andere. Und weil wir nicht über die einzig wahre Richtung brüten, sondern darüber: Wie schaffen wir eine Straße, auf der sich alle bewegen können, jeder auf seine Weise, ohne Stau und Karambolage?

Zu oft noch müssen das in Deutschland die Gerichte für uns übernehmen. Zwei Beispiele aus der Schule, neben dem Internet der Ort, an dem der Wettstreit um Weltanschauungen am härtesten ausgetragen wird: Ein elfjähriges muslimisches Mädchen verweigerte den Schwimmunterricht gemeinsam mit Jungen. Die Richter fanden eine Lösung, die gegensätzliche Überzeugungen respektiert: Sie schickten das Mädchen ins Becken. Es durfte einen Burkini tragen, um gemäß seinem Glauben seinen Körper zu verhüllen. Den Anblick der Mitschüler in Badehosen musste das Mädchen hinnehmen.

Der Vater einer anderen Schülerin verlangte, dass die Ganztagsschule seiner Tochter ein veganes Mittagessen kochte. Das Gericht erteilte ihm eine Absage: Schon aus praktischen Gründen kann keine Schule die Ernährungsgewohnheiten aller Familien berücksichtigen. Die Eltern haben aber das Recht, ihren Kindern eine Mahlzeit liefern zu lassen. So darf jeder seine eigene Gewissheit von seinem persönlichen Teller essen.

Solche Entscheidungen suchen nicht nach der einzigen Wahrheit, nach der einzig richtigen Überzeugung. Sie fragen: Was muss geschehen, damit jeder weiterkommt auf seinem Weg? Das kann frustrierend sein. Wie oft wünscht man sich eine Instanz, die sagt: "Du liegst mit deiner Meinung richtig, und die anderen sind Idioten." Solche Staaten gibt es. Die meisten sind Diktaturen.

Dass man einen Menschen nicht wegen seiner Hautfarbe benachteiligen darf, leuchtet den meisten ein. "Die hat er sich ja nicht ausgesucht", lautet ein gut gemeintes Argument. Genauso wenig aber macht eine andere Meinung jemanden zum Menschen zweiter Klasse, mag sie mir persönlich noch so abstrus erscheinen. Deshalb genießen auch Menschen Asylrecht, die wegen ihrer politischen Einstellung verfolgt werden, obwohl sie diese Einstellung ändern könnten.

Toleranz überwindet Grenzen, doch eine braucht sie selbst: Sie muss verhindern, dass die Intoleranten die tolerante Gesellschaft ausnutzen, um sie in ihr Gegenteil zu verkehren. "Das Paradox der Toleranz" hat der Philosoph Karl Popper dieses Problem genannt. Unser Recht lässt deshalb nicht zu, dass aus einer Meinung ein Angriff wird, etwa eine Beleidigung oder Volksverhetzung. Dass einem Menschen, ob wir ihn mögen oder nicht, gleiche Menschenrechte abgesprochen werden. Toleranz ist deshalb keine Ausrede für mangelnde Zivilcourage. Wenn ich sehe, wie jemand beschimpft, drangsaliert, gedemütigt wird, weil er anders ist oder anders denkt, muss ich ihm beistehen. Toleranz hat auch nichts damit zu tun, einem fremden Standpunkt zuzustimmen. Sondern damit, die Existenzberechtigung des anderen anzuerkennen, auch wenn mich dieses andere stört. Wenn ich Meinungen höre, die ich verwerflich finde, dann sollte ich widersprechen. Den Raum dafür schaffen kann aber nur Toleranz.

Ein Freund hat eine Kneipe. Er hat auch einen Aufkleber: "AfD muss draußen bleiben". Soll er ihn an die Tür kleben? Es bereite ihm körperliche Schmerzen, sagt er, Leuten Bier auszuschenken, deren Weltbild ihn abstößt. Aber genau da beginnt die Toleranz. In der kleinsten Kneipe ist Platz für unterschiedliche, auch gegensätzliche Meinungen. Ich möchte mein Bier nicht da trinken, wo alle so denken wie ich. Umgekehrt kann sich der AfD-Gast in Toleranz üben, wenn er sein Bier an dieser Theke mit Flüchtlingen trinkt. Denn tolerant ist auch, wer es falsch findet, dass ein Land bestimmte Zuwanderer aufnimmt – und trotzdem diesen Zuwanderern einen Platz in der Gesellschaft zugesteht.

Ein anderer Freund wurde mal gebeten, auf einem Familienfest seinen Mann nur als Kumpel vorzustellen. Es seien Gäste da, die für so etwas kein Verständnis hätten. Der Freund sagte ab. Beide Seiten wollten den leichten Weg gehen, sich und anderen Ärger ersparen. Doch wäre er hingegangen, ohne sich zu verleugnen, wären zwei Welten aufeinandergetroffen. Auf beiden Seiten hätte man geschluckt, sich unwohl gefühlt. Dann hätte vielleicht ein Gespräch begonnen.

Wir machen es uns zu leicht, wenn wir das andere einfach aussperren wollen. Wahre Vielfalt schmerzt. Der Demokrat ist Schmerzkünstler. Er betrachtet Schmerzen nicht als Krankheit, sondern als Lebenszeichen einer Gesellschaft, in der es höhere Werte gibt als kleinkarierte Rechthaberei: wahre Freiheit, wahre Vielfalt und wahre Toleranz. Diese Gesellschaft schmerzt nicht nur. Sie nährt auch eine aufgeklärte Gelassenheit, die uns durch turbulente Zeiten lotst.

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