Seine letzte Südpolexpedition hat Henry Worsley allein unternommen. Bei einer früheren Antarktis-Exkursion war der Zauber des leeren, kalten, weißen Raums für ihn durch zwei Begleiter getrübt worden. Obwohl seine Kräfte es kaum erlaubten, hatte er meist darauf bestanden, mit seinem Schlitten voranzugehen und als Erster den Pfad ins "unendliche Jenseits" zu bahnen. Als ihnen mitten in der weißen Wüste ein meteorologisches Instrument der Universität Wisconsin entgegenblinkte, bekam er einen Wutanfall. Nicht ohne masochistische Lust verglich er die Sicht in einem Schneesturm mit dickem Rahm und beschrieb sich selbst als Mikrobe auf einem Eiswürfel. Doch dadurch wurde sein Erhabenheitsgefühl nicht im Geringsten beeinträchtigt. Im Gegenteil, je mehr der Körper vor die Hunde ging, desto unheimlicher wurde seine Willenskraft. Offenbar schlummert im Menschen ein Bedürfnis nach dem Whiteout, nach Stille, Einfachheit, Unabänderlichkeit und allem, was der Schnee uns sonst noch vormacht und was in unserer komplexen Zivilisation so schwer zu haben ist.

Bei 15 Grad minus in Berlin ohne alles poetische Flockentreiben bleibt man besser zu Hause und widmet sich den Expeditionen im Briefkasten: einem Henry-Worsley-Artikel im New Yorker, einer CD und Gerald Christs Fotoband Silence, der Schlafende in der Tokioter U-Bahn porträtiert. Sie sind wehrlos, ganz für sich, anmutig durch die elastische Weichheit ihrer den Körper vage beschützenden Glieder. Ihre Gesichter nähern sich der sexuellen Ekstase; weiche Lippen, auf Abruf geschlossene Augen haben für kurze Momente losgelassen. Die Fotografien blenden die Umsitzenden, den Lärm und die Transporttechnik aus. Wer die Schlafenden anschaut, wird in das Nichts ihrer Abwesenheit hineingezogen. Auf Armeslänge öffnet sich eine Welt, die so unzugänglich wie die Antarktis ist.

Malakoff Kowalskis CD heißt My First Piano und klingt wie stetig rieselnder Schnee. Der in Boston geborene und in Hamburg aufgewachsene Sohn persischer Eltern ist ein Meister der Behutsamkeit. Seine musikalische Suche nach einem Zuhause findet im Medium der Heimat statt. Denn der Pianist hat schon als Embryo dem Klavierspiel seiner Mutter gelauscht. Was tastend wie Worsleys Schritte ins unberechenbare Eis daherkommt, ist der Versuch, "die Dinge einfach und klar zu formulieren", sodass kein Ton gestrichen werden kann, "ohne dass alles in sich zusammenfällt". So umschreibt Kowalski es im Beiheft und verweist dabei auf sein Vorbild der Kinderspieluhr. Bezeichnenderweise wurde sein hochgelobtes Musikvideo Andere Leute von Klaus Lemke mit einer Flucht lächelnder Gesichter bebildert. Schlafend und lächelnd nähern wir uns der eindimensionalen Naturgewalt des sanften Schnees. Ich habe Malakoff Kowalski auf einer Berliner Party kennengelernt, wo er für ein paar Gäste, die in einem abgelegenen Raum ein Klavier entdeckten, improvisierte. Gerald Christ habe ich einmal in seiner von Reisen und Projekten zeugenden Berliner Wohnung besucht. Doch als Künstler verschwinden beide mit einem Wimpernschlag aus der vollgestellten Welt. Malakoff liebt die kleinen Themen am Anfang von Jazzballaden. Jedes Abenteuer hat so ein Thema, das sich improvisierend in das weiße Blatt der unendlichen Möglichkeiten einschreibt. Am Ende geht es immer um den Blick aus sehnsüchtiger Ferne. Henry Worsley ließ sich kurz vor seinem Ziel von einem Flugzeug abholen. Er genoss noch die Vorfreude auf die Vorträge, die er halten würde, bis er einen Tag später in einem Krankenhaus in Patagonien starb.

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