Wenige Bands sind mir je so auf die Nerven gegangen wie die Beatles. Daran wirkten zwei Frauen mit. Meine Mutter war ein Fan dieser Musikgruppe, sie rangierte bei ihr noch vor dem Don Kosaken Chor und Boney M. Es konnte passieren, dass sie, wähnte sie sich allein, eine ihrer Platten auflegte und dazu vor sich hin hoppelte. Kam man unvermutet dazu, benahm sie sich fürchterlich ertappt. So reifte in mir früh die Erkenntnis, dass man diese Band allenfalls heimlich hören durfte.

Frau Rieger war meine Englischlehrerin in der Mittelstufe. Sie war Ende der sechziger Jahre jung. Also nötigte sie uns, sie zu duzen, und ließ uns Beatles-Songs interpretieren. Nie war ihr eine Deutung tiefgründig genug, immer gab es noch eine unentdeckte Metaebene, und sie ließ uns graben und graben, bis die Stücke keine Lieder mehr waren, sondern hässlicher Schutt.

Als Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band sammelten die Beatles 1967 erste Erfahrungen mit sehr bunter Kleidung. © Agentur Bridgeman

Fürderhin konnte ich die Beatles nicht mehr hören, ohne schlechte Laune zu bekommen. Weil es aber heißt, dass gelassener lebt, wer Hass überwindet, habe ich beschlossen, den Engländern noch eine Chance zu geben. Das passt auch zeitlich tipptopp, denn vor genau 50 Jahren, im Februar 1968, reisten die Beatles nach Nordindien, um im Aschram von Maharishi Mahesh Yogi zu meditieren und Yoga zu machen. Bei einem seiner Vorträge auf ihrer Insel hatten sie den Guru und seine Transzendentale Meditation kennengelernt. Die versprach unter anderem, man könne lernen, aus dem Schneidersitz heraus zu fliegen, allein aus Geisteskraft. Keine Ahnung, ob die Beatles das glaubten. Aber Ende der sechziger Jahre hatten sie längst genug Platten verkauft, um die Kursgebühren zu bezahlen und es zu versuchen. Alle vier reisten damals nach Rishikesh, John, Paul, George und Ringo samt Ehefrauen, auf der Suche nach innerer Erleuchtung. Ich reise ihnen hinterher, weil tief in mir die Hoffnung schlummert, unsere Beziehung doch noch in gesündere Bahnen lenken zu können. We can work it out.

Von Delhi aus fahre ich viele Stunden mit dem Zug über brettflaches Land. Felder wechseln sich ab mit kleinen Städten, Zuckerrohrplantagen mit Bahnhöfen, an denen Menschen aus Körben Gebackenes an die Fahrenden verkaufen. Mein Ziel ist ein Vorort von Rishikesh im Bundesstaat Uttarakhand.

Nach meiner Ankunft trete ich auf den Hotelbalkon und sehe: Berge ringsumher, und unter mir fließt schäumend der Ganges über die Kiesbänke einer Flusskehre. Bis nach Nepal ist es nur ein Stückchen nach Osten, kaum weiter nach Tibet im Norden. Das Tal ist eng, überall weiß und rot und golden bemalte Tempel. Nach rechts, nach Süden, laufen die Berge aus. Dort hinaus strömt der Fluss in die Ebene, die seinen Namen trägt. Am Horizont sehe ich, wohin das führt, und es fühlt sich an, als beginne hier etwas Großes.

Zeit für eine erste Konfrontation. Ich starte die Musik auf meinem Mobiltelefon per Zufallsgenerator. Dazu muss man wissen, dass ich vor meiner Abreise ausschließlich Beatles-Songs in meine Spotify-Liste geladen habe, um ganz bei meiner Mission zu bleiben. Ob-La-Di, Ob-La-Da klingt an. Ich empfand das Lied immer als unfassbar schepperig und anstrengend. Geht mir immer noch so, selbst mit Himalaya im Blick. Langsam wird mir das Ausmaß dieser Herausforderung bewusst.

Den Hindus ist Rishikesh eine heilige Stadt, im Tal der Heiligen gelegen, am heiligen Fluss Ganges, ebenso heilig sind die Kühe in den Straßen. Und jeder Mann, der ärmlich aussieht und leider nicht arbeiten kann, weil er den Göttern nah sein will, und der dafür Spenden anzunehmen bereit ist, der ist ein Sadhu und, logisch, auch heilig. Und weil so viel Heiligkeit in der Luft liegt, versuchten sie hier schon immer, dem Göttlichen näherzukommen. Es heißt, Yoga sei in diesem Tal entstanden. Die Stadt hat 70.000 Einwohner.