Martina Mara will Mensch und Maschine zu Freunden machen, doch dann will das Ding einfach nicht mitspielen. Die Roboterpsychologin fingert am Robohon herum, einem Smartphone in Form eines niedlichen, puppengroßen Roboters. Das Ding, das sie aus einem Regal in ihrem Großraumbüro hoch oben im Linzer Ars Electronica Center gefischt hat, sollte jetzt auf Befehl tanzen, Fragen beantworten und Mara dabei so treuherzig wie ein sprechendes Haustier in die Augen schauen. Doch der vermeintlich smarte Begleiter, der in Japan um 1.600 Euro zu haben ist, macht keinen Mucks. Ist der Akku leer, setzt künstliche Intelligenz eben aus.

Dabei findet Martina Mara ohnehin: Niedlich soll ein Roboter nicht sein. Die 36-jährige Medienpsychologin hat eine andere Mission. Ihr geht es um ein gutes Zusammenleben mit den autonom handelnden Maschinen. Intelligente Roboter, die Kinder betreuen und Bettlägrigen den Stuhl abwischen, burgerbratende Gesellen auf Rädern oder selbstfahrende Taxis, die Passagiere durch die Gegend kutschieren – viele Forscher fragen sich da: Wie muss sich die Gesellschaft verändern, um sich auf die Robos einzustellen?

Mara geht den entgegengesetzten Weg. Sie will wissen: Wie muss künstliche Intelligenz aussehen und programmiert sein, damit sich die Gesellschaft wohlfühlt? Wie muss die Außenhülle designt sein, um Vertrauen zu schaffen, und wie muss sich ein Roboter bewegen, damit die Zusammenarbeit mit dem Menschen effizient ist?

Im Laufschritt bahnt sich Mara einen Weg durch die wuselige Menge in der Haupthalle des Ars Electronica Center. In dem Kubus am Donau-Ufer fummeln Kinder und Erwachsene in Scharen an futuristischen Technologien herum. Mara schließt eine Stahltür hinter sich, plötzlich wird es still. Hier beginnt das Future Lab, an dem sie das Forschungsfeld "Robopsychology" entwickelt hat.

Sie weiß schon: "Viele haben mich in der Science-Fiction-Sphäre angesiedelt." Doch mittlerweile ist ihre Arbeit bei Technologiekonzernen ebenso gefragt wie beim Staat, für den sie im Rat für Robotik sitzt. Mara wird zu Konferenzen und Studien nach Japan geladen und vom Wall Street Journal zur Zukunft der Mensch-Maschinen-Welt befragt. Ganz frisch ist noch die Meldung über ihren nächsten Karriereschritt: Demnächst wird Mara an der Uni Linz die weltweit erste Professur für Roboterpsychologie antreten.

Mit Forschungsrobotern wie dem "Roboy" testet Martina Mara, wie Menschen auf intelligente Maschinen reagieren. © Kurt Hoerbst

Entwaffnend erzählt sie Menschen oft gleich zu Beginn, dass sie den Titel "Roboterpsychologin" nur geklaut habe – er stammt von Isaac Asimovs Romanfigur Susan Calvin. Im Gegensatz zu Calvin kümmert sich Mara allerdings keinen Deut um die Gefühlswelt der Maschinen. "Mich interessiert der Mensch", sagt sie bestimmt. "Nur der Mensch."

Wenn es um ihr Metier geht, legt sie zwar Wert auf begriffliche Genauigkeit. Doch in ihrem Auftritt spart sich Mara jeden akademischen Dünkel. Ihre Art ist locker, die Stimme offen und freundlich, vieles kommentiert sie herzlich amüsiert – und so wie bei vielen jüngeren Kolleginnen in der von Alphamännern geprägten Szene von Technik und Forschung kommt es öfters vor, dass sie erst einmal für die Assistentin eines bedeutsamen Fachkollegen gehalten wird. "Ich bin halt nicht der Typ in Nadelstreifkostüm und hohen Pumps", sagt Mara und lacht.

Wie schwer sich der Mensch mit menschenähnlichen Objekten tut, wurde ihr vor zehn Jahren klar. Mara stand im Ars Electronica Center und beobachtete, wie eigentümlich, beinah schizophren die Besucher um ein Ausstellungsstück kreisten. Es war der Geminoide von Hiroshi Ishiguro, ein Zwillingsroboter, der optisch kaum von seinem Schöpfer zu unterscheiden ist. "Fast jeder findet so was beim ersten Mal total faszinierend oder, noch viel öfter, total gruselig und furchterregend", sagt Mara.

Dahinter steckt der uncanny valley-Effekt, ein Begriff, den der Robotiker Masahiro Mori 1970 prägte: Demnach machen humanoide Züge Maschinen zwar sympathischer. Doch sobald ein Roboter zu menschlich wirkt, dreht sich der Effekt des "Unheimlichen Tals": Es wächst die Furcht.

Auf sprechende Autos stand Mara schon als Kind

Martina Mara will den Menschen zwar ihre Ängste vor künstlicher Intelligenz nehmen – allerdings nicht so, wie das die Industrie gerne tut. Um das zu erklären, zitiert sie den Werbeslogan des Robo-Herstellers Hanson Robotics, "We bring robots to life". Sophia, die jüngste Entwicklung des Konzerns, sitzt in Talkshows und auf Konferenzbühnen, war auf dem Cover der Elle und erhielt die Staatsbürgerschaft Saudi-Arabiens. Ein skurriler Werbegag, für Mara aber eine Veräppelung der Menschen.

"Viele denken: Wahnsinn, jetzt ist der künstliche Mensch Realität. Das ist natürlich nicht der Fall", sagt sie aufgebracht. Klar, die mannequinhafte Sophia ist raffiniert programmiert, hinter der makellosen Oberfläche stecken komplexe Sprach-, Stimm- und Gesichtserkennungsalgorithmen und ausgefeilte Mechanik. "Aber sie ist nicht emotional, sie hat kein Bewusstsein, das wird alles nur simuliert."