Mehr als nur Jammern

Zwei Vorlesungen. Ein schmales Buch, es liegt in hüfthohen Stapeln aus, in Buchläden in New York oder London und ab jetzt auch bei uns, hat ein Design wie ein Spitzendeckchen in Gold und Silber und die Sprengkraft einer handtaschentauglichen Kleinwaffe. Titel? Frauen und Macht. Autor? Eine Althistorikerin, Mary Beard. Eine grauhaarige Person aus dem alten Cambridge, Alter 63. Expertin für Pompeji und Rom. Ja, wer hätte es kommen sehen, dass die neue Galionsfigur des Feminismus so ungeschminkt daherkommt, etwa auf dem Fahrrad, man kann auf YouTube sehen, wie sie für ihre BBC-Serie Wir treffen die Römer über die Via Appia eiert. Beard sei beim Dreh, so Zeugen, auf eine englische Schulklasse gestoßen, die Girlies hätten gekreischt wie sonst bei Boygroups. Mal so werden wie Mary Beard, das sei in England der coole Wunsch.

Der Guardian spricht vom "Mary-Beard-Kult". Natürlich hat auch Beard Feinde, nicht zu knapp, auf Twitter vergleicht jemand ihre Geschlechtsteile mit verrottetem Gemüse, ihre Figur mit dem Arsch eines Busses. Oder montiert ihr Gesicht in eine Vulva – hätte man gar nicht bemerkt, höhnt The Times. Ihre Erscheinung, präzisierte Mary Beard vor Publikum, entspreche einer "nicht überarbeiteten Frauengestalt ihres Alters". Jubel und Heiterkeit.

Feminismus, so Beard, der wir ein Buch zum Gelächter in der Antike verdanken, sei doch ermüdend, wenn Frauen immer nur im Modus der Empörung daherkämen.

Der erste Satz des Buchs ist eine Verbeugung vor der Leistung der Frauen, die vorausgingen. Ihre Mutter sei in eine Welt geboren, in der das Parlament ohne Frauenbeteiligung gewählt wurde, schreibt Mary Beard, in diesem 2018, in dem England 100 Jahre Frauenwahlrecht feiert.

Dann geht es zur Sache. In Zeiten von #MeToo, wo Abertausende von Frauen plötzlich von sexuell motivierten Demütigungen erzählten, kam die Frage auf, warum sie so lange schwiegen. Sehr einfach, erklärt Beard, weil die abendländische Kultur jahrtausendelange Übung darin habe, sie zum Schweigen zu bringen.

Beard führt die Leser zurück zu dem, was als Wiege unserer Kultur gilt, in das historische Griechenland, sie examiniert einen Text, der als Urtext gilt: die Odyssee. Telemachos tritt vor seine Mutter Penelope, die ihn und seine lärmenden Buddies gerügt hat, und sagt, sie möge sich verziehen: "Die Rede ist Sache der Männer."

Ein Mann bringt eine Frau zum Schweigen. Dadurch werde ein Mann zum Mann, so Beard. Das Schweigegebot für die Frau sei konstituierend für die westliche Kultur. Weshalb es in dieser Kultur immer noch so oft als so bedrohlich, ärgerlich, ewig nervig empfunden werde, wenn eine Frau öffentlich rede.

Politikerinnen in Tarnanzügen

Beard präpariert, präzise und knapp, Strebe für Strebe, das biegsame Gerüst von Frauenfeindlichkeit aus den Erzählungen der klassischen Tradition. Homer, Aristoteles, Ovid. Die von Jupiter vergewaltigte Io wird in eine Kuh verwandelt, die nur noch Muh sagen kann. Die Nymphe Echo ist dazu verdammt, auf ewig den Sound anderer zu wiederholen. Der vergewaltigten Philomena wird die Zunge herausgeschnitten. Ausnahmen bestätigten die Regel. Die Rede der Frauen, so Beard, sei erlaubt gewesen immer nur als Klage, als Klage über Frauendinge. Lucretia, die vor Gericht auf ihren Vergewaltiger zeigt. Hortensia, die für die Frauen von Rom Beschwerde führt.

Aus dieser Perspektive darf Nüchternheit einkehren beim Jubel über #MeToo. Klagen und Jammern, sehr viel weiter, lässt Beard anklingen, sind wir nicht. Und auch der Backlash lässt sich jetzt verstehen, diese oft hysterisch aufschäumende, denunzierende Abwehr der Rede der Frauen, ihr Niedermachen. Wenn die öffentliche Rede ein Merkmal von Maskulinität sei, schreibt Beard, dann sei auch die Umkehrung wahr – eine Frau, die in der Öffentlichkeit spreche, sei "qua Definition keine Frau".

Einwände drängen sich auf. Elizabeth I! Rede vor dem Heer, 1588! Und Margaret Thatcher und heute Angela Merkel und Theresa May, fast hätte es Hillary Clinton als erste Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika gegeben. Ja, sagt Beard. Dann fächert sie die Strategien der Weiblichkeitsverleugnung auf, mit denen sich Frauen an die Macht klammern.

Elizabeth I erklärte sich in ihrer Rede vor Soldaten zum androgynen Wesen. Margaret Thatcher nahm Unterricht, damit ihre Stimme männlich klinge. Und diese Geschwader von Politikerinnen in Männertarnanzügen!

Beard addiert die Strafen, die Frauen blühen, die sprechen. Wie sie als vorlaut, quakend, quiekend denunziert werden. Wie man sie überhört, wenn sie es wagen, die Stimme zu erheben, oder barsch auffordert, den Mund zu halten, wie es jüngst der Demokratin Elizabeth Warren im US-Senat widerfuhr, als sie einen Brief der Witwe Martin Luther Kings vorlesen wollte – was bei Bernie Sanders glatt durchging. Die Abwehr gegen das, was eine Frau sage, erkläre sich oft nicht daraus, was sie gesagt habe, sondern daraus, dass sie überhaupt etwas sage. Frisch im Kino: wie Meryl Streep als Die Verlegerin der Washington Post stammelt und flüstert und haucht und nur langsam ihre Stimme findet.

Dass Misogynie das Unterfutter unserer Kultur ist, hat sich selten so krass gezeigt wie im amerikanischen Wahlkampf. Trumpisten gelten nicht als die typischen Lateinschüler. Und doch kam das Trump-Team auf eines der ältesten Bilder der Frauenverachtung. Das Motiv schmückte T-Shirts, Kaffeebecher, Einkaufstaschen. Es zeigte Trump, der auf einem nackten Frauenkörper herumtrampelt. Er hält den abgeschlagenen Kopf hoch, das Leichenantlitz zeigt Hillary Clinton. Variante des Medusa-Mythos in der berühmten Darstellung des Bildhauers Cellini. Die Antike lebt, könnte man sagten.

Was daraus folgt? Tja. Mary Beard, deren Optimismus legendär ist, empfiehlt "unser gutes altes Bewusstmachen". Der klassisch professorale Ansatz: lesen, diskutieren! Nun, zu hoffen ist, dass wenigstens ein Satz von Beard hängen bleibt – sie könne sich nicht vorstellen, sagte sie, wie man Frau sein könne, ohne Feministin sein.

Mary Beard: Frauen und Macht. Ein Manifest; a. d. Engl. von Ursula Blank-Sangmeister; S. Fischer, Frankfurt/M. 2018; 112 S., 12,–  €