Die Kirche im Dorf kann den Takt für das Leben der Gläubigen vielleicht noch vorgeben. Im Dickicht der Städte sieht das anders aus. Mit einem Gottesdienst für Spätaufsteher schaffen franziskanische Ordensbrüder, was in der "Heidenmetropole" Berlin niemand zu glauben wagte: volle Kirchen. Fünf Gehminuten vom Kurfürstendamm entfernt strömen jeden Sonntag durchschnittlich 1.300 Besucher in die Sankt-Ludwigs-Kirche zu einer der drei Messen. Punkt zwölf kommen die, denen ihr ausgedehntes Familienfrühstück heilig ist. Um 18.30 Uhr sind dann jene da, die sich einen geistlichen Impuls für die Woche erhoffen.

Wilmersdorf ist das Herz des alten Berliner Westens, Wohlstandsbürgertum und Bildungsbürgertum waren dort immer eins. Bis zum Mauerfall haben sich dort Akademiker, Künstler und Geschäftsleute niedergelassen, dann wurde der Osten attraktiver. Schließlich kamen die Bonner, kulturaffine Gutverdiener, Regierungsbeamte, Botschaftspersonal, Medienleute. Viele sind religiös sozialisiert, einige inzwischen vom Glauben entfremdet. Sie finden am Ludwigkirchplatz ein Gotteshaus vor, das auf die individuellen Bedürfnisse einer urbanen Klientel eingeht.

Wenn Pater Damian und Pater Josef in einer Abendmesse etwa Nikolaus Groß preisen, der als katholischer Widerstandskämpfer von den Nazis hingerichtet wurde, ist in der anspruchsvollen Predigt schon mal von der Philosophin Hannah Arendt die Rede. Doch das schreckt die Gläubigen nicht. Vielmehr scheinen sie ein solch gehobenes Niveau ohne jeden Dünkel zu goutieren. Ist die Messe abends gesungen, verharren noch auffallend viele Menschen in den Bänken, um dem Spiel des Organisten Norbert Gembaczka zu lauschen. Spirituell ausatmen nennen das die Pater. Fast 11.000 Seelen zählt die Pfarrei Sankt Ludwig. Darunter sind auch prominente Gemeindemitglieder wie die Kulturstaatsministerin Monika Grütters oder der ZDF-Chefredakteur Peter Frey. Dennoch betreiben die Franziskaner keinen Tempel für die Kulturschickeria. Sie bieten Seelsorge ohne jegliches Chichi, geben an Bedürftige Essensgutscheine aus, unterhalten eine Grundschule, zwei Kitas und einen Hort und einen Weltladen mit Fairtrade-Produkten.

In franziskanischer Demut erläutert Pater Maximilian, warum seine Kirche boomt: "Führt eine Ordensgemeinschaft eine Kirche, kann jeder Bruder einen eigenen Akzent setzen. Durch die Abberufung der Brüder kommen mit jedem Neuen neue Ideen hinzu. Das bedeutet mehr Vielfalt. Die Gläubigen können sich ihren Seelsorger aussuchen." Während anderswo Kirchen immer mehr zu Kulturinstanzen werden, um die Menschen zu binden, läuft es in Sankt Ludwig andersherum: Eine populäre Schauspielerin etwa, die sich andient, die Bibellesung in der Messe zu gestalten, ist als kirchliche Laiin hier nichts weiter als Christin unter Christen.

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