Selbst was die Atemluft anbelangt, hat der Dieselskandal Martin Winterkorn voll erwischt. Die Luft in seiner Straße, die sich im vornehmen Münchner Stadtteil Oberföhring über drei Kilometer parallel zur Isar erstreckt, ist schon jetzt schmutziger als erlaubt. Als die Regierung von Oberbayern das letzte Mal die Belastung mit Stickstoffdioxid messen ließ, lag sie über dem zulässigen Grenzwert. Sollten künftig tatsächlich Fahrverbote verhängt werden, würde aus Winterkorns Wohnstraße eine dieselfreie Zone.

Der 70-Jährige hat sich nach seinem Rücktritt als Volkswagen-Chef in seine Münchner Villa zurückgezogen, während draußen Ermittler seine Rolle in einem der größten Industrieskandale der bundesdeutschen Geschichte untersuchen und gravierende Vorwürfe von Kunden und Investoren prüfen: Winterkorn soll die Aktionäre zu spät über die drohenden finanziellen Folgen der Abgasmanipulation in den USA informiert haben. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt deshalb wegen Marktmanipulation gegen ihn. Zudem wegen Betrugs, weil die Fahrzeuge im normalen Straßenverkehr weit mehr Stickoxide (NOx) in die Luft gepustet haben als bei offiziellen Abgastests und als in der Werbung versprochen.

In den USA gehen Staatsanwälte davon aus, dass Winterkorn früh Bescheid wusste

In den USA droht dem einstigen Alleinherrscher im Volkswagen-Reich jetzt neues Ungemach. Da hilft es wenig, dass der Konzern sich dort, wo der Skandal seinen Anfang nahm, langsam wieder sicher fühlt. Für Martin Winterkorn ist kein Ende in Sicht. Schon 2016 klagten Staatsanwälte von New York, Maryland und Massachusetts gegen Volkswagen, explizit erwähnten sie, dass auch Winterkorn persönlich Verantwortung trägt. Im März 2017 einigten sich Volkswagen und die Staatsanwälte auf einen Vergleich. In der Pressemitteilung schreibt der New Yorker Generalstaatsanwalt Eric Schneiderman über das Ausmaß des Dieselskandals und erinnert an die Verantwortlichen: "In der Klage wurde behauptet, dass Führungskräfte auf den höchsten Ebenen des Unternehmens – bis hin zum ehemaligen Vorstandschef Martin Winterkorn – von dieser Vertuschung gewusst oder daran teilgenommen hätten." Mit dem Vergleich war das Verfahren für Schneiderman beendet. Für andere ging die Suche nach dem Schuldigen nun erst richtig los.

Anwälte der Washingtoner Kanzlei Hausfeld vertreten hierzulande Kläger, die sich von Volkswagen betrogen fühlen und Schadensersatz für ihre manipulierten Diesel verlangen. Ende März oder Anfang April will Michael Hausfeld den zu sieben Jahren Haft verurteilten VW-Manager Oliver Schmidt im Gefängnis nahe Detroit befragen. Er gilt als eine Schlüsselfigur in der Dieselaffäre und soll seinen Arbeitgeber bisher weitgehend gedeckt haben. Nun aber ist Schmidt nicht nur verurteilt, sondern von Volkswagen zunächst auch fristlos entlassen worden. Hausfeld hofft, dass Schmidt heute mitteilsamer ist als im vergangenen Juni.

Damals hat ihn Hausfeld schon einmal befragt – und Schmidt berief sich konsequent auf sein Recht zu schweigen. Der Vorteil sei eindeutig, sagt Hausfeld: "Er kann sich nicht mehr selbst belasten." In der Befragung wollte Hausfeld damals auch wissen, wann Schmidt Winterkorn über das Ausmaß des Dieselbetrugs informierte und was er ihm gesagt hatte. So will er es nun wieder tun: "Dreh- und Angelpunkt der Befragung werden Fragen dazu sein, was Oliver Schmidt dem Volkswagen-Management und was er Martin Winterkorn berichtet hat", sagt Hausfeld. Eine Reise in die USA würde der Anwalt Winterkorn nicht empfehlen. "Ich denke, er würde zunächst genauso behandelt wie Oliver Schmidt", sagt Hausfeld. Schmidt wurde im Januar 2017 am Flughafen Miami festgenommen.

Auch vor seiner Haustür wird es enger für Winterkorn. Die Staatsanwaltschaft München II ermittelt seit über einem Jahr gegen die Volkswagen-Tochter Audi. Es geht um Betrug und strafbare Werbung in einer Zeit, als der einstige Audi-Chef Winterkorn zwar schon den Gesamtkonzern Volkswagen führte. Und doch sind die Ermittlungen heikel für ihn. Anfangs richteten sich die Befragungen gegen einzelne Ingenieure, mittlerweile durchsuchte die Staatsanwaltschaft auch die Privatwohnung des früheren Winterkorn-Vertrauten und ehemaligen Audi-Entwicklungschefs Ulrich Hackenberg. Außerdem sitzt Wolfgang Hatz, der einstige Winterkorn-Intimus und Chef der Motorenentwicklung, seit November in Untersuchungshaft. Er bestreitet die Vorwürfe, doch eine Haftbeschwerde hat das Oberlandesgericht München am Montag dieser Woche "verworfen", wie ein Sprecher sagt.

Hackenberg und Hatz, das sind nicht irgendwelche VW-Manager, sondern Männer, die einst zu Winterkorns engstem Zirkel gehörten. Winterkorn förderte ihre Karriere, und wenn er in der Öffentlichkeit einmal auf eine Frage keine Antwort wusste, waren sie zur Stelle. "Hacki" und Hatz: treue Diener ihres Herren.