Dass hierzulande jemand schon einmal von der Vielzitzenmaus gehört hat, ist eher unwahrscheinlich. In Nigeria hingegen ist der Nager gefürchtet: Er überträgt den Erreger des Lassa-Fiebers. Gerade erlebt das westafrikanische Land einen der schwersten Lassa-Ausbrüche, die es jemals gegeben hat: Mindestens 90 Menschen sind an dem Virus gestorben.

Ungute Erinnerungen an die Ebola-Krise 2016 werden wach. An die viel zu späte Reaktion der Weltgesundheitsorganisation (WHO), an die Sorge um die Bedrohung für Industriestaaten. Danach sollte alles besser werden: die Widerstandskraft afrikanischer Gesundheitssysteme gestärkt, die Reaktionsgeschwindigkeit der WHO erhöht und eine mobile Eingreiftruppe gegründet werden. Deutschland schickte sich an, ganz vorn mitzumischen, Angela Merkel und Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe hatten ein Faible für globale Gesundheitsfragen. Und nun? Was bleibt vom Aufbruch übrig in der neuen großen Koalition?

Immerhin, im Koalitionsvertrag ist die globale Gesundheit explizit verankert. "Deutschland wird eine Strategie zur globalen Gesundheitspolitik erarbeiten, um noch stärker seiner internationalen Verantwortung gerecht zu werden", heißt es da hoffnungsvoll, "Schwerpunkte werden die Gesundheitssicherheit und die Prävention von internationalen Pandemien sowie die Stärkung von Gesundheitssystemen in Entwicklungsländern sein." Der alte und neue Entwicklungsminister Gerd Müller steht für die Kontinuität dieses Kurses. Doch wird auch Jens Spahn als designierter Gesundheitsminister so viel Interesse am Wohl der Menschen in anderen Teilen der Welt haben wie an den Bedürfnissen der heimischen Wähler? Und selbst wenn er für das Thema glühen sollte, der mühsam errungene Groko-Kompromiss von CDU und SPD ist teuer. Überall wollen hadernde Parteimitglieder beruhigt werden. Das kostet.

Bleibt genug Geld übrig für die Gesundheit der Welt? Jedenfalls sieht es nicht gerade rosig aus für Länder wie Sierra Leone, wo es – langwierig und teuer – um den Wiederaufbau eines ganzen Gesundheitssystems geht. Da ist ein kurzer, nützlicher, billiger und dabei medienwirksamer Einsatz wie jetzt bei der Lassa-Fieber-Bekämpfung in Nigeria mit der noch von Gröhe einberufenen "schnell einsetzbaren Expertengruppe bei Gesundheitsgefährdungen" sicher die willkommenere Form der künftigen Entwicklungszusammenarbeit.

Zwar sei im Groko-Vertrag versprochen worden, die Gelder für die öffentliche Entwicklungszusammenarbeit nicht zu mindern, melden soeben die Armutsbekämpfer von One. Aber die veranschlagten Ausgaben, so rechnet die Nichtregierungsorganisation vor, stünden dazu im Widerspruch – die Ausgaben würden sogar schrumpfen. Das globale Gesundheitsengagement droht zum Opfer des Groko-Kompromisses zu werden. Selbst wenn die neue Regierung plötzlich ein glühendes Interesse für Vielzitzenmäuse entwickeln würde.