Stellen Sie sich eine Straßenkreuzung vor: Autos, Fahrräder, Motorräder, Busse, Taxis. Alle haben angehalten, die Fahrer diskutieren: welche Richtung die beste sei, welches Fortbewegungsmittel das wahre. Nichts ginge. Eine Kreuzung funktioniert nur, weil wir anerkennen, dass jeder seinen Grund dafür hat, heute mit dem Auto in die eine Richtung zu wollen, morgen zu Fuß in die andere. Und weil wir nicht über die einzig wahre Richtung brüten, sondern darüber: Wie schaffen wir eine Straße, auf der sich alle bewegen können, jeder auf seine Weise, ohne Stau und Karambolage?

Zu oft noch müssen das in Deutschland die Gerichte für uns übernehmen. Zwei Beispiele aus der Schule, neben dem Internet der Ort, an dem der Wettstreit um Weltanschauungen am härtesten ausgetragen wird: Ein elfjähriges muslimisches Mädchen verweigerte den Schwimmunterricht gemeinsam mit Jungen. Die Richter fanden eine Lösung, die gegensätzliche Überzeugungen respektiert: Sie schickten das Mädchen ins Becken. Es durfte einen Burkini tragen, um gemäß seinem Glauben seinen Körper zu verhüllen. Den Anblick der Mitschüler in Badehosen musste das Mädchen hinnehmen.

Der Vater einer anderen Schülerin verlangte, dass die Ganztagsschule seiner Tochter ein veganes Mittagessen kochte. Das Gericht erteilte ihm eine Absage: Schon aus praktischen Gründen kann keine Schule die Ernährungsgewohnheiten aller Familien berücksichtigen. Die Eltern haben aber das Recht, ihren Kindern eine Mahlzeit liefern zu lassen. So darf jeder seine eigene Gewissheit von seinem persönlichen Teller essen.

Solche Entscheidungen suchen nicht nach der einzigen Wahrheit, nach der einzig richtigen Überzeugung. Sie fragen: Was muss geschehen, damit jeder weiterkommt auf seinem Weg? Das kann frustrierend sein. Wie oft wünscht man sich eine Instanz, die sagt: "Du liegst mit deiner Meinung richtig, und die anderen sind Idioten." Solche Staaten gibt es. Die meisten sind Diktaturen.

Dass man einen Menschen nicht wegen seiner Hautfarbe benachteiligen darf, leuchtet den meisten ein. "Die hat er sich ja nicht ausgesucht", lautet ein gut gemeintes Argument. Genauso wenig aber macht eine andere Meinung jemanden zum Menschen zweiter Klasse, mag sie mir persönlich noch so abstrus erscheinen. Deshalb genießen auch Menschen Asylrecht, die wegen ihrer politischen Einstellung verfolgt werden, obwohl sie diese Einstellung ändern könnten.

Toleranz überwindet Grenzen, doch eine braucht sie selbst: Sie muss verhindern, dass die Intoleranten die tolerante Gesellschaft ausnutzen, um sie in ihr Gegenteil zu verkehren. "Das Paradox der Toleranz" hat der Philosoph Karl Popper dieses Problem genannt. Unser Recht lässt deshalb nicht zu, dass aus einer Meinung ein Angriff wird, etwa eine Beleidigung oder Volksverhetzung. Dass einem Menschen, ob wir ihn mögen oder nicht, gleiche Menschenrechte abgesprochen werden. Toleranz ist deshalb keine Ausrede für mangelnde Zivilcourage. Wenn ich sehe, wie jemand beschimpft, drangsaliert, gedemütigt wird, weil er anders ist oder anders denkt, muss ich ihm beistehen. Toleranz hat auch nichts damit zu tun, einem fremden Standpunkt zuzustimmen. Sondern damit, die Existenzberechtigung des anderen anzuerkennen, auch wenn mich dieses andere stört. Wenn ich Meinungen höre, die ich verwerflich finde, dann sollte ich widersprechen. Den Raum dafür schaffen kann aber nur Toleranz.

Ein Freund hat eine Kneipe. Er hat auch einen Aufkleber: "AfD muss draußen bleiben". Soll er ihn an die Tür kleben? Es bereite ihm körperliche Schmerzen, sagt er, Leuten Bier auszuschenken, deren Weltbild ihn abstößt. Aber genau da beginnt die Toleranz. In der kleinsten Kneipe ist Platz für unterschiedliche, auch gegensätzliche Meinungen. Ich möchte mein Bier nicht da trinken, wo alle so denken wie ich. Umgekehrt kann sich der AfD-Gast in Toleranz üben, wenn er sein Bier an dieser Theke mit Flüchtlingen trinkt. Denn tolerant ist auch, wer es falsch findet, dass ein Land bestimmte Zuwanderer aufnimmt – und trotzdem diesen Zuwanderern einen Platz in der Gesellschaft zugesteht.

Ein anderer Freund wurde mal gebeten, auf einem Familienfest seinen Mann nur als Kumpel vorzustellen. Es seien Gäste da, die für so etwas kein Verständnis hätten. Der Freund sagte ab. Beide Seiten wollten den leichten Weg gehen, sich und anderen Ärger ersparen. Doch wäre er hingegangen, ohne sich zu verleugnen, wären zwei Welten aufeinandergetroffen. Auf beiden Seiten hätte man geschluckt, sich unwohl gefühlt. Dann hätte vielleicht ein Gespräch begonnen.

Wir machen es uns zu leicht, wenn wir das andere einfach aussperren wollen. Wahre Vielfalt schmerzt. Der Demokrat ist Schmerzkünstler. Er betrachtet Schmerzen nicht als Krankheit, sondern als Lebenszeichen einer Gesellschaft, in der es höhere Werte gibt als kleinkarierte Rechthaberei: wahre Freiheit, wahre Vielfalt und wahre Toleranz. Diese Gesellschaft schmerzt nicht nur. Sie nährt auch eine aufgeklärte Gelassenheit, die uns durch turbulente Zeiten lotst.

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