Schädel im Straßengraben, keine Begräbniskultur? Die Forscherin Kristin Weber-Sinn, die am Ethnologischen Museum arbeitet, veröffentlichte schon 2005 eine Magisterarbeit, in der sie anhand von Primärquellen dokumentierte, dass der Anthropologe Jan Czekanowski in deutschen Diensten auf der Toteninsel Bussira fündig wurde. Dort waren Skelette, die in Matten und Rindenstoffe gehüllt waren, in Höhlen bestattet worden.

Die Einheimischen fürchteten sich vor den Kolonisatoren. So schrieb ein dort stationierter Missionar an das Museum für Völkerkunde in Berlin: "Ich hörte, Dr. Czekanowski sei wieder in der Nähe. Eine 'Schädelstätte', die ich kenne, eine Höhle, muss sehr ergiebig sein. Auch andere werde ich ihm anzeigen. Daraufhin wird er sich nicht mehr hier blicken lassen dürfen: Er wird als der gefürchtete Hexenmeister und Menschen- resp. Totenfresser gelten."

Czekanowski selbst klagte über die Schwierigkeiten, die den Schädelsammlern gemacht wurden, triumphierte aber auch über eine ergiebige Begegnung mit den Angehörigen eines wenig angesehenen Stammes. Diese ließen sich, wenn auch zögerlich, im Austausch gegen Perlen zu einer Grabplünderung hinreißen: "Auf den Gedanken, für Schädel Perlen zu bekommen, kam ein 11-jähriger Junge", schrieb Czekanowski. "Er hat bemerkt, dass meine Träger Schädel suchen gehen. Als er mir den ersten sorgfältig in Bananenblätter eingepackt brachte und dafür 100 große vergoldete Glasperlen im Werte von 12–13 Hellern, also das zweifache des Tageslohns eines Erwachsenen, bekam, wurde die Begeisterung für die Wissenschaft so groß, dass mir im Laufe der ersten zwei Tage 200 Schädel gebracht wurden."

Lebende Tote

Es sind noch ganz andere Methoden bekannt, mit denen die Berliner Sammlungen schon vor Czekanowski bestückt wurden. Man organisierte die posthume anatomische Karriere von Menschen, auch wenn sie noch lebten: Ein Briefwechsel aus dem Jahr 1906, den ein Dr. Gatow aus Südafrika mit Felix von Luschan vom Völkerkundemuseum und Wilhelm von Waldemeyer, dem Leiter des Anatomischen Instituts Berlin, führte, erörtert Möglichkeiten und Preise einer Übersendung ganz frischer Leichen. Gatow hatte den Forschern eine offenbar rare Entdeckung annonciert. Es sei ihm gelungen, "im hiesigen Distrikt, dem alten Buschmannland südlich vom Oranjefluß, zwei unzweifelhaft echte lebende Buschleute zu entdecken, ein nachgewiesenermaßen mindestens 110 Jahre altes Weib und deren Stiefsohn von mindestens dem gleichen Alter, beide wahre Typen". "Wahre Typen" waren bevorzugte Objekte der Rassenforschung. Luschan und Waldemeyer zeigten sich interessiert.

Auf Betreiben dieser beiden war im Jahr 1896 auch eine Abmachung für die erste deutsche Kolonialausstellung in Berlin getroffen worden: Sollte es unter den dort vorgeführten Teilnehmern Todesfälle geben, stünden die Leichen entweder der Anatomie oder dem Völkerkundemuseum zur Verfügung. Bald hatte man einen geeigneten Kandidaten im Auge, einen erkrankten "Neu-Guinea-Mann". Über ihn schrieb Luschan an den Ausstellungsdirektor: Es liege "im Laufe der Dinge, dass unter einer so großen Zahl von in fremde Verhältnisse verpflanzten Tropenkindern auch bei der denkbar besten Pflege & Sorgfalt Erkrankungen vorkommen müssen und auch Todesfälle nicht ganz ausgeschlossen sind; treten solche, was wir nicht hoffen wollen, ein, so ist es geboten, sie wissenschaftlich möglichst auszunutzen".

Schon bevor man ihnen das Fleisch von den Knochen gekocht hatte, standen die Afrikaner den Wissenschaftlern als Forschungsmaterial vor Augen – als lebende Tote.

Für die "S-Sammlung" will nun die Stiftung Preußischer Kulturbesitz von Fall zu Fall, von Schädel zu Schädel darüber entscheiden, welcher Teil der Sammlung ihr unbedenklich erscheint. Was aber wird mit solchen Schädeln, die schließlich als unbedenklich gelten, geschehen? Die Stiftung will sie behalten und für erneute naturwissenschaftliche Forschung bereitstellen.

Edler Wilder: Felix von Luschan, 1878, der im Völkerkundemuseums Berlin eine große Karriere machte © Ethnologisches Museum, SMB/bpk

Dem Fachbeirat dieser stiftungseigenen Provenienzforschung steht deshalb Albert Zink vor, der durch Ötzi weltberühmt gewordene Mumienforscher. Er preist, in einer Mitteilung der Stiftung, das vermeintliche Potenzial von Schädelsammlungen: Sie könnten Informationen liefern über die "Entwicklung und Rolle der Ernährung und die Evolution von Krankheiten". Wenn in einem Schädel zum Beispiel alte Malaria-Erregerstämme gefunden werden könnten, so präzisiert der Archäologe Heeb, dann könne das bei der Entwicklung neuer Medikamente helfen.

Dass dieselben Gebeine, die in der Kolonialzeit zum Zweck der Rassenforschung beschlagnahmt wurden, in Zukunft vielleicht als Labormaterial dienen sollen, versteht sich nicht von selbst. Heeb gibt sich unbeirrt. Und stellt in bemerkenswerter Klarheit fest: "Wir sind ein Museum. Und ein Museum ist ja nicht da, um Sammlungen zurückzugeben. Sondern um sie zu bewahren und zu beforschen."