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Auf dem Bildschirm ein Fernsehprediger. Er erläutert, wie eine Frau nach islamischen Regeln zu prügeln sei: "Schlag sie nicht oberhalb des Halses, nicht ins Gesicht, nicht auf die Brust, nicht ins Kreuz. Ball die Hand nicht zur Faust. Benutze keinen Knüppel länger als ein Lineal. Schlagen und Schimpfen sollen in den eigenen vier Wänden bleiben. Schmutzige Wäsche wäscht man zu Hause."

Dann kommt er auf das Motiv fürs Prügeln zu sprechen: "Unsere Religion erlaubt dem Mann das Schlagen nicht, damit er seine Frau misshandelt, sondern um Dampf abzulassen. Denn wenn ihm die Geduld reißt, fängt er an, selbst in Strommasten eine zweite Frau zu sehen. Die Frau sollte dankbar sein, wenn ihr Mann sie schlägt."

Bekanntlich halten sich die meisten Männer nicht an den Rat des Hodschas, mit Obacht zu prügeln. Allein im vergangenen Jahr kamen in der Türkei 409 Frauen durch Männergewalt ums Leben. Im Vergleich zum Vorjahr war das ein Anstieg um ein Viertel. Frauen werden mittlerweile meist von Ehemännern oder Partnern oder von Ex-Gatten und Ex-Partnern umgebracht. 332 Frauen wurden 2017 in der Türkei Opfer sexueller Gewalt. Diese Zahlen zeigen, dass, trotz des islamischen Mottos "Das Paradies liegt unter den Füßen der Mütter", für Frauen in der Türkei unter den Füßen der Männer inzwischen die Hölle liegt.

Als die türkische Republik Frauen das aktive und passive Wahlrecht gab, schrieb man das Jahr 1934, damals hatten Frauen nur in wenigen europäischen Staaten dieses Recht. In der Türkei auf dem Weg in die Moderne begannen Frauen, diskriminierend strenge religiöse Regeln zu überwinden, das Haus zu verlassen und im öffentlichen Leben, in Verwaltung, Regierung, Wissenschaft und Kunst eine Rolle zu spielen.

Der Kampf gegen den Laizismus in den letzten fünfzehn Jahren aber führte auch bei den Errungenschaften der Frauen zu massiven Erosionen. Mit dem Satz: "Frauen, die nicht Mütter werden, weil sie arbeiten, sind nur halbe Frauen", machte Staatspräsident Erdoğan seinen Standpunkt deutlich. Islamistische Politiker verweisen Frauen wieder zurück ins Haus, die sich für umfassende Gleichberechtigung einsetzen.

Derzeit dividiert man in der Türkei Frauen und Männer erneut auseinander, wie es im Osmanischen Reich gang und gäbe war. Die Presse zieren Annoncen von Hotels mit getrennten Stränden und Schwimmbecken für Frauen. Gefragt sind Restaurants, die separate Räume für Frauen vorhalten. In vier anatolischen Städten nahmen bereits Busse nur für Frauen den Betrieb auf.

Der Experte für das Schlagen der Ehefrau verkündete in einer anderen Predigt, es sei religiös unstatthaft, dass Frauen im Aufzug mit fremden Männern fahren. Ein Theologie-Professor forderte letzte Woche das Gesundheitsministerium auf, Männer und Frauen auf Intensivstationen zu trennen und Frauen von weiblichen, Männer von männlichen Ärzten behandeln zu lassen.

Der Kolumnist einer islamistischen Zeitung beklagte, im Sportdress von Eiskunstläuferinnen und Volleyballspielerinnen zeichneten sich die Körperlinien ab, was "mit unseren nationalen und sittlichen Werten unvereinbar" sei. In einer in den sozialen Medien verbreiteten Predigt hieß es: "Ab der Pubertät ihres Sohnes darf eine Mutter in seiner Gegenwart keine körperbetonte Kleidung tragen, das verführt ihn zur Wollust." Derselbe Prediger verkündete, Mädchen, die illegitime Beziehungen eingingen, sollte die Kehle durchgeschnitten werden, statt sie wie früher lebendig zu begraben.

Mit einer solchen Verteufelungskampagne sind Frauen konfrontiert, während sie andererseits gegen zunehmende Gewalt in der Familie, ständig steigende Fälle von Vergewaltigung, Verheiratung minderjähriger Mädchen und den herrschenden männlichen Despotismus kämpfen.

Als Frauen gegen all dies am Wochenende vor dem Frauentag am 8. März auf die Straße gingen, sahen sie sich Polizeigewalt ausgesetzt. Bei strömendem Regen wurden sie niedergeknüppelt, riefen aber unverdrossen weiter:

"Wir schweigen nicht. Wir haben keine Angst. Wir gehorchen nicht."

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe