Wer der Barmherzigkeit zu ihrem Recht verhelfen will, muss unbarmherzig sein, sonst erreicht er nichts. Stellen wir uns einmal vor, der große Reformpapst Franziskus ginge freundlich mit seinen Brüdern um, besonders mit den Hierarchen unter ihnen, würde Verständnis und Motivation verteilen und darauf hoffen, dass die Saat der Freundlichkeit in der Kirchenführung aufgeht. Würde sich auch nur ein intriganter Prälat angesprochen fühlen? Vermutlich nicht. Alles durch Güte zu erreichen ist unmöglich. Schon gar nicht im Vatikan. Blickt man also auf die fünf Pontifikatsjahre des Franziskus zurück und auf die nächsten fünf voraus, muss man sagen: Hoffentlich wird Franziskus noch unbarmherziger.

Denn der Reformstau ist groß. Es ist keine Übertreibung, wenn man behauptet, Paul VI. sei der letzte große Reformpapst auf dem Petrusthron gewesen. Paul VI. ist seit 40 Jahren tot. Dem Reformstau widmet sich Franziskus nun, mal mehr, mal weniger erfolgreich, immer steht jedoch inhaltlich ein Wort programmatisch über allen seinen Unternehmungen: Barmherzigkeit. Barmherzig mit der Natur müsse der Mensch umgehen (Enzyklika Laudato si) und vor allem barmherzig mit seinesgleichen (nachsynodales Lehrschreiben Amoris laetitia) und mit den armen und schwachen Mitmenschen, die es schlechter haben als man selbst.

Recht unbarmherzig geht der Papst jedoch mit denjenigen um, die erstens seine engsten Mitarbeiter sind und die zweitens seine Reformen in die Tat umsetzen sollen: Das sind die Herren Kardinäle und, generell, die römische Kurie, der in seiner Kompliziert- und Steifheit immer noch byzantinisch anmutende Verwaltungsapparat des Heiligen Stuhls.

In diversen Weihnachtsansprachen hat Franziskus diesem Apparat einen Spiegel vorgehalten. Der Pontifex hat seine Verwalter mit so vielen Krankheiten verglichen – Alzheimer, Schizophrenie und Krebs sind nur die ärgsten – dass man argumentieren könnte, die Kurie sei so moribund, sie warte nur noch auf das nahe Ende.

Möglicherweise kommt das im Rahmen einer Erneuerung. Seit Jahren will Franziskus die Kurie reformieren. Das wollte auch sein Vorgänger Benedikt, und man munkelt, dass der deutsche Papst unter anderem deshalb zurückgetreten ist, weil die Widerspenstigkeit der kurialen Behörden größer war als Benedikts Kräfte. Doch Benedikt hatte einen Nachteil: Jahrzehntelang war er selbst Teil der vatikanischen Bürokratie. Er war sehr hart zu Gläubigen, Priestern, Bischöfen, aber zu den Römern war Benedetto vergleichsweise nett. Diese Bürde liegt nicht auf Franziskus’ Schultern, er war nie wirklich Teil der Kurie, so wie Joseph Ratzinger vor seiner Papstwahl.

Die römische Kurie besteht aus Sekretariaten, Kongregationen, Gerichtshöfen, päpstlichen Räten, Kommissionen, Komitees und so weiter, und so weiter. In diesen Urwald sollen nun neun Kardinäle Breschen schlagen. Franziskus hat einen Kardinalsrat eingerichtet, in dem auch der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx tätig ist. Die neun Männer sollen die Kurie neu ordnen, und zwar nach folgenden Kriterien: Individualität, Hirtensorge, Missionsgeist, Rationalität, Funktionsfähigkeit, Modernität, Einfachheit, Subsidiarität, Synodalität, Katholizität, Professionalität und Gradualität sollten laut Franziskus einziehen. Was kompliziert klingt, meint ja nur eines: Aggiornamento. Anpassung an die Gegenwart – aber vom Mittelalter aus gesehen. Bitte einmal eine moderne Verwaltung für die Weltkirche.

Verständlicherweise erweist sich die römische Kurie als reformunwillig, was menschlich betrachtet nachvollziehbar ist: Man hat Angst vor Veränderung, vor Privilegienverlust. Nach allem, was aus diversen Enthüllungsbüchern – zuletzt "Alles muss ans Licht" des Investigativjournalisten Gianluigi Nuzzi – bekannt wurde, dürften die Zustände im Verwaltungsapparat des Heiligen Stuhls eine verhängnisvolle Mischung aus, sagen wir, Köln und Neapel sein. Bei Heilig- und Seligsprechungen gibt es immer wieder Vorwürfe der Bestechlichkeit. Der hohe Klerus bereichert sich offenbar öfter am Kirchenvermögen, wohnt in unanständig großen Etagenwohnungen, sichert seinen Familien ebensolche Etagenwohnungen und behindert die franziskanischen Reformen, wo er kann. An der Herkulesaufgabe Kurienreform kann Franziskus’ Pontifikat jedenfalls noch scheitern.