Am Montag, den 25. März 1996 verließ Jan Philipp Reemtsma gegen 20.30 Uhr sein Haus in Hamburg-Blankenese, um aus seinem nur fünfzig Meter entfernten Zweithaus ein Buch zu holen. Er kam erst 33 Tage später zurück. Seine Frau, die Psychoanalytikerin Ann Kathrin Scheerer, die ihn gegen Mitternacht suchen ging, entdeckte vor der Eingangstür des Zweithauses eine Blutlache und einen Erpresserbrief, der mit einer Handgranate beschwert war. Die Entführer des Hamburger Multimillionärs verlangten zunächst 20 Millionen, später 30 Millionen Deutsche Mark – die höchste Summe, die in Deutschland je bei einer Geiselnahme gefordert wurde.

Das ist 22 Jahre her. Johann Scheerer, das einzige Kind der Familie, war damals 13 Jahre alt. Wenige Stunden vor der Entführung hatte er mit seinem Vater noch Lateinvokabeln gebüffelt. Die Lateinarbeit am Dienstag musste er nicht mitschreiben. Jetzt hat der inzwischen 35 Jahre alte Hamburger Musikproduzent Johann Scheerer über die viereinhalb Wochen der Entführung im Frühling 1996 einen aus unerfindlichen Gründen Roman genannten, sehr gut geschriebenen autobiografischen Bericht verfasst. Er erzählt, wie es dazu kam, dass sein Leben nach diesem Montagabend für immer "ein anderes" sein sollte.

Sein sogenanntes Romandebüt steht, nein, nicht in Konkurrenz, aber doch in spannungsvoller Nachbarschaft zu dem Buch, das sein Vater in den Monaten nach seiner Freilassung veröffentlichte: Im Keller war ein eindrucksvoller Bericht über die 33 Tage der Entführung, mit dem der promovierte Literaturwissenschaftler sich damals die Hoheit über seine Geschichte zurückerschrieben hatte. Das kathartische Kalkül, dem er dabei folgte, nimmt nun auch der Sohn für sich in Anspruch: Die spektakuläre Entführung hat Intimes an die Öffentlichkeit gezerrt, das nur in der Öffentlichkeit zurückerobert werden kann. "Es gibt für das eigene Leben kein Copyright", schrieb Jan Philipp Reemtsma, "aber es ist leichter, sich mit allerlei mißbräuchlichen Aneignungen abzufinden, wenn es irgendwo den eigenen Text gibt, auf den man zeigen kann."

Ursprünglich gab es den Plan der Eltern, ein gemeinsames Buch über die Entführung zu schreiben. "Unser Sohn", schrieb Jan Philipp Reemtsma damals, "hätte seinen Rückblick auf diese Zeit in Form eines Gesprächs zu Protokoll gegeben, andere Beteiligte hätten hinzutreten sollen." Doch daraus wurde nichts, weil die Geschichte dieser Entführung bei näherer Betrachtung in zwei bis heute unvereinbare Teile zerfällt: Der Teil, der im Keller stattfand, in dem Jan Philipp Reemtsma die viereinhalb Wochen der Entführung angekettet in Todesangst verbrachte, und der andere, der in der Blankeneser Villa spielt, wo sich eine auf Sofas und Matratzen kampierende Wohngemeinschaft aus Freunden, Verwandten und Polizeibeamten eingefunden hatte, waren nicht zusammenzubringen. "Über eine Veröffentlichung der anderen Seite der 33 Tage meiner Entführung ist damit nicht endgültig entschieden", schrieb Jan Philipp Reemtsma in dem Buch, das er schließlich ganz allein schrieb.

Die andere Seite der Entführung – das ist nun nach zwei Jahrzehnten die des Sohnes in der Blankeneser Villa. Und nicht die seiner Mutter Ann Kathrin Scheerer, bei der damals alle Fäden zusammenliefen und die schließlich entschied, dass das Schicksal ihres Mannes in den Händen einer privaten Sicherheitsfirma besser aufgehoben sei als in denen der Hamburger Polizei.

Johann Scheerer hat die kluge Entscheidung getroffen, seinen damaligen dreizehnjährigen Horizont allenfalls stilistisch, aber nicht intellektuell oder emotional zu überschreiten. Das Porträt seines berühmten Vaters, des gelehrten Mäzens und Gründers des Hamburger Instituts für Sozialforschung, ist der interessanteste Teil seines Buches, gerade weil der erwachsene Sohn versucht, sich erzählerisch in die Wahrnehmungsperspektive des pubertierenden Schülers am Hamburger Christianeum zurückzuversetzen. In den Augen des Dreizehnjährigen war der Vater ein zerstreuter Sonderling, der hinter dem Gebirge der Bücher, die er ständig mit sich herumschleppte, verschwand. Statt mit Wiegenliedern habe der Vater den Sohn mit Arno Schmidt in den Schlaf gesungen. Eine nachträgliche Vaterdemontage, die manche in solchen Passagen erkennen wollen, liegt hier nur vor, wenn man sich mit handwerklichen Petitessen wie dem perspektivischen Erzählen nicht weiter aufhält. Nachgerade liebenswert ist der Ratschlag des Literaturexperten an den Sohn: "Johann, lass dir gesagt sein: Nimm immer und überallhin ein Buch mit. Dann kann dir nichts passieren. Dir wird niemals langweilig werden." Die Beschaffung von Lektüre war Reemtsmas vordringlichster Wunsch an seine Entführer.

Dem Dreizehnjährigen geht die Lesesucht des Vaters enorm auf die Nerven. Jeden Tag um 17 Uhr, so ein brieflich unterbreiteter Vorschlag des Entführten, sollte der Sohn zur selben Zeit wie der Vater einen Abschnitt aus der Chronik des 20. Jahrhunderts lesen, womöglich in Erinnerung an die Maxime: Wer liest, dem kann nichts passieren. Erst aus seinem Buch, so hat Johann Scheerer es dem Spiegel erzählt, habe Jan Philipp Reemtsma erfahren, dass sein Sohn diese Verabredung damals nicht eingehalten hat. Man kann das verstehen: Dass Bücher, sogar Bücher über die Schrecken des 20. Jahrhunderts, ein süchtig machender Gegenzauber zur unbeschrifteten Wirklichkeit sein können, ist eine Erfahrung, die nicht jeder nachvollziehen kann. Noch heute, bekannte Johann Scheerer in einem Interview, fehle ihm das Verständnis für die intellektuelle Leidenschaft seines Vaters ("das Problem, was ich bei seinen Texten habe: Ich höre beim Lesen seine Stimme und denke mir, ja, ist ja gut, jetzt hör auf zu labern").