Er sitzt in einer Frankfurter Anwaltskanzlei und sagt: "Ich möchte ein bisschen Gerechtigkeit." Er war ein mächtiger Mann, und er war ein Betrüger. Was wäre die Überschrift seines Lebens? Er muss nicht lange nachdenken, er lebt schon lange mit der Antwort. Steiler Aufstieg, sagt er, und dann ewig langer Absturz. Er sagt: "Ich bin ein gebrochener Mann. Ich habe nichts mehr." Er macht eine Pause: "Ich lebe nur noch, weil meine Frau da ist."

Seine Frau, zwanzig Jahre jünger, sitzt neben ihm und erzählt, wie sie sich kennengelernt haben. Selbst für einen Roman steckt in der Geschichte etwas viel Boulevard. Es war im Jahr 2004, die rumänische Wirtschaftsmanagerin war auf einer Dienstreise in Wien und hatte Probleme, ihr Hotel zu finden. Sie fragte einen Mann auf der Straße, ob er zufällig den Weg wisse. Sehr charmant sei er gewesen, sagt sie und lächelt kurz, von Anfang an, sie seien ins Gespräch gekommen, er habe sie zum Hotel gebracht. Sie hätten noch was getrunken. Und am Ende habe er ihr seine Visitenkarte gegeben. Ein Franzose, stand da, Vorname Michael. Er lud sie nach Paris ein, sie solle ihn besuchen.

Das tat sie, und sie wurden in Paris rasch ein Paar. Sie kannten sich erst wenige Wochen, als sie beide eines Morgens ihr Hotel an den Champs-Élysées verließen – und verhaftet wurden. Sie kamen in Untersuchungshaft, für insgesamt fünf Monate. Der Vorwurf gegen sie: Mitwisserin. Sie sagt: Sie hatte keinerlei Ahnung, was vor sich geht. Das Einzige, was sie von den Polizisten hörte: Ihr Freund sei ein "very bad man". Als sie beide aus der Haft freikamen, verabredeten sie sich in einem Pariser Café. Er musste ihr nun erzählen, wer er wirklich ist.

Seine diversen Skandale stellten die Frage nach der Käuflichkeit der Politik

Kein Franzose. Ein Deutscher. Name: Ludwig-Holger Pfahls, Jahrgang 1942. Jurastudium, Staatsanwalt für Wirtschaftssachen und Richter beim Bayerischen Obersten Landesgericht. Dann entdeckte ihn Franz Josef Strauß, den Namen musste er der Freundin nicht erklären, sie hatte sein Bild vor sich: der dicke, stiernackige Strauß, der so etwas wie eine Weltmarke für Politik war. Pfahls wurde persönlicher Referent von Strauß, Büroleiter und Leiter der Grundsatzabteilung in der Bayerischen Staatskanzlei. Wenn Strauß ein Problem hatte, erledigte es Pfahls. Er war sein Mann fürs Grobe. Strauß sorgte dafür, dass er 1985 Präsident des Verfassungsschutzes wurde, zwei Jahre später platzierte er seinen Vertrauten als Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, zuständig für Rüstungsfragen, man könnte auch sagen: für die großen Rüstungsgeschäfte. Im Jahr 1995, Strauß war längst tot, verließ Pfahls die Politik, arbeitete als Anwalt und wurde schließlich Asien-Chef von Daimler-Benz in Singapur.

Doch er musste seiner Freundin noch etwas erzählen, 2004 in dem Pariser Café. Es hatte mit Geld zu tun, mit viel Geld, mit Plastiktüten voll mit Geld, die er anderen überreichte oder die er selbst entgegennahm, Geld, das er säuberlich verpackt in seinem Garten vergrub. Und er erzählte, dass er auf der Flucht sei, seit Jahren schon, auf der Flucht vor den deutschen Behörden, weil er dieses Geld nicht hätte haben dürfen. Daher der falsche Name, der falsche Pass, er verfügte damals noch über einige andere Identitäten. Er hätte sich noch mit anderen Namen vorstellen können, als sie sich in Wien auf der Straße trafen.

Sie hörte sich das alles an, viel selbst zu erzählen hatte sie nicht. Ihr Name war der echte, Viorica S., Jahrgang 1961, Beruf Wirtschaftsmanagerin, in ihrem letzten Job sollte sie sich um die Expansionspläne einer Lebensmittelkette kümmern. Das Café in Paris war der zweite Start dieses Liebespaares, und jetzt hatten sie auch etwas gemeinsam: Die Polizei stellte beiden nach, auch ihr. Was wusste sie von seinen Geschäften, von seinem Leben?

Die Geschichte von Ludwig-Holger Pfahls hatte zeitweise die Brisanz, die politische Landschaft der Bundesrepublik aus den Angeln zu heben. Seine Verstrickungen in den Skandalen um den Waffenhändler Karlheinz Schreiber oder den französischen Leuna-Konzern warfen bei einem Kaliber wie Pfahls die grundsätzliche Frage auf, wie korrupt das politische Spitzenpersonal ist und wie käuflich die deutsche Republik. Ludwig-Holger Pfahls wurde zweimal verurteilt, 2005 wegen Vorteilsannahme und Steuerhinterziehung zu zwei Jahren und drei Monaten Haft und 2011 zu viereinhalb Jahren Haft, diesmal wegen Betrug und Bankrott. Bei seiner Ehefrau Viorica S. ging das Gericht im zweiten Verfahren von Beihilfe aus, sie musste für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis. Schon 2010 war außerdem sein Vermögen beschlagnahmt worden, davon 1,1 Millionen Euro im Zuge eines sogenannten dinglichen Arrests. Um dieses Geld geht es jetzt, Pfahls ist der Ansicht, dass ihm davon noch 334.000 Euro gehören, das fordert er zurück, das meint er mit der Gerechtigkeit, die ihm zustehe. Und es ist alles andere als ein Hirngespinst, zwei Gerichte haben ihn in seiner Rechtsauffassung gestützt, im Oktober 2016 das Oberlandesgericht in München und im Herbst 2017 das Landgericht in Augsburg.

Doch es wird bislang nicht bezahlt. Denn der Wächter über das Geld ist die Staatsanwaltschaft Augsburg, also jene Behörde, die Pfahls zur Strecke gebracht hat. Nach fünf Jahren Flucht waren es die exzellenten Augsburger Ermittler, die ihn in Paris verhaften ließen. Und sie waren es auch, die Pfahls Jahre später nachwiesen, dass er Millionen ins Ausland geschafft hatte, anstatt Schulden zu bezahlen oder seine Steuern. Wäre die Staatsanwaltschaft ein Mensch, könnte man den Groll verstehen: Der erfolgreiche Jäger soll dem Täter Geld überweisen, damit dieser Finsterling ein besseres Leben hat? Aber die Staatsanwaltschaft ist kein Mensch mit Gefühlen, sondern eine staatliche Behörde, die sich nach Recht und Gesetz zu richten hat. Anders ausgedrückt: Auch ein ehemaliger Finsterling hat einen Anspruch auf einen Rechtsstaat.