Der Götterchef Jupiter, so will es der antike Mythos, war ein notorischer Verwandler: In der Gestalt eines weißen Stiers soll er die Europa entführt, als Adler dem Hirtenjungen Ganymed nachgestellt, als dunkle Wolke die junge Io in seine Gewalt gebracht haben. Alle seine Opfer wussten nicht, wie ihnen geschah, bis es schon geschehen war. Den Durchblick hatte nur eine, Jupiters Gattin Juno. Ihr war es als Einziger vergönnt, stets die wahre Gestalt ihres Gatten zu erkennen. Die antike Juno, so heißt es, konnte sogar durch Wolken blicken.

Womit für die Raumsonde Juno der Name sowohl als gutes Omen dient wie als Auftrag: Im Juli 2016 erreichte sie den größten Planeten des Sonnensystems, um in seine Wolkenhülle hineinzublicken. Hypnotisch wirbelnde Wolkenbänder in Ocker, Weiß, Grau, Blau und Braun, der riesenhafte rote Punkt – hinter dieser Vielgestaltigkeit verbirgt der Primus unter den Planeten viele Rätsel. Denn was Menschen durch ihre Teleskope erspähen, ist stets nur der Blick auf die äußere Atmosphäre.

Wie aber sieht es im Inneren aus? Was treibt diese turbulente Welt an? Wie ist sie entstanden? Und was sagt das über die Frühgeschichte des Sonnensystems aus? – Mit diesen Forschungsfragen war Juno 2011 ins All geschossen worden (ZEIT Nr. 26/16). Und offenbar kann es die Sonde der Göttin gleichtun, zumindest auf die ersten beiden Fragen liefern Junos Sensoren Antworten.

So hat in dieser Woche Nature gleich vier Jupiter-Aufsätze veröffentlicht, von denen sich drei mit dem Inneren beschäftigen. Erstens hat sich gezeigt, dass die Sonde auf ihrer Bahn um den Giganten von diesem unterschiedlich stark angezogen wird. Diese Schwankungen der Gravitation korrespondieren mit den bunten Wolkenbändern an der Oberfläche. Sie werden von riesigen Sturmsystemen verursacht, welche um den Jupiter rasen. Da Gravitation ein Effekt von Masse ist, lässt das nur einen Rückschluss zu: Die Sturmbänder reichen weit in die Atmosphäre hinein. Rund dreitausend Kilometer weit, wie der zweite Aufsatz präzisiert.

Darunter beginnt die Zone, in der sich Jupiter ohne Sturm und Verwirbelung gleichmäßig um seine Achse dreht, wie ein fester Körper, so steht es im dritten Fachaufsatz. Auch das hätte man nicht aus dem Äußeren schließen können, dürfte der Planet gemäß Größe und Masse doch aus leichten Gasen bestehen statt aus schweren Elementen. Tatsächlich müssen unter dem Höllendruck in der Tiefe Wasserstoff und Helium eine dichte, feste Suppe bilden. Womit Juno schon einmal geholfen hätte, zwei wesentliche Vorgänge im Inneren des Riesenplaneten zu durchschauen.

Ein Bild vom Südpol des Jupiter – zusammengesetzt aus vielen kleineren Infrarot-Aufnahmen der Raumsonde Juno. © NASA/SWRI/JPL/ASI/INAF/IAPS

Der vierte Beitrag des Jupiter-Pakets schließlich liefert noch Überraschungen aus der Draufsicht des Planeten: Im elliptischen Flug konnte Juno an beiden Polen gewaltige Wirbelstürme ("Zyklone") fotografieren, die von weiteren Zyklonen umkreist werden. Woher kommen sie, wieso gehen sie nicht ineinander auf? All das, so gestehen sich die Jupiter-Forscher ein, sei noch "unbekannt". Dem Götterchef hätte das gefallen.