Es geht um einen einzigen Satz. Ein Satz, der Gewicht hat, weil er dort steht, wo ein Land, ein Staat, eine Gemeinschaft festschreibt, wie sie ihr Zusammenleben regeln will: in der Verfassung. Artikel 8, Absatz 3 hält fest: "Mann und Frau haben Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit."

Doch der Satz wird ignoriert. Von der Politik, von der Wirtschaft.

Denn die Schweiz ist ein Männerstaat.

Seit 1981 steht der Gleichstellungsartikel in der Verfassung. Seit 1996 hat das Land ein Gleichstellungsgesetz, und darin steht: "Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer dürfen aufgrund ihres Geschlechts weder direkt noch indirekt benachteiligt werden." Aber noch immer verdient eine Frau in der Schweiz durchschnittlich 18 Prozent weniger als ein Mann – allein weil sie eine Frau ist.

Und das soll so bleiben.

Ende Februar debattierte der Ständerat (39 Männer, 7 Frauen) über eine Änderung des Gleichstellungsgesetzes. Sie sieht vor, dass Firmen mit mehr als 100 Mitarbeitern ihre Lohnstruktur alle vier Jahre von einer unabhängigen Instanz überprüfen lassen und intern kommunizieren sollten. Ohne Sanktionen, ohne Bußen.

Doch die Ständeräte wollten davon nichts wissen. Sie retournierten das Geschäft an die Kommission, versehen mit dem Auftrag, sie solle Alternativen prüfen. Am liebsten wäre dem Rat, die Firmen dürften sich selber kontrollieren.

Mit seinem Entscheid rechtfertigt der Ständerat den andauernden Verfassungsbruch, zementiert die Geschlechterungleichheit, und er offenbart, wie wenig er von Ökonomie versteht.

In der Schweiz gilt die Gleichberechtigung nach wie vor als ein linkes Projekt. Als Anliegen von Feministinnen, die die Wirtschaft gängeln und ihr administrative Mehrarbeit aufbürden wollen.

Dabei steckt hinter dem Satz "gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit" eine geradezu ökonomistische Idee: jene der optimalen Ressourcenallokation.

Unternehmen, die Mann und Frau gleich behandeln, die ihre Mitarbeiter nach ihrem Talent, ihrer Ausbildung, ihrer Erfahrung auswählen und bezahlen – sie würden dafür sorgen, dass möglichst viele Arbeitskräfte den für ihre Fähigkeiten am besten passenden Job machen und so eine möglichst hohe Wertschöpfung erzielen. Zumal die geistige Elite in der Schweiz heute weiblich ist: 18 Prozent aller Frauen schließen ein Hochschulstudium ab, unter den Männern sind es bloß 14 Prozent. Trotzdem verdienten Frauen, Stand 2013, durchschnittlich 5.814 Franken im Monat, Männer dagegen 7.614 Franken. Und 677 Franken dieses Unterschieds lassen sich weder durch die vermehrte Teilzeitarbeit von Frauen noch durch die Erfahrungslücke erklären, die bei einer Mutterschaftsabsenz entsteht.

Es ist reine Diskriminierung.

Eine Frau erhält in der Schweiz also 6.000 bis 7.000 Franken zu wenig Lohn pro Jahr. Sie und ihre Arbeitgeber zahlen entsprechend zu wenig in die AHV und die Pensionskasse ein, sie bezahlen weniger Steuern, und ihre Kaufkraft wird um 7,7 Milliarden Franken verringert.

Aber um Ökonomie geht es in der Schweiz kaum, wenn über Gleichstellung diskutiert wird. Viel eher geht es um Macht. Um die Macht der Männer.

Zugeben würde das natürlich kein Schweizer Mann. Auch kein Ständerat. In der Debatte betonten sie, wie wichtig ihnen die Gleichstellung sei, ja, es bestehe Handlungsbedarf, nein, niemand wolle das Geschäft verzögern, ihnen gehe es allein um die Sache, und die habe eine bessere Lösung als die vorgeschlagene verdient. Ein SVP-Parlamentarier mokierte sich über die Lohnanalysen: "Das wäre in etwa so das Gleiche, wie wenn ich mich einer Untersuchung unterziehen müsste, die feststellen soll, ob ich früher oder später vielleicht einmal an Haarausfall leiden könnte."

Ausgerechnet Männer, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Wettbewerb beschwören, wollen auch weiterhin von ihrer Geschlechter-Monopolstellung profitieren, die ihnen jener Staat verschafft hat, vor dessen Regulierung sie die Wirtschaft nun bewahren wollen.

Bis 1971 durften die Schweizerinnen weder wählen noch abstimmen.

Bis 1988 waren Männer "das Haupt der Familie", sie entschieden von Gesetzes wegen über den Wohnsitz, das Vermögen und gaben Frau wie Kindern ihren Namen.

Bis 2005 wurden Männer für ihren Militärdienst entschädigt, Frauen hingegen mussten sich selber gegen den Erwerbsausfall während einer Mutterschaft versichern.

Frauen wurden sowohl im Erb- als auch im Sozialversicherungsrecht benachteiligt.