DIE ZEIT: Herr Reiter, wen erleben Sie wütender: die Anwohner stark befahrener Innenstadtstraßen oder die Dieselfahrer, die demnächst nicht mehr in die Stadt fahren dürfen?

Dieter Reiter: Alle sind aufgebracht. Was ich im Augenblick an Post bekomme, ist schon bemerkenswert. Mir schreiben Eltern, deren Kinder an einer stark befahrenen Straße in die Kita oder in die Schule gehen und die gerne möchten, dass wir am besten schon morgen Fahrverbote verhängen. Mir schreiben Bürger, die mich auffordern, bloß nicht nachzulassen, mich bloß nicht unterkriegen zu lassen im Kampf für eine bessere Luft in der Stadt. Und bei mir melden sich wütende Dieselfahrer, die sich erst vor wenigen Jahren einen neuen Wagen gekauft haben, im guten Glauben, ihr Auto lange fahren zu können. Die fühlen sich veräppelt, und das ist noch ein sanfter Ausdruck. Das landet alles bei mir.

ZEIT: Wäre München wirklich geholfen, wenn keine Diesel mehr herumfahren würden?

Reiter: Wissenschaftler sagen, dass die Stickoxidbelastung dann zurückgehen würde, und damit wäre den Menschen geholfen. Helfen würde aber auch, wenn die Automobilindustrie endlich das tun würde, was ich schon seit Langem fordere: die Fahrzeuge so umzurüsten, dass sie weniger emittieren. Das wäre besser als Fahrverbote. Ich bin kein Freund von Fahrverboten, ich will auch nicht der Erste sein, der sie umsetzen muss. Aber was gar nicht geht, ist das Verhalten einiger Autohersteller: Erst die Regeln nicht einhalten und sich dann vor Konsequenzen drücken.

ZEIT: An welchem Punkt in der Vergangenheit hätte die Politik anders handeln müssen, um die jetzt drohenden Fahrverbote zu vermeiden?

Reiter: Das kann ich Ihnen genau sagen: Spätestens beim ersten Dieselgipfel im Kanzleramt, das war im vergangenen September. Meine Oberbürgermeisterkollegen und ich haben die Kanzlerin gewarnt, dass wir eine Lösung ohne die Autohersteller nicht hinbekommen werden. Ich erinnere mich an mein Gespräch mit Frau Merkel: Ich habe gesagt, dass die Bevölkerung es nicht akzeptieren wird, wenn die Automobilindustrie sich zurücklehnt und nichts tut. Und dass sich der Zorn zu Unrecht gegen uns Kommunalpolitiker richten wird. Ich habe wortwörtlich gesagt: Ich gehe davon aus, dass Sie ihr ganzes politisches Gewicht in die Waagschale werfen werden, um die Automobilindustrie zu überzeugen.

ZEIT: Wie lautete Merkels Antwort?

Reiter: Sie hat gesagt, dass die Umrüstung der betroffenen Dieselfahrzeuge technisch sehr schwierig sei, aber dass es zumindest einen Mobilitätsfonds unter finanzieller Beteiligung der Autoindustrie geben werde.

ZEIT: Glauben Sie, dass die Kanzlerin in ihren Gesprächen mit der Autoindustrie ihr "ganzes politisches Gewicht in die Waagschale" geworfen hat?

Reiter: Das kann ich nicht beurteilen. In meinen Gesprächen mit unserem Autohersteller hier vor Ort habe ich jedenfalls nicht den Eindruck bekommen, dass die Kanzlerin Druck ausübt.

ZEIT: Sie sprechen von BMW, einem der größten Arbeitgeber in München und der Region ...

Reiter: … und ich muss auch an die Arbeitsplätze denken, das stimmt. Aber ich fühle mich eben nicht allein BMW verantwortlich. Als Oberbürgermeister bin ich verantwortlich für die Gesundheit der Bürger, und das ist mir ein wichtiges Gut. Im Übrigen muss man natürlich auch sagen, dass BMW – und das ist nicht widerlegt – bei den Schummeleien nicht dabei war.