Der französische Präsident Emmanuel Macron wünscht sich die Einrichtung europäischer Universitäten – fünf Ideen zu ihrer Umsetzung.

Universitäten als Botschafter

Grenzüberschreitende Kooperationen gibt es an europäischen Universitäten zuhauf. Aber eine grenzüberschreitende Universitätsstruktur? Das wäre spannend, weil sich die Herausforderungen der Mehr-Ebenen-Regierung, die Europa nur zu gut kennt, in einer Universität spiegeln würden. Wo könnte die Form der Funktion besser folgen als in einer europäischen Governance-Universität?

Die Europäische Union braucht Botschafter in eigener Sache; diese Botschafter brauchen wissenschaftlich fundierte Kenntnisse zu den Herausforderungen, denen die Lenkung des europäischen Gemeinwesens begegnet. Ergo wäre die Zusammenführung sozialwissenschaftlicher Europaforschung mit der Ausbildung europäischer Führungskräfte für Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft der Kern der Universität. Sie könnte ein halbes Dutzend Standorte auf dem Kontinent haben. Forschung über Ländergrenzen hinweg, das ist der Standard, Studierende und Professoren, die hochmobil sind. Erste Nuklei gibt es schon: In Florenz, in Brügge und Natolin, in Berlin, Paris und Budapest existieren Schulen für Regieren und Verantwortung; sie wären die Knotenpunkte eines europäischen Netzwerks.

Die Governance einer solchen Governance-Universität wäre eine grandiose Herausforderung – genauso wie die Governance der EU. So folgt die Form der Funktion. Spinnerte Europaträumer-Idee? Vielleicht. Aber charmant.

Henrik Enderlein, 43, ist Professor an der Hertie School of Governance. Der "Tagesspiegel" nannte ihn "Macrons treuen Verbündeten in Berlin".

Unis gegen den Zerfall der Gesellschaft

In der Universität als einer genuin europäischen Institution spiegeln sich Glanz und Elend des Kontinents über Jahrhunderte. Da erscheint der Gedanke bestechend, dass die Universitäten zu einer Erneuerung des europäischen Zusammenhalts beitragen könnten. Mit dieser Erwartung geht jedoch eine implizite Annahme einher. Sie lautet: Universitäten können mehr bewirken als nur einen besseren Zusammenhalt der Wissenschaften, um den es ihnen seit dem Mittelalter geht, längst über Europa hinaus. Wer die Idee einer europäischen Universität umsetzen will, muss aber beantworten, wie Universitäten zu gesellschaftlichem, statt nur zu wissenschaftlichem Zusammenhalt beitragen und dies in einem europäischen und nicht beliebig globalen Sinn.

Wie wäre das möglich? Vielleicht indem europäische Universitäten sich gemeinsam auf jene Traditionsbestände und politisch-rechtlichen Regelwerke konzentrierten, die Europa ausmachen. Dies nur konservatorisch oder deklamatorisch zu tun reicht aber nicht aus. Vielmehr müssten europäische Traditionen dafür taugen, die gegenwärtigen Bedrohungen ebenjenes europäischen Traditionszusammenhangs zu bewältigen. Wenn Universitäten in Europa sich der Migrationskrise oder der Krise der Rechtsstaatlichkeit oder dem Zerfall des gesellschaftlichen Zusammenhalts annähmen, dann könnten sie in diesem Sinne tatsächlich der europäischen Idee zu neuem Leben verhelfen. Es käme auf einen Versuch an.

Wolfgang Rohe, 57, ist Geschäftsführer der Stiftung Mercator

Netzwerke nutzen, gemeinsam forschen

Früher strebten Hochschulen immer möglichst viele Hochschulpartnerschaften an – heute jedoch suchen sie einige wenige, die zum eigenen Profil passen. Mit diesen "strategischen" oder "privilegierten Partnerschaften" wollen sie weltweit sichtbar werden. Die Hochschulen tauschen ihre Studenten aus, ihre Wissenschaftler forschen gemeinsam. Derartige Netzwerke werden in Zukunft noch erheblich wichtiger werden.

Auf diese Netzwerke sollten die Ideen zu europäischen Hochschulen nahtlos aufbauen. Dabei wachsen die Hochschulen immer stärker zusammen, gemeinsame Strukturen entstehen: Sie können ganze Hochschulen umfassen oder auch fachlich fokussierte Netzwerke, womit sich auch kleinere Länder unkompliziert einbinden ließen.

Dabei wird sich jedes Netzwerk sehr individuell entwickeln, der transregionale Eucor-Verbund der Oberrheinuniversitäten ganz anders als die "U4"-Kooperation der Universitäten Göttingen, Gent, Groningen und Uppsala. Allen gemeinsam sollte jedoch die hohe fachliche Qualität in Lehre, Forschung, Transfer und Innovation sein sowie eine möglichst umfassende Struktur bis hin zu einer eigenen Rechtspersönlichkeit. Thematisch verbindet sie ein Fokus auf Europa; damit tragen diese Hochschulen wesentlich zur europäischen Identität bei. Auf diesem Weg kann es gelingen, die Attraktivität der europäischen Hochschulen erheblich zu steigern und Europa erfolgreich im globalen Wettbewerb zu positionieren.

Dorothea Rüland, 62, ist Generalsekretärin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes

Arbeitsplatz für Geistesarbeiter

Institutionen verändern sich ohne Druck und Anreize von außen nur sehr langsam. Wenn sich daher bestehende Hochschulen zu Europäischen Universitäten weiterentwickeln sollen, müsste es einen großen Anreiz geben: einen europaweiten Wettbewerb, eine Art Exzellenzinitiative für Europa. An diesem Wettbewerb könnten sich Universitäten aller Mitgliedsstaten der Europäischen Union beteiligen und Konzepte einreichen. In jedem Land sollte eine Einrichtung gekürt werden, die sich dann zu einer Europäischen Universität entwickelt.

Diese Universitäten dürften aber auf Dauer nicht an das Land gebunden sein, in dem sie sich befinden; sie müssten wahrhaft europäisch sein: in ihren Aufgaben, ihren Mitarbeitern, ihrem Lehrkörper, ihrer Studentenschaft und auch ihrem technischen Personal. Entstehen sollen die Hochschulen auf der Basis einer europäischen Charta; sie brauchen eine nachhaltige Grundfinanzierung von einer Europäischen Stiftung.

Wodurch würden sich diese neuen Institutionen auszeichnen? Sie wären sowohl der Arbeitsplatz für innovative Geistesarbeiter als auch für kosmopolitisch orientierte Studenten, die dort Europäische Abschlüsse machen könnten. Sie hätten auch Signalwirkung für die bestehenden Hochschulen eines Landes, die sich dadurch erneuern würden.

Ferdinand Mertens, 71, war Generalinspekteur des Bildungswesens der Niederlande, Frans de Vijder, 62, lehrt an der Fachhochschule Arnhem/Nijmegen

Keine neuen Gebäude, diese Uni ist digital

Universitäten sind seit ihrer Gründung europäische Erfolgsgeschichten. Im Gegensatz etwa zu Nationaltheatern, die im 19. Jahrhundert europaweit aus dem Boden sprossen, hatten Universitäten schon immer ganz Europa im Blick. Das war und ist notwendig, um wissenschaftliche Spitzenleistungen zu erreichen. Wissenschaftliche Exzellenz verträgt keine nationalistischen Egoismen. Eine europäische Uni darf kein Alleinstellungsmerkmal, sondern muss der Regelfall sein.

Wir wollen die digitale Revolution erfolgreich meistern. Nur wenn unsere Innovationsschmieden einen stärkeren europäischen Geist atmen, werden wir unsere Werte und unsere Lebensqualität auch im digitalen Zeitalter sichern können. Mit unserem Wertesystem, unserer Kreativität und demokratischer Stabilität, kombiniert mit exzellenten Wissenschaftsinstitutionen und Universitäten, bringen wir das entscheidende Alleinstellungsmerkmal mit, um digitale Techniken bestmöglich in Lebensqualität umzusetzen. Europa braucht mehr Ideen und Ehrgeiz, nicht so sehr neue Gebäude. In einer digitalen Europäischen Universität sollten angehende Akademiker und junge Wissenschaftler selbstbewusst und ambitioniert an den Schlüsselinnovationen der Zukunft arbeiten und forschen – und zwar überall in Europa.

Der CSU-Politiker Manfred Weber, 45, ist Chef der Europäischen Volkspartei im EU-Parlament

In der ZEIT 6/18 beschrieben Manuel J. Hartung und Matthias Krupa die Utopie einer Uni für Europa – und bekamen zahlreiche Reaktionen