Vielleicht fiel es mir am 13. September zum ersten Mal wirklich auf, weil der 13. September sowohl der Tag der Erdnuss als auch der des Programmierers und dann auch noch der des Glückskekses sein soll. Schon seit Langem beobachtete ich mit beiläufiger Neugier, wie seltsame Welt- und Aktionstage am Facebookhorizont vorbeizogen. Mit der Zeit interessierte mich immer stärker, wo sie herkommen. Diese Tage fangen ja nicht von selbst morgens an. Wer denkt sie sich aus? Muss sie jemand genehmigen? Gibt es da irgendwo ein Antragsformular, eine Welttagsbehörde gar? Und war nicht gerade erst der Welttag der Katzen? Wer hat die Katzen auf nur einen Welttag runtergehandelt?

Eine leise, aber korrumpierende Stimme in meinem Inneren flüsterte: Vielleicht kannst du ja einen eigenen Tag ausrufen? Stell dir das doch mal vor, du kalendarisch bedeutungsloser Narr!

Vielleicht könnte ich ja wirklich selbst einen solchen Tag schaffen und als Welttagsgründer Geschichte schreiben.

Je mehr ich die Kalendermatrix durchdrang, desto klarer wurde, dass hinter der scheinbaren Floskel "Kein Tag ist wie der andere" ein klarer empirischer Befund steckt. Sezieren wir dazu die ersten fünf Oktobertage:

1. Oktober. Internationaler Tag der älteren Menschen, Internationaler Tag des Kaffees, Tag der Flüchtlinge in Deutschland, Welt-Musiktag, Welttag des Wohn- und Siedlungswesens, Glühbirnen-Austauschtag, Internationaler Tag der Katastrophenvorbeugung, Welttag des Sehens, Welttag des Lächelns, Tag des Eies.

2. Oktober. Internationaler Tag der Gewaltlosigkeit, Internationaler Tag der Architektur, Gib-Deinem-Auto-einen-Namen-Tag, Tag der Phileas-Fogg-Wette.

3. Oktober. Tag der Deutschen Einheit.

4. Oktober. Welttierschutztag, Welttag und Europäischer Tag der Organspende, Tag der Flaschenschiffe, Tag der Zimtschnecke, Internationaler Tag der Ballonkünstler.

5. Oktober. Internationaler Tag des Lehrers, Erntedankfest, Tag der Epilepsie, Welt-Seifenblasentag.

Das sind 24 Tagesbeanspruchungen in 120 Stunden – und die Liste ist nicht mal vollständig. Nimmt man sie als Datenbasis für das ganze Jahr, was statistisch vertretbar erscheint, da die Frequenz vergleichbar hoch bleibt, lässt sich sagen: 2017 wurde in Deutschland alle fünf Stunden ein Tag für irgendetwas beansprucht!

Der Ursprung staatlicher Feiertage scheint selbsterklärend. Politische Einheiten zelebrieren ihre historischen Tragödien und Triumphe, um eine kollektive Identität und somit auch sich selbst aufrechtzuerhalten. Kirchen, Synagogen und Moscheen müssen ebenfalls sehen, wie sie zu Geltung und Geld kommen. Nachvollziehbar auch, dass die Vereinten Nationen oft in Welttage involviert sind. Mit bisher etwa 60 von der UN-Generalversammlung beschlossenen Sondertagen, die auf politische oder sozioökonomische Missstände hinweisen. Den Internationalen Tag der Gewaltlosigkeit führten die Vereinten Nationen beispielsweise 2005 ein – am 2. Oktober, dem Geburtstag Mahatma Gandhis. Selbst hinter dem plumpsig anmutenden Tag der Toilette steckt die hehre Agenda, zu mahnen, dass Millionen Menschen keinen Zugang zu sanitären Anlagen haben.

Aber woher rührt der Tag der Zimtschnecke (4. Oktober)? Wer verantwortet den Gedenktag für mit Skorpionen verheiratete Menschen und deren Leiden (30. November)?

Ich werde das herausfinden.

"60 bis 70 Prozent der unkonventionellen Feiertage sind Marketingaktionen", sagt Sven Giese am Telefon. Giese betreibt das Blog kuriose-feiertage.de und versucht, eine Übersicht über all die ungewöhnlichen Feieranlässe zu bieten. Samt Urheber und zeremoniellen Eigenheiten. Um auf Weltniveau zu bleiben, studiert Giese vor allem amerikanische Blogs wie Days Of The Year. Wer dort aufgenommen werden will, muss nachweisen, dass eine größere Gemeinschaft an der Durchführung seines Festtages interessiert ist. Ein weiteres Beitrittskriterium sind mindestens 1.000 Daumen auf Facebook.

Noch schwieriger, erzählt Giese, sei die Aufnahme im jährlich erscheinenden, 800 Seiten umfassenden Kompendium Chase’s Calender of Events. Dieses bezeichnet sich selbst als ultimativen Guide in diesen Fragen.

"Bis 1995 war es in den USA möglich, sich mit einer Tagesinitiative direkt an den Kongress zu wenden", erzählt Giese, der hauptberuflich Websites für Suchmaschinen optimiert. Aber die Süßwarenindustrie habe so inflationär von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht, dass der Kongress sie strich. Andere Nahrungsmittelhersteller gingen gleich den politischen Königsweg und bestellten sich ihren Tag direkt beim Präsidenten. Ronald Reagan nutzte die Machtfülle seines Amtes, um den Welttag der Tiefkühlkost zu deklarieren (6. April). Und Jimmy Carter, vor seiner Präsidentschaft selbst Erdnussfarmer, rief den nationalen Tag der Erdnuss aus. Die zu Ehren des Schmetterlingsblütlers veranstaltete Parade in seinem Heimatstädtchen Plains, Georgia, hat er schon einmal angeführt – auf einem Dreirad, bereits als Friedensnobelpreisträger. Frag Giese endlich, du Narr, frag ihn.

"Und an wen müsste ich mich wenden, wenn ich auch einen Tag etablieren wollen würde?"

"Was für einen Tag haben Sie denn im Sinn?"

"Den Sieh-jemandem-beim-Orangenschälen-zu-Tag vielleicht", improvisiere ich.

Herr Giese macht einen Ton, der erkennen lässt, warum er Spaß an seinem Hobby hat. Und dass die Pforte zu kuriose-feiertage.de kein unüberwindbares Hindernis bleiben muss. "Das ist gut. Aber noch etwas zu sperrig. Ihr Tag muss leicht über die Lippen gehen. Denn ob er das Licht der Welt erblickt oder nicht, hängt einzig davon ab, ob er sich rumspricht."

Die Menschen feiern also, was sie feiern wollen. Das ist so schön, einfach und frei wie ein Sonnenaufgang, denke ich. Damit die Menschen meinen Willen zu ihrem Willen machen, muss ich also zu einer Ein-Mann-PR-Maschine mutieren.