Verlangen ist gut ...

... Begehren ist besser

Von Julya Rabinowich

Man könnte ja annehmen, im Jahre 2018 sei ein Frauenvolksbegehren, nun ja, ein wenig passé. Aus der Zeit gefallen wie Accessoires, deren Trägerinnen noch gar nicht bemerkt haben, dass sie absolut nicht mehr der aktuellen Mode entsprechen. Es könnte einen Beigeschmack haben. Ein Hauch Mottenkiste. Braucht doch keine, könnte man sagen. Will doch keine, könnte man sagen. Werdet’s jetzt bitte nicht schon wieder hysterisch, könnte man sagen. Euch geht’s gut! Wozu ein Frauenvolksbegehren, es ist ja alles erkämpft, alles erreicht! Uns geht es gut!

Der Olymp ist erobert und geteilt wie der Schädel des Zeus, aus dem einst Pallas Athene stieg! Eine Entbindung übrigens, die keine Alimente nach sich zog. Leider aber nicht die einzige. Wenn man genau hinsieht, führen auch einige menschliche, allzu menschliche Geburten zu keinen Alimentezahlungen. Alleinerzieherinnen sind immer noch eine der armutsgefährdetsten Bevölkerungsgruppen in diesem Land. Und eine jener Gruppen, die noch immer keine Lobby haben. Frauen, die Teilzeit arbeiten, weil sie keine ausreichende Kinderbetreuung haben, werden später gehäuft von Altersarmut heimgesucht. Auch diese Betroffenen haben keine eigene Lobby. Immer noch ist die Kinderbetreuung, die hauptsächlich von Frauen bestritten wird, insgesamt eine Bremse bei weiterer Karriere. Und damit auch ein Weg in die Abhängigkeit vom Partner.

Der Knick, der durch das Verbleiben bei den Kindern entsteht, ist später nie mehr aufzuholen. Bei berufstätigen Vätern sieht die Sache anders aus – deren Karriereverläufe mit und ohne Lendenfrüchte gestalten sich unauffällig ähnlich. Und falls man jetzt annimmt, das wäre schon alles – nein, leider wird man da enttäuscht. Es gibt doch noch so vieles, das nicht angerissen worden ist! Es geht weiter mit Dingen, die man längst überwunden glaubte: Frauen in Spitzenpositionen sind immer noch eine erstaunliche Ausnahme. Die gläserne Decke hat sich als nachhaltiger erwiesen als alle hochfliegenden Träume und Vertröstungen. Wer aber auf Quote pocht, erntet im besten Fall mitleidige Blicke und im schlimmsten wilde Aggression.

Aber!, könnte man jetzt einwerfen, ja, alles schlimm. Aber! Glücklicherweise gibt es ja eine eigene Ministerin, die für Frauenangelegenheiten zuständig ist! Na, seht ihr, keine Lobby hin, keine Lobby her, es gibt ja doch jemanden, die für solche Fragen und Antworten bereitsteht. Die neue Frauenministerin, die das türkise Frauenprogramm (bestehend aus mehreren Absätzen und illustriert mit halber Gurke, Stöckelschuh, einem Kugelschreiber, der in ein Babyfläschchen sticht, und einem Lippenstift samt Laptop) offenbar genau so vorexerzieren will wie vorgesehen, hält es aber mit Frauenangelegenheiten nicht so wie ihre Vorgängerin, die das Volksbegehren mittrug. Diese Frauenministerin weigert sich, Lobby für alle Frauen zu sein. Sie weigert sich, das Frauenvolksbegehren zu unterzeichnen. Das hat sie übrigens mit der gesamten Riege der Ministerinnen gemein. Keine der derzeit aktiven Ministerinnen wird sich mit dem Frauenvolksbegehren solidarisch erklären. Und damit auch nicht mit jenen Frauen, die keine Stimme haben, die so leicht gehört würde wie jene der Prominenten. Um das geht es in diesem Volksbegehren natürlich auch: um die Sichtbarmachung jener Frauen, die gern übersehen werden. Um dieStimme zu erheben für jene, die nur eine leise Stimme haben oder es gar nicht wagen, sich mitzuteilen.

Damit ist – paradoxerweise übrigens längst nach dem eigentlichen Start des Frauenvolksbegehrens – ein noch dringenderer Grund gegeben, es erst recht zu unterzeichnen. Wenn sogar die Frauenministerin – eine Frau, die sämtliche Privilegien, die von anderen unter anderem auch für sie erkämpft wurden, besitzt – wenn diese privilegierte Frau anderen Frauen diese Unterstützung nicht zu geben bereit ist, wer springt denn dann in die Bresche? Die Antwort ist einfach: Dann ist eben die Zivilgesellschaft gefragt, diese Aufgabe zu übernehmen. Jene Zivilgesellschaft, die auch beim Rauchervolksbegehren so entschlossen und aufmerksam reagiert hat. Denn wenn man etwas weiterdenkt, dann sollte man erkennen, dass das Frauenvolksbegehren sich nicht gegen Männer richtet und auch nicht allein Frauen anspricht. Das Frauenvolksbegehren ruft zu fairer Verteilung sämtlicher Ressourcen auf. Zur Verteilung der Ressourcen, nicht deren Hortung bei einem Geschlecht. Auch Männer werden im Familienrecht insofern beschnitten, als die geringe Kinderbetreuungszeit meist dazu führt, dass bei einer Trennung die Kinder der Mutter zugesprochen werden. Sie haben weitaus weniger Zeit, dem Aufwachsen dieser Kinder beizuwohnen. Das ist der Preis für die unbeschädigte Karriere. Aber es könnte auch ganz, ganz anders sein.

Wer sich an den Forderungen des Frauenvolksbegehrens stößt, weil sie zu überzogen scheinen, sollte wissen, wie wenig jeweils umgesetzt worden ist – auch vom vorangegangenen Frauenvolksbegehren vor über 20 Jahren. Frauen, die bitten, haben selten etwas erhalten. Wenn es auf Goodwill-Aktionen ankommen würde, wäre ein solches Frauenvolksbegehren gar nicht notwendig. Aber, ach! Der halbe Olymp ist bei genauerer Begutachtung immer noch halb Versprechung, halb Rückzugskampf und Ausflucht.

Julya Rabinowich