Es war einer dieser Tage im Januar, wenn die Euphorie über den Beginn von etwas Neuem längst verflogen ist. Der Winter schwappte grau und graupelnd gegen die Scheiben, auf dem Schreibtisch trotzte eine Lichtpfütze der endlosen Dämmerung, und am Telefon erzählte Simone, dass sie es satthat, in der Kälte zu sitzen. Dass ihre Glieder schmerzen. Dass sie an einem Ort sein will, an dem die Sonne scheint, verdammt.

Ich sagte: Komm, wir fahren nach England!

Und sie: What?

Und ich: Vertrau mir.

Das Ferienhaus habe ich vor ein paar Jahren im Internet gefunden, als ich beim Rumgoogeln über den Namen stolperte. Es heißt Beach Sun Retreat, steht aber in Dymchurch an der britischen Kanalküste, etwa eine halbe Autostunde südwestlich von Dover. Als Eigentümer eines eine halbe Autostunde südwestlich von Dover gelegenen Ferienhauses hat man natürlich erst mal ein Problem, wenn man seine Immobilie nicht nur im August vermieten will. Es sei denn, man lässt die Sonne rein und macht die Tür zu. Wir buchten für drei Nächte.

Laut einer Umfrage des Reiseportals lastminute.de ist Deutschen im Urlaub am wichtigsten: gutes Wetter (47 Prozent), gutes Essen (32 Prozent), Zeit mit den Liebsten zu verbringen (27 Prozent). Für unseren Aufenthalt in England waren im Schnitt acht Grad Celsius und Sturmböen vorhergesagt, aber meine Freundin Simone immerhin mag ich sehr. Man kann mit ihr über vieles reden, im Grunde über alles, nur Schweigen ist schwierig. Wir hatten beschlossen, einen Mietwagen zu nehmen, und uns dabei vom Linksverkehr ein bisschen Abenteuer versprochen – ein wichtiger Urlaubsaspekt, den die Deutschen in besagter Umfrage leider unterschlagen. Ich fuhr, Simone beifuhr und fütterte mich unterwegs mit Ingwerkeksen. Wir erreichten das Beach Sun Retreat am Nachmittag.

Das Haus, taubenblau und weiß gestrichen, liegt am Ende einer Straße, direkt hinter dem Deich. Es stammt aus dem 18. Jahrhundert und wurde ursprünglich von Pfarrern der örtlichen Kirche genutzt. Mehr als 100 Jahre lang war es ein Hotel, in dessen Garten zuletzt ein russischer Panzer gestanden haben soll, warum auch immer. 2010 übernahmen die heutigen Besitzer den Betrieb und vermieten es seitdem als Ferienhaus. "Strand, Meer und heilende Sonne garantiert", heißt es auf ihrer Website, "all year round".

Wir betreten das Beach Sun Retreat durch die schmale, doppelflügelige Eingangstür und stellen das Gepäck an der alten Rezeption ab. Wir inspizieren die Küche mit dem zehnflammigen Gasherd, die gediegenen Schlafzimmer mit ihren Kissenbergen und aufwendig geschnitzten Betten, die geräumigen Badezimmer. Dann öffnen wir die Tür zum Strand.

Ich: Na?

Und Simone: Ein Traum!

In der hinteren Ecke des riesigen Wohnzimmers stehen drei Sonnenliegen vor einer Leinwand, die mit einem mutmaßlich karibischen Strandmotiv bedruckt ist. Daneben sprießen Plastikpalmen und Plastikfarne zwischen Muscheln auf Vogelsand. Die Sonne geht im Norden auf, knapp unterhalb der Zimmerdecke, und zwar wann und sooft man will: drei rechteckige Strahler, die natürliches Sonnenlicht imitieren – Real Sunlight, das Produkt eines schwedischen Herstellers, der "moderates Bräunen bei 100 Prozent sicherem Sonnenbaden" verspricht. Die Strahlen sollen auch alle möglichen Gebrechen lindern, von schlechter Laune bis zu schmerzenden Muskeln und Arthritis.

Auf dem Touchscreen stehen drei Programme zur Auswahl: Miami, Bali und Mauritius. Jedes Programm dauert jeweils eine Stunde. Wir starten mit Florida. Auf Knopfdruck beginnen die Scheinwerfer träge zu blinzeln, dann schalten sie auf gleißend weißes Mittagslicht, so hell, dass wir die Augen schließen müssen. Florida surrt, was die Künstlichkeit des Arrangements vergegenwärtigt, aber trotzdem nicht weiter stört, weil Simone bald anfängt, laut darüber nachzudenken, wie es wäre, die Anlage zu Hause in ihrem Wohnzimmer zu installieren. Sie würde das gerne mit ihrem Smartphone im Internet recherchieren, aber die Spots strahlen zu doll, und Sonnenschirme gibt es nicht. Dafür wird es langsam warm. Das Gäste-Handbuch legt nahe, so wenig Kleidung wie möglich zu tragen, während das Programm läuft, um so viel Licht wie möglich an die Haut zu lassen. Laut Touchscreen-Anzeige sollten es jetzt 34 Grad sein, Miami am Mittag halt, stattdessen fühlt es sich an wie Nizza im April. Kein Bikiniwetter, aber immerhin gemütlich. Wir lassen Pullis, lange Hosen und Socken an, draußen heult der Wind. Ich überrede Simone, uns Sekt aus der Küche (England) zu holen. Für mehr als Alkohol mit einem Schuss Vitamin D reicht unsere Energie am ersten Abend nicht.