1. Cuore di Vetro, Berlin

Wenn ich Ihnen erzähle, dass die Besitzer das ganze Jahr über Schwarz tragen, im weitesten Sinne also irgendeiner Kategorie des Genres "Goth" angehören, blass und schmal sind, aus Norditalien nicht zuletzt wegen ihrer Liebe zu der Berliner Band Einstürzende Neubauten in die deutsche Kapitale gezogen sind, wenn ich Ihnen sage, dass ihr Laden nach einem Film von Werner Herzog benannt ist und die Eissorten nach Songs von David Bowie oder Nick Cave, dann werden Sie vielleicht denken, aha, das ist mal wieder so ein schickes Berliner Ding, prätentiös, da gehe ich nicht hin, ich will nämlich bloß ein Eis essen und keine experience experiencen. Und vielleicht wäre mir das fast recht, denn die besten Dinge will man ja eigentlich am liebsten für sich behalten, und bislang ist die Schlange vor dem Cuore di Vetro sogar an den heißesten Sommertagen noch halbwegs erträglich, dann steht man bloß fünf Minuten an, das ist in einer Stadt, in der alle immer nach dem tollsten Ding für unter drei Euro suchen, gar nix. Dann würden Sie aber trotzdem einen Fehler machen, denn das Eis in diesem kleinen Laden in der Max-Beer-Straße ist das beste Eis überhaupt oder jedenfalls bestimmt so gut wie in Ihrer liebsten Gelateria in Italien. Essen Sie: Pistazie, den wahren Lackmustest einer jeden Eisdiele, und sagen Sie mir dann, dass diese kühle Crème mit Nüssen aus dem sizilianischen Bronte Ihnen nicht Tränen des Glückes in die Augen treibt. Oder nehmen Sie eine der fantastischen Eigenkreationen des Etablissements, zum Beispiel Black Star (#bowie), Maronencrème und Tabak. Wenn Sie kein Eis mögen: Die Kuchen, sogar die Käse- und Wurstplatten, die man Ihnen serviert, sind auch fabelhaft. Die Besitzer sind die nettesten Menschen der Welt, und wenn man, wie ich, im Sommer täglich erscheint, fragen sie nett nach Frau und Familie und so. Der Laden hat übrigens auch im Winter auf, und ich gestehe, dass ich erst kürzlich wieder dort gewesen bin und meine Waffel in der behandschuhten Hand hielt. Es war natürlich köstlich. Aber ich gestehe: Es war sehr kalt. In der Sonne schmeckt es besser.

Alard von Kittlitz

2. Burg Hohenneuffen, Schwäbische Alb

Auf der blauen Mauer, wie die Schwäbische Alb bei Mörike heißt, steht eine Burg aus dem Mittelalter, der Hohenneuffen. Der beste Ort in Württemberg, um die Sonne zu begrüßen: An einem Kiosk holt man sich Bier und Maultaschen und sitzt dann, bei herrschaftlichem Ritterblick, auf Holzbänken und sieht die Frühlingsvögel ins Tal gleiten. Für die Faulen: Man kann mit dem Auto bis zur Burg fahren. Wer sich die Maultaschen erlaufen will, hält auf einem nahe gelegenen Wanderparkplatz: Eine gute Stunde am Albtrauf entlang, genau an der Kante, wo der bewaldete Berg ins Tal hinabfällt, läuft man an Felsen vorbei, Drachenflieger starten dort, und man sieht diese milchige Diesigkeit über dem Tal, nebliges Flimmern, ganz hinten Stuttgart. Und der Himmel: blau, weiß, lila, grau.

Felix Dachsel

3. Weinberge, Saale

Ein Spaziergänger braucht Mut zum Kitsch und zur Spießigkeit, denn nichts anderes als kitschig und ein bisschen spießig ist ja der Spaziergang, wenn er gut ist: Flanieren zum Lustgewinn, am besten sonntags in der Frühlingssonne. Mein Lieblingsort sind die Saale-Unstrut-Weinhänge, auf halber Strecke zwischen Leipzig und Weimar, eine der romantischsten Weinbergswanderrouten überhaupt. Man läuft unten an der Saale entlang oder oben auf den Hügeln, sieht Steilterrassen und Weinbergshäuschen, bewaldete Kuppen und grüne Felder, dazwischen Reben und Reben, und irgendwo in der Ferne steht immer noch ein hochmittelalterliches Schloss, tuckert ein Boot, öffnet sich noch ein Blick, der so schön ist, als wolle eine höhere Macht sagen: Glückwunsch, du hast dich zum Kitsch bekannt, du darfst den Ehrentitel tragen – Spaziergänger.

Martin Machowecz

4. Boulderhalle, Hamburg

Die Sonne ist aus Neon und hängt über einem Berg von viereinhalb Meter Höhe. Es ist nicht schlimm, wenn man abrutscht. Der weiche Mattenboden und die geringe Höhe verhindern einen tiefen Sturz.

Bouldern: Freiklettern in Absprunghöhe, ohne Seil oder Sicherung.

Bouldern, das ist meine liebste Wintersportart. Boulder heißt "Brocken", und ursprünglich hieß Bouldern, irgendwo bei gutem Wetter an einem Findling herumzuhampeln. Ein Zeitvertreib für Kletterer zwischen den eigentlichen Klettergängen. Längst ist das Bouldern aber domestiziert worden (Halle! Neonsonne!) und von den Beschränkungen der Natur (Gutes Wetter! Findling!) befreit. In vielen großen Städten haben Boulderhallen eröffnet. Nicht weit von meinem Zuhause in Hamburg entfernt gibt es seit dreieinhalb Jahren das FLASHH, außen eine alte Gewerbehalle, innen ein Erwachsenenspielplatz für sonnenarme Tage. An weißen Wänden von unterschiedlicher Neigung führen kunterbunte Griffe seit- und aufwärts. Jede Route hat ihre eigene Farbe, für jeden Geschmack gibt es Schwierigkeitsstufen: von einsteigerleicht bis aufstiegunmöglich.

Kreide an die Hände, den Kunstberg hoch, zur Neonsonne. Here it comes.

Stefan Schmitt

5. Strandkörbe, St. Peter-Ording

Die Wetter-App zeigt Wolke, Sonne, Westwind und den geschlossenen Regenschirm – perfekt für einen Märztag an der Nordsee. Nimm den winddichten Anorak, zieh feste Schuhe an, und pack Stirnband, heißen Tee und Schokolade in den Rucksack. Und für jeden muss ein weiches, breites Wolltuch mit, das nicht nur Schal, sondern auch Decke sein kann. Kalte Knie sind ungemütlich dort, wo wir die nächsten zwei Stunden verbringen wollen: in einem der Strandkörbe, mitten in der Wattwüste vor St. Peter-Ording.

Da stehen sie auf Holzpodesten sicher vor der Flut und wenden in Reih und Glied ihr Gesicht vom Wind ab und der Sonne zu. So früh im Jahr sind es noch wenige. Zum Glück kommt hier keiner auf die dumme Idee, die Körbe mit Gittern zu verschließen, vor welchem Unbefug auch immer.

Wir sitzen. Kniebänke quietschend rausgezogen, Wolltücher über die Knie drapiert und gern auch noch die Watteweste übergestreift.

Wir kucken. Wenig Möwen heute, oder?

Wir schweigen. Kommt ein Wärter zum Kassieren? Nö, das lohnt noch nicht bei den paar Piepeln weit und breit. Ganz schön grau das Meer, heute. Hol mal den Tee raus – ach, schade, den Rum haben wir diesmal vergessen.

Na, zum Herbst dann wieder!

Iris Mainka

6. Günthersburgpark, Frankfurt am Main

Natürlich könnte man sich einfach am nördlichen Ende des Frankfurter Günthersburgparks auf eine der Bänke setzen, das Gesicht in die Sonne, die Augen geschlossen. Man könnte das Flackern genießen, das durch die Schatten der Spaziergänger auf die Netzhaut springt, und sich aus Gesprächsfetzen sein eigenes Hörspiel zusammenstellen.

Doch warum Hörspiel, wenn man durch unzählige Kanäle im Cinemascope-Format zappen kann? Also ein paar Schritte weiter. Ein Polizistentrio sucht in den Büschen nach Drogen, der Qi-Gong-Mann betreibt seine Kunst etwas abseits hinter den Apfelbäumen, Jugendliche üben sich auf der Slackline.

Dann wieder eine Bank. Meditieren über die Muster, welche die noch kahlen Äste der Kastanien auf die Wiese zaubern.

Sandra Danicke

7. Deich, Fedderwardersiel

Wenn die Zeit es zulässt und das Wetter auch, dann es geht nach Hause an die Küste. Nach Fedderwardersiel an der Wesermündung. Das Land ist in dieser Gegend so flach, dass Fahrschüler Anfahren am Berg an den Deichauffahrten üben. Diese paar Meter gilt es zu erklimmen, und dann liegt einem die Welt zu Füßen. Bei gutem Wetter schaut man rüber zum Containerterminal nach Bremerhaven, das gut 15 Kilometer entfernt liegt. Wind weht hier so verlässlich, wie die Ebbe die Flut ablöst. Meist kommt er einem entgegen. Schafe blöken, grasen, treten den Deich fest. Wenn die Sonne rauskommt, wärmt sie das Gesicht, und wer mag, geht direkt ans Wasser und schaut den Gezeiten bei ihrer Arbeit zu. Am Ende steht die Fischbude in Burhave. Eine geräucherte Makrele und ein Jever aus der Flasche.

Claas Tatje