Eine Vase ist eine Vase ist eine Vase. Das sind schon drei Vasen, da sollte doch für jeden etwas dabei sein. So in etwa lautet, eingedampft auf wenige Zeilen, der Plot des Films Fühlen Sie sich manchmal ausgebrannt und leer?, in dem tatsächlich viel getöpfert wird. Die eigentliche Nachricht aber ist, dass die auf schräge Alltagsdramen abonnierte Regisseurin Lola Randl es geschafft hat, aus dem Krankheitsbild der multiplen Persönlichkeitsstörung – ihre Protagonistin vervielfacht sich – eine so furiose Beziehungsgroteske zu machen, dass man von einer Neunzig-Minuten-Therapie für die Generation "Größeres wolltest auch du" sprechen darf. Der Film ist ein quietschbuntes Antidepressivum, das mit kindischer Freude gegen alle Regeln des Geschmacks, des Genres und der Arthouse-Coolness verstößt. Wer danach nicht lächelnd oder wenigstens leicht dämlich grinsend das Kino verlässt, der ist, vulgärpsychologisch gesprochen, eine unknackbare Nuss.

Obschon Randls Drehbuch streckenweise einer konventionellen Zwillingsverwechslungskomödie ähnelt und einigen neudeutschen Rumpelhumor enthält (der suspekte Nachbar ist natürlich ein Killer; als Running Gag dient eine jedes Mal auslösende Radarfalle), ist es doch vom Ansatz her ziemlich pfiffig. Beeindruckend wirkt auch die wild übersteuerte Optik, die Kameramann Philipp Pfeiffer und Szenenbildner Tamo Kunz als fröhlichen LSD-Trip eines Jacques-Tati-Enthusiasten angelegt haben. Die eigentliche Ausstrahlung dieses Films aber beruht auf seiner grandiosen Besetzung, die sich um ein reales Hamburger Paar herum gruppiert.

Benno Fürmann ist der geleckteste Fertighausverkäufer, den man sich wünschen kann. Von seinem oft knackig nackt verkörperten Leopold geht eine unwiderstehliche erotische Anziehungskraft auf Protagonistin Luisa aus, die mit ihrem knuffigen Teddybär-Ehemann Richard in einem von Leopolds postmodern verklumpten Musterhäusern lebt ("Jonathan I"). Charly Hübner spielt diese armselige Figur mit derart bedingungsloser Hingabe, dass man den hexenschussgeplagten Plauzen-Richard samt fettiger Hippiefrisur gleich ins Herz schließt. Hübner liegen solche Charaktere einfach, man denke an Anderst schön, Vorsicht vor Leuten, Jürgen oder den köstlichen Kakmann aus Bibi & Tina. Er verleiht ihnen eine Würde, um die sie die meisten Bildschirmheroen beneiden dürften.

Der Star des Films aber ist fraglos Lina Beckmann, eine der vielseitigsten und lustigsten Schauspielerinnen des Landes, die hier den ganzen Reichtum ihrer geradezu stummfilmtauglichen Kolossalmimik ausspielen kann. Gilt es doch, sowohl die ob ihres Doppellebens mit Mann und Lover gestresste Luisa, eine Paartherapeutin (noch eine Spiegelung), zu verkörpern als auch deren unerwartet aufgetauchte "Abspaltung", ein naives, verfressenes Dummchen, das ganz im Moment lebt und all das offen repräsentiert, was Luisa in sich verschlossen hat. Es dauert nicht lange, bis das verdoppelte Luischen auch dank Beistand durch ihren Psychologen (Rainer Egger), dem nichts Freudianisches fremd ist, das Beglückende an der Situation erkennt. Endlich kann sie mit dem Chef ihres Mannes zusammen sein ("Jonathan II"), ohne etwas aufgeben zu müssen. Ihr Avatar, schnell als Gattin angelernt, testweise gar geküsst – kurioser war Autoerotik selten –, bleibt also bei Richard, dem das zunächst nicht weiter auffällt.

Dann tut es das doch, allerdings positiv: "Ich glaube, ich mag es, wenn du so bist." So glücklich sehen die beiden miteinander aus, dass nun Luisa die Contenance verliert, zumal auch ihr Liebhaber an der ewigen Männerschwäche für naive Dummchen leidet. Mit der ihr inneres Selbst beneidenden, belauernden und schließlich blutig bekämpfenden Heldin erreicht die Parabel ihre größte Verdichtung. Aber man darf sich das keine Sekunde lang schwermütig vorstellen. Hier wird mit dem Hammer psychologisiert und fröhlich ins Derbe gegriffen. Der stets schwierige Slapstick gelingt dabei prächtig, weil Beckmann wie Hübner selbst in den am krassesten überkonturierten Momenten immer noch eine Spur von nachsichtiger Verwunderung über die Komik der Menschennatur mitauszudrücken vermögen. Wer sonst bitte kann das: eine Szene mit Sperma im Gesicht gänzlich jugendfrei spielen? Oder "Lollo rosso" dermaßen schmutzig aussprechen?

Der Klamauk ist intrinsisch. Man muss Situationswitz schon mögen. So viel Tragik auch in dem Beziehungskammerspiel stecken mag, sosehr die Anspielungen auf Tatis Playtime eine Allegorie auf den in der Moderne sich selbst abhandengekommenen Menschen nahelegen mögen, bringt es wenig, diesen verspielten Film auf intellektuelle Tiefenschichten hin abzuklopfen. Da ist nicht viel mehr zu holen, als uns gleich zu Beginn gesagt wird.

Es wäre aber auch ein Missverständnis: Der Film Fühlen Sie sich manchmal ausgebrannt und leer? mit seinen physisch so präsenten Darstellern ist eher eine haptische denn geistige Angelegenheit, weshalb das Leitmotiv der organisch geformten Vasen in barocker Kitschopulenz bestens passt. Oder wie Luisas Abbild sagt: "Eigentlich bin ich nur ’ne Panikattacke. Aber ich musste jetzt auch mal raus und was trinken."

Anm. d. Red., 13.3.2018: Im Originalartikel wurde irrtümlich ein falscher Szenenbildner genannt. Wir haben dies hier korrigiert.