Manche Leute berichten, wenn sie streng fasteten, werde ihre Wahrnehmung immer prägnanter, jedes sinnliche Detail stehe ihnen so klar und scharf umrissen vor Augen wie ein Kupferstich, die Welt erscheine ihnen dann in einer geradezu überwirklichen Konturiertheit.

Esther Kinskys Buch Hain, das jetzt landauf, landab gerühmt wird und für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist, folgt auch einem Programm strengster Askese, einem ästhetischen Fasten gewissermaßen. Es ist wie Trennkost: Alles, was dick machen könnte, kommt nicht auf den Tisch. Kein kalorienreicher Plot, keine zuckerhaltigen Dialoge, alles, was schnell satt macht und leicht die Kehle runtergeht wie Witz und Ironie, wird vom Speiseplan gestrichen. Entsprechend hängt kein Gramm Fett an diesem asketischen Textkörper. Dafür nimmt er mit der Luzidität des durch Fasten geschärften Bewusstseins dort unendlich viele Nuancierungen und Licht-Abstufungen wahr, wo andere – mit der Schläfrigkeit, die sich einstellt, nachdem man sich den Magen vollgeschlagen hat – nur graues Einerlei sehen. Während Pasternak im Doktor Schiwago unübertrefflich darin war (allerdings auf barock überschießende Art), so viele Formen von Schnee wie kein anderer Schriftsteller vor ihm zu unterscheiden, so dürfte die Bandbreite von Esther Kinskys Graupalette unübertroffen sein. Ihre ultimative Beschreibungsherausforderung ist entsprechend die Kiesgrube – einer der Höhepunkte von Hain, wenn sich bei einem Buch, das sich unerbittlich dem Gleichmaß verschrieben hat, von Höhepunkten sinnvoll sprechen lässt ...

Wie bei allen Diäten kann dem Leser da auch schon mal der Magen knurren, aber Hain ist ein Trauerbuch, und warum sollte der Leser frohgemuter sein als die Erzählerin? Sie hat ihren Lebensgefährten M. nach schwerer Krankheit verloren und muss nun ein Leben als Hinterbliebene erproben. Der Schock dieses neuen Schmerzes, dessen unergründliche Tiefen gewissermaßen erst noch auszuloten sind, scheint die Welt in einer stummen Distanz zu halten. Andere Menschen kommen in Hain kaum vor, und wo doch, sind sie eher Teil der Landschaft als handelnde und sich artikulierende Subjekte.

Die Erzählerin hat sich nach dem Tod von M. in den Ort Olevano in den Albaner Bergen südlich von Rom zurückgezogen. Das Dorfleben beobachtet sie aus der Distanz. Ihre Spaziergänge (ein Wort, dem in diesem Fall etwas zu Sonniges anhaftet) führen sie immer wieder zum Friedhof von Olevano. Ansonsten sind es die Wintermonate, die Welt hat sich in ein hartes Grau verschlossen, dessen Farbabstufungen die Erzählerin genau registriert.

Manchmal nimmt sie den Bus in die Umgebung, aber nichts von dem, was sie beobachtet, erwächst eine größere Bedeutung zu als anderem: Es ist ein lethargisches Gleichmaß, das seine eigene Wahrheit beanspruchen kann, weil es auch jedes vorschnelle moralische Engagement zurückweist. Fällt ihr Blick auf die afrikanischen Straßenhändler, die Socken verkaufen, schreibt sie: "Sie bettelten nie, und ihre freundlichen Phrasen, von denen sie doch wissen mussten, dass sie fast nie verfingen, gaben sie in einem geübten singsanglichen Italienisch von sich, das ihnen einen dünnen Anstrich von Hierhergehörigkeit gab." Der "dünne Anstrich von Hierhergehörigkeit" scheint wie ein indirektes Echo plötzlich auch die Erzählerin zu charakterisieren – wenn nicht gar die existenzielle Situation des Menschen überhaupt: Mehr als ein dünner Anstrich ist insgesamt schon Illusion!

Bereits der Untertitel von Hain markiert selbstbewusst das ästhetische Programm: Geländeroman. Gelände, das ist weder die farbenfrohe Idylle noch die wildromantische Karstigkeit mit ihren Erhabenheitsimplikationen. Gelände ist das, was auf keine Postkarte drängt, das, was sich zwischen Stadt und Land auftut, weder ursprüngliche Natur noch urbane Gestaltung, etwas, das vernutzt wird oder übrig bleibt. Vermutlich besteht die Welt aus viel mehr Gelände, als wir meinen, weil wir es meiden und deshalb keinen Begriff von seiner Ausdehnung wie von seiner eigensinnigen Struktur haben.