Ein schmaler Weg, der vor einer Tankstelle ins Gebüsch führt, dann ein Zaun und ein Wachmann in seinem Bürocontainer. Kein Schild, nichts im Berliner Stadtteil Friedrichshagen deutet darauf hin, dass sich hier ein Außenposten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz verbergen könnte. Ja, schon richtig, hier gehe es zu den Depots der Stiftung, sagt der Wächter. Aber ohne Anmeldung? Staatliche Liegenschaft, Zutritt verboten. Schließlich telefoniert er eine Weile und setzt dann eine großzügige Geste auf. Haus Nummer 4, ganz hinten, da sei die Schädelsammlung untergebracht.

Ein Zweckbau aus den fünfziger Jahren, von dem die Farbe abblättert. Die Einfahrtstore an der Front erinnern an eine Autowerkstatt. Zu DDR-Zeiten war dies das "Amt für Standardisierung, Mess- und Regelwesen". Auch hier: kein Schild, kein Hinweis, nur die Nummer 4.

In diesem Gebäude werden Tausende Totenschädel gelagert, Relikte aus einer fast vergessenen Zeit. Dass sich wilhelminische Wissenschaftler vor über hundert Jahren massenhaft mit Schädeln aus den Kolonien versorgen ließen, ist eine Tatsache, die gern verdrängt wird. Rassenforscher wie Rudolf Virchow und Felix von Luschan schraubten die Schädel in Messinstrumente, um Proportionen und Gehirnvolumina zu bestimmen. Den "instinktmäßigen und unersättlichen 'Hunger' des Anthropologen nach immer größeren Schädelserien" beschrieb der Forscher Luschan als Wesenszug seines Berufs.

Warum aber werden auch heute noch Tausende afrikanische Schädel in deutschen Archiven gelagert? Gibt es in Afrika keine Friedhöfe?

Der Archäologe Bernhard Heeb müsste die Antwort kennen. Er arbeitet im Archäologischen Zentrum in Berlin-Mitte, einem Neubau mit blendend weißem Foyer. Heeb ist Archäologe im Dienst der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und für die von Luschan begründete "S-Sammlung" zuständig. Er leitet auch ein von der Gerda-Henkel-Stiftung finanziertes und auf zwei Jahre angelegtes Projekt, das die Herkunft von rund tausend der insgesamt 5.500 Schädel klären soll.

Vier bis fünf Schädel lagern in je einem Karton aus säurefreier Pappe

Man wolle, sagt Heeb, in Archiven nach schriftlichen Quellen suchen, aber auch nach Ruanda fahren, um mit örtlichen Wissenschaftlern, nicht zuletzt aufgrund mündlicher Überlieferungen, die Umstände zu klären, unter denen die Schädel nach Deutschland kamen. Warum Ruanda? Hier zog von 1907 bis 1908 die Deutsche Zentral-Africa-Expedition entlang und nahm im Namen der Forschung mit, was sie bekommen konnte.

Im Unterschied zu afrikanischen Artefakten, wie den berühmten Benin-Bronzen, werden menschliche Überreste nie im Humboldt Forum zu sehen sein – und auch sonst nirgends. Sie werden aus Gründen des Respekts nicht gezeigt (und deswegen hier auch nicht abgebildet). Das, sagt der Archäologe Heeb, habe man auch der ruandischen Seite zugesichert. Er verrät aber, wie man sich die Innenräume des Friedrichshagener Depots vorstellen muss. An den Wänden noch immer Blümchentapete aus der DDR, die Sammlung ordentlich verstaut: jeweils vier bis fünf Schädel in je einem Karton aus säurefreier Pappe; die Kartons neben- und übereinandergeschichtet und nach Inventarnummern geordnet in Metallregalen.

Mühselig, sagt Heeb, sei es gewesen, die Relikte "auf Vordermann zu bringen" und "das Zeug konservatorisch wieder handhabbar zu machen". Im Jahr 2011 ist der Preußen-Stiftung die Schädelsammlung, die bis dahin durch verschiedene Berliner Institutionen gegeistert war, von der Charité geschenkt worden. Allein das Säubern habe drei Jahre beansprucht.

"Wir mussten", erinnert sich Heeb, "die Schädel teilweise wieder zusammenkleben, weil sie zerdrückt waren. Die Kartons lagen übereinander und sind dadurch eingesackt. Noch heute haben wir Schädelbruch, den wir einfach nicht mehr zusammenkriegen."

Da die Primärdokumentationen nach zwei Weltkriegen nicht mehr auffindbar seien, stütze man sich auf alte Listen, die von der Charité hinterlassen wurden. Manche Schädel seien erwähnt, fehlten aber im Bestand, bei anderen sei es umgekehrt. "Ein Riesentohuwabohu."

Und wie arbeiteten die Schädelsammler damals? Die Schädel lagen doch wohl nicht einfach auf der Straße herum? "Lustigerweise", erwidert Heeb, "taten sie das durchaus. Gräberfelder, wie wir sie kennen, waren in Ruanda Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts nicht bekannt. Wenn nach einer Epidemie oder Hungersnot der Großteil der Bewohner eines Dorfes gestorben war, dann kam es vor, dass man die Leute hinterm Dorf in einer Senke oder sonst irgendwo mehr oder weniger entsorgt hat. Man hat kein Gräberfeld für diese Leute bereitet."

Die Forscher seien in Gegenden gekommen, in denen die "Schädel einfach so unterm Busch oder im Straßengraben herumlagen". Sie hätten "einfach aufgesammelt und genommen", wofür "sich keiner zuständig fühlte". Natürlich gebe es heute auch in Ruanda Friedhöfe – eine Folge der Kolonialzeit.