Seit mehr als zehn Jahren beschäftigt sich Gijsbert Stoet, Psychologe an der Leeds Beckett University (UK), mit Geschlechtsunterschieden in der Bildung. Vor zwei Wochen hat er mit seinem Kollegen David C. Geary eine Studie zu einem scheinbar paradoxen Zusammenhang veröffentlicht: Je besser die Gleichstellung der Geschlechter in einem Land ist, desto niedriger ist der Prozentsatz an Frauen mit Abschlüssen in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (Mint). Ein Resultat der Studie ist, dass Mädchen und Jungen zwar ähnlich gut in Naturwissenschaften sind, aber in fast allen Ländern die größte persönliche Stärke von Mädchen das Lesen ist. Bei Jungen findet man sie viel öfter in der Mathematik oder den Naturwissenschaften.

DIE ZEIT: Wie haben Sie diese persönlichen Stärken gemessen?

Gijsbert Stoet: Wir haben Pisa-Daten in Bezug auf Textverständnis, Mathematik und Naturwissenschaft ausgewertet und uns angesehen, welches das beste Fach der 15- bis 16-jährigen Schüler war. Bei Mädchen war das sehr viel häufiger das Textverständnis als bei Jungen. Diese Unterschiede waren in den Ländern am stärksten ausgeprägt, die in Sachen Gleichbehandlung am weitesten sind. Und in diesen Ländern gibt es auch besonders wenige Frauen in Mint-Fächern.

ZEIT: Könnte das auch daran liegen, dass Frauen in armen Ländern und in solchen, in denen sie besonders diskriminiert werden, eine Mint-Karriere als Ausweg sehen?

Stoet: Durchaus. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass es zum Beispiel in Indien besonders viele Frauen in der Technologie-Industrie gibt. Diese guten Jobs können eine Möglichkeit sein, aus den Zwängen der Gesellschaft zu entfliehen.

ZEIT: Welche anderen Gründe für die Studienwahl haben Sie untersucht?

Stoet: Wir haben uns Interesse und Selbstvertrauen angeschaut. Beides ist bei Jungen in Mathematik und Naturwissenschaften stärker ausgeprägt. Mädchen unterschätzen ihre Fähigkeiten öfter. Auch diese Effekte sind in Ländern mit einer besseren Gleichstellung besonders stark.

ZEIT: Was sonst hält die Frauen von einer Mint-Karriere ab?

Stoet: Es ist interessant, dass immer gefragt wird, was Frauen abhält. Wenn wir sehen, dass junge Frauen sich eher für andere Fächer interessieren, wo ist das Problem?

ZEIT: Wenn junge Frauen ebenso gut in naturwissenschaftlichen Fächern sind wie Männer, dann ist es doch schade, dass sie dem nicht nachgehen.

Stoet: Das höre ich oft. Man nennt das eine Verschwendung von Talent. Aber warum ist es eine Verschwendung, wenn jemand lieber Schauspieler, Künstler oder Journalist wird als Softwareingenieur?

ZEIT: Sie meinen, unsere Gesellschaft kann es sich leisten, Frauen an diese Berufsgruppen zu "verlieren"?

Stoet: Als Humanist sage ich Ja. Ein Kommunist oder Kapitalist würde es wohl anders sehen und fragen, was für die Gesellschaft und ihren Reichtum besser ist. Aber kommt es nicht darauf an, was Mädchen guttut? Warum sollen sie nicht dem nachgehen, worin sie am besten sind und was sie gerne tun?