David, 23, steht vor mir in einem hautengen schwarzen Trainingsanzug mit kurzen Hosen und kurzen Ärmeln. Besser lässt sich ein einwandfrei modellierter Körper nicht zur Geltung bringen. Die Unterwäsche von Batman sieht vermutlich so aus. Oder ein Schlafanzug von Hulk.

David ist einer der Vorturner an diesem Abend im neu eröffneten Fitnessstudio Area3Sixty in Winterhude. Gemeinsam mit anderen sportlichen Menschen wird er das sogenannte EMS-Training vorstellen. Beim Elektro-Myo-Stimulationsverfahren wird über eine App der Trainingsanzug leicht unter Strom gesetzt. So lassen sich Muskelgruppen reizen, was angeblich den Work-out-Effekt drastisch erhöht.

"Aber Sie haben doch schon so viele Muskeln", sage ich zu David und piekse ihn auf den Bizeps. Es fühlt sich an wie ein sehr straff gepolstertes Sofa.

"Klar, können aber noch ein paar mehr sein."

Mehr Muskeln, mehr Fitness und alles in kürzerer Zeit. EMS, sagen seine Verfechter, reduziere die Trainingsdauer, weil ein elektrifizierter Körper viel härter arbeite. "Tut es denn weh?", frage ich.

"Wenn man es zu hoch dreht, wird es unangenehm", sagt eine Yogalehrerin, die die Methode schon mal ausprobiert hat.

Meine Frau hatte gesagt: "Mach keinen Blödsinn. Nicht dass du mir mit Herzrhythmusstörungen zurückkommst." Ich bin also vorsichtig, lasse die Finger vom Elektrodress und streife einfach zwischen den Gästen umher. Eine Hantel, acht Kilo. Oha. Wenn ich mir jetzt die Schulter ausrenke, kann ich morgen keinen Text schreiben. Was man alles bedenken muss bei der Fitness.

Vorturner bei der Eröffnung des Fitnessstudios Area3Sixty © Julia Steinigeweg für DIE ZEIT

"Da geht doch noch was!", sagt ein muskulöser Herr in Sakko und Krawatte, Typ Holzfäller mit einem Schuss Leni Riefenstahl. Wie der sportliche Hipster eben so ausschaut heutzutage. Der Mann stellt sich als Oberfeldwebel, Hobby-Quarterback und leidenschaftlicher Instagram-Befüller heraus. "Zeigen Sie doch mal", sage ich. Er zückt das Handy, und ich sehe das amtlichste Sixpack, das je digitalisiert wurde.

Model und Moderatorin Janina Youssefian © Julia Steinigeweg für DIE ZEIT

"Es gibt einen gewissen Schleifbedarf", sagt seine Freundin, eine elegante Rothaarige im Zwanziger-Jahre-Kleid. Ihr Borsalino-Hütchen sitzt perfekt. Ich betrachte den Quarterback. Wenn dieser Mann geschliffen werden muss, was ist dann mit mir? Ein Rilke-Wort fällt mir ein: "Wer spricht von Siegen. Überstehen ist alles."

Irgendwann machen die Vorturner die nächste Übung. Ein riesiger Autoreifen wird hin- und hergehievt. Einer ruft: "Hoch die Hände, Wochenende!"

Wie hängen Freizeit und erhobene Hände zusammen? Ist es eine Geste der Huldigung? Eine Haltung der Dankbarkeit? Darüber denke ich noch nach, als ich mich auf den Rücksitz des Taxis stemme.