Genau an jenem Ort, an dem vor ein paar Monaten die #MeToo-Bewegung ihren Ausgang nahm, wurde vor ein paar Tagen eine Männergestalt bejubelt, die kein Wort sagt. Die Oscar-Statue sei "der zurzeit beliebteste und am meisten respektierte Mann in Hollywood", verkündete Moderator Jimmy Kimmel bei den diesjährigen Academy Awards: Er halte seine Hände dort, wo man sie sehen könne, er werde niemals ausfällig und habe im Übrigen auch keinen Penis. Hollywood hat somit nicht nur den Skandal um Harvey Weinstein hervorgebracht, sondern auch dessen Gegenfigur: die Allegorie des schweigenden Mannes.

Tatsächlich wäre ein Mann, der in diesen Wochen lauthals verkündete, ein Klaps auf den Po habe noch keiner Frau geschadet, im Übrigen müsse eine Schauspielerin, die es im Filmgeschäft zu Erfolg bringen wolle, akzeptieren, dass die Genialität der in dieser Branche regierenden Fürsten an gesteigerten und jederzeit zu befriedigenden Geschlechtstrieb gekoppelt sei – ein solcher Mann wäre komplett irre. Er gliche dem Delinquenten, der den Kopf freiwillig unter die Guillotine legt. Ein gigantischer Shitstorm wäre ihm sicher, sein Job hingegen ungewiss. In seinem Briefkasten fände sich alsbald eine Sexismus-Klage.

So blöd, das zu riskieren, ist keiner. Aber was heißt das? Dass es plötzlich keinen mehr gibt, der so blöd denkt? Dass die rustikale Machogemeinde und ihre smarteren Ableger innerhalb von ein paar Monaten vom Erdboden verschluckt wurden? Zu hören sind sie jedenfalls nicht. Zu hören sind seit dem Beginn der #MeToo-Bewegung, wenn überhaupt, eher die Stimmen von Männern, die sich vor Läuterungswillen und vorauseilender Solidarität mit dem weiblichen Geschlecht mitunter fast überschlagen. Selbst der Haudegen Quentin Tarantino gibt neuerdings den handzahmen Feministen. Nachdem ihm zwanzig Jahre lang schnurz war, was sein Produzent Harvey Weinstein hinter Hotelzimmertüren trieb, ging ihm im Spätherbst 2017 schlagartig auf, welch moralisches Versäumnis er sich zuschulden kommen ließ, indem er es in all der Zeit verabsäumte, mit dem Unhold ein ernstes Wort zu reden; geschweige denn, sich von ihm geschäftlich zu verabschieden. Fehlt nur noch, dass Arnold Schwarzenegger zu Protokoll gibt, #MeToo sei das Beste, was er in seiner politischen Biografie erlebt habe.

Erstaunlicherweise waren es im Fall Dieter Wedel eine Handvoll Schauspielerinnen, darunter Sonja Kirchberger, Jutta Speidel und Ingrid Steeger, die sich ein paar verteidigende oder relativierende Sätze abrangen. Angesichts der Schwere und der Evidenz der Vorwürfe, die gegen Wedel erhoben werden, darf man ihre Einlassungen blauäugig finden. Konstatieren darf man aber auch, dass kein männlicher Geschlechtsgenosse, kein Fernsehredakteur, Produzent, Regiekollege, Assistent oder Kameramann für Wedel tollkühn in die Bresche sprang. Mit einer Ausnahme: dem Schauspieler Ulrich Tukur. Das Interview, das er dem Spiegel Anfang Februar gab, ist insofern denkwürdig, als man bei der Lektüre einem Mann zusehen konnte, der über eine Löwengrube balancierte und mit jeder Formulierung abzustürzen drohte. Noch am Abend vor dem Interview, erklärte Tukur eingangs, habe er den Termin eigentlich absagen wollen. Er habe gefürchtet, sich um Kopf, Kragen und moralische Reputation zu reden und den Eindruck zu erwecken, er halte Vergewaltigung für ein harmloses Vorkommnis. Im Übrigen empfinde er für Dieter Wedel durchaus "Mitleid". An dieser Aussage war eigentlich nichts Skandalöses. Die Taten des Sünders zu verabscheuen und ihn gleichzeitig für seine selbst verschuldete Lebenstragödie zu bedauern ist ein natürlicher Vorgang des menschlichen Gefühlshaushaltes. Der Regisseur Sebastian Schipper fuhr Ulrich Tukur auf Spiegel Online jedoch schwer in die Parade. Dabei kritisierte er ihn nicht nur für das, was er im Interview gesagt hatte. Er kritisierte ihn mindestens so scharf dafür, überhaupt etwas gesagt zu haben. "Ich glaube", erklärte Schipper, "es ist der erste wichtige Schritt für uns" (damit meinte er Männer allgemein), "erst einmal zuzuhören, statt den Themenkomplex sexuelle Belästigung zu kapern".

Frauentag - »Wir Männer müssen Frauen besser behandeln« Zum 8. März sprechen Menschen, die bei ZEIT ONLINE arbeiten, über Gleichberechtigung. Spielt Geschlecht überhaupt noch eine Rolle? Oder müssen wir noch lange kämpfen? © Foto: Zeit Online

"Nur zuhören". Kaum ein anderer Satz ist derzeit aus dem Mund von Männern so oft zu vernehmen wie dieser. Insbesondere von aufgeklärten, klugen, Macho-unverdächtigen Männern. Der Schauspieler Ulrich Matthes äußerte während der Berlinale, Männer täten im Zuge der aktuellen Sexismusdebatte gut daran, "nur zuzuhören". Der Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Claudius Seidl antwortete im Herbst in einer politischen Talkshow auf die Frage, was er zu den Wogen der #MeToo-Kampagne denke, er "höre erst mal nur zu". Wo auch immer sich in den vergangenen Wochen und Monaten hitzige Diskussionen zum Thema Sexismus ergaben, ob bei Privateinladungen, öffentlichen Veranstaltungen, im Zeitschriftenladen oder im Zugabteil, durfte man sich auf die Formel "ich höre erst mal nur zu" verlassen.

Nun ist gegen diesen Satz zunächst nicht das Geringste einzuwenden. Er zeugt von der noblen Einsicht, dass es für Männer nach ein paar Jahrtausenden patriarchalen Macht- und Redemonopols an der Zeit sein dürfte, die Bühne den Stimmen von Frauen zu überlassen und sich zurückzuhalten. Zweifellos ist der Satz von Männern wie Sebastian Schipper, Ulrich Matthes und vielen anderen auch genau so gemeint. Aber er fällt in eine schwer greifbare, eher spürbare Stimmungslage, in der sich die Verdruckstheit männlicher Selbstkontrolle, wenn nicht Selbstzensur breitmacht. Denn der Satz vom Nur-Zuhören hat einen Doppelgänger, welcher lautet: "Ich sage lieber nichts, bevor ich was Falsches sage." Tatsächlich dürfte für Männer die Gefahr, rhetorisch in die Löwengrube des Sexismusverdachts zu fallen, kaum je so groß gewesen sein wie momentan. Und bevor ihnen ein schiefes Wort entschlüpft, ziehen sie es vor, sich in Schweigen zu hüllen.

Natürlich schweigen sie nicht ausschließlich. Sie geben im Zugabteil knappe Kommentare ab, sie schreiben Leitartikel und äußern sich in Fernsehsendungen zum Thema sexistische Kultur. Nur lässt sich oftmals kaum unterscheiden, wo die frauenfreundlich aufgeklärte Vernunft endet und der unwillkürliche Opportunismus anfängt. Es scheint, als besitze das männliche Geschlecht neben all seinen anderen löblichen Eigenschaften auch die Fähigkeit, Lernprozesse, für die man ein oder zwei Generationen veranschlagen würde, über Nacht zu durchlaufen. Gestern noch ließ der ergraute Kollege vernehmen, mit der dreißig Jahre jüngeren Frau an seiner Seite fühle er sich wie neugeboren. Heute weiß er plötzlich, Liebe könne eben nur "auf Augenhöhe" (noch so ein neuer Männerrefrain) gedeihen. Fast jede erwachsene Frau kennt das Gemaule von der anderen Bettseite, Verhütung sei ja wohl Frauensache. Jetzt auf einmal werden schriftliche Einverständniserklärungen bezüglich Küssen, Anfassen und des Restes der erotischen Angelegenheit angeboten?

Selbstverständlich ist die männliche Selbstläuterung zu begrüßen. Aber ein wenig irreal wirkt sie auch. Ob bewusst oder unbewusst, dürfte eines der Motive schierer Selbstschutz sein. Als Frau gerät man in die irritierende Situation, sich zu fragen, wie es für Männer wohl sein mag, einem Geschlecht anzugehören, das sich unter einer so fundamentalen Attacke mit Zuhören begnügt und zusieht, wie die Machtpositionen Zug um Zug entschwinden. Es wäre ja, rein theoretisch, auch ein ganz anderes Szenario denkbar. Es wäre keineswegs unwahrscheinlich, dass das Patriarchat, dessen Showdown sich seit rund hundert Jahren in historischen Etappen vollzieht, zum Ende hin noch einmal zum großen Gegenangriff ausholt. Macht ist noch nie gerne und ohne Widerstand abgetreten. Warum sollte ausgerechnet die der Männer eine Ausnahme sein? Ob sie es wollen oder nicht: In ihrem Schweigen liegt etwas bedrohlich Zähneknirschendes. Es erinnert an das Schweigen der Verlierer, die mit der geballten Faust in der Tasche hinter der Fensterscheibe stehen und zusehen, wie die Sieger durch die Straße marschieren. Es muss nicht, aber es kann das Schweigen kompensierter Aggression sein, die auf den Moment der Rache sinnt. Wer schweigt, äußert ja nicht nichts. Er lässt das Gegenüber wissen, dass er sich nicht zu erkennen geben möchte, und behält sich damit jene Form passiver Machtausübung vor, die in der Unkenntlichkeit liegt.

Vor hundert Jahren wurden Suffragetten ins Gefängnis gesperrt. Vor fünfzig Jahren bekamen Feministinnen zu hören, sie gingen nur deshalb auf die Barrikaden, weil sie zu hässlich aussähen, um auf Männer anziehend zu wirken. Heute werden sie auf zuvorkommende und unangreifbare Weise beschwiegen. Ist das ein Erfolg? Allenfalls kurzfristig. Auf lange Sicht haben wir nichts von einem phantomhaften männlichen Gegenüber, das bei jedem Satz auf der Hut ist und Magenkrämpfe wegen eines Interviews bekommt, in dem das Wörtchen "Mitleid" fällt. Wäre das männliche Geschlecht ein Roman, würden in ihm augenblicklich ein paar Erzählkapitel fehlen. Wovon würden sie handeln? Vielleicht von Überdruss, Ärger und unterdrückter Wut, von verheimlichten Sehnsüchten und gekränktem Stolz, von männlichem Größenwahn und männlichen Kinderängsten. Vielleicht auch vom Genuss des Machtverlusts und vom Gewinn der Augenhöhe. Ich weiß es nicht wirklich.

Es ist nicht ohne Ironie der Geschichte, wenn eine Frau die Männer auffordert, mal wieder zu reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, nachdem sie jahrtausendelang das Sagen hatten. Aber Schweigen ist auch keine Lösung. Und zuhören – das haben wir in den paar Jahrtausenden nun wirklich gelernt.