Pro: Blühe, deutsches Mutterland

Manche Menschen wollen sich irgendwie partout nicht vorstellen, dass die Welt auch anders, sogar ein Ideechen besser sein könnte, als sie nun mal ist. Die Kanzlerin ließ mitteilen, das brauche es nicht, als die Gleichstellungsbeauftragte des Bundesfamilienministeriums einen Möglichkeitssinn entwickelte: Kristin Rose-Möhring kann sich eine gerechtere Welt vorstellen, sogar im Detail. Schadet ja nicht, wenn man in Sachen Gerechtigkeit die kleinen Dinge nicht aus den Augen verliert: Eine geschlechtergerechte Nationalhymne schlug Rose-Möhring vor, in der "Heimatland" statt "Vaterland" gesungen würde und "couragiert mit Herz und Hand" statt "brüderlich".

Ein Nationalsymbol für alle: Frauen, Männer, andere. Ist doch schön, es waren aber trotzdem gleich wieder sehr viele dagegen. Ach, andere schaffen es doch auch! Die Österreicher haben bereits 2012 ihre Hymne einer Genderneutralisierung unterzogen, und in Kanada hat das Parlament dem kleinen Eingriff gerade zugestimmt.

Die Forderung nach einer fairen Hymne ist berechtigt, aber zu bescheiden vorgetragen. Seit 1922 wird August Heinrich Hoffmann von Fallerslebens Deutschlandlied als dominant männliche Nationalhymne gesungen. Denkbar wäre, genauso lang, also die nächsten 96 Jahre, "Mutterland" zu singen und "schwesterlich mit Herz und Hand" – für ausgleichende Gerechtigkeit.

Und danach denken wir uns mal was Neues aus. Das wäre schon bei der Wiedervereinigung an der Zeit gewesen. Denn wie aus dem Heimat- und Sachkundeunterricht erinnerlich sein dürfte, war das Deutschlandlied, Hymne der BRD, leider auch in deren Vorgängersystem in Gebrauch und ist nicht unproblematisch. Um zwei Drittel seiner Verse musste es nach dem Zweiten Weltkrieg erleichtert werden. Zur Vermeidung von Wörtern wie "über" und "alles" und "Trutze" (was war das?) kamen ganze Strophen weg. Dann wären da noch gewesen: "Deutsche Frauen, deutsche Treue". Einer heimeligen Anekdote zufolge ist das alte Fallersleben-Lied in der Nachkriegszeit überhaupt nur wieder hervorgeholt worden, weil es Adenauer peinlich war, dass bei Sportveranstaltungen für deutsche Mannschaften statt einer Hymne manchmal Karnevalslieder gespielt wurden: "Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien, Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm! Wir haben Mägdelein mit feurig wilden Wesien, wir sind zwar keine Menschenfresser, doch wir küssen umso besser." Das wäre schwer geschlechtergerecht hinzubiegen gewesen.

Eine neue Hymne, eine bessere Hymne liegt übrigens vor. Sie ist von Bert Brecht und geht so: "Anmut sparet nicht noch Mühe / Leidenschaft nicht noch Verstand / Dass ein gutes Deutschland blühe / Wie ein andres gutes Land." Ein Land, dessen Hymne mit einem zauberhaften Wort anfinge wie "Anmut": muss man sich mal vorstellen.

von Marie Schmidt

Contra: Marktgerecht mit Herz und Hand

Es ist ja nicht nur die Nationalhymne, die der Forderung nach geschlechtsneutraler Sprache nicht standhält. Die ganze überlieferte Kultur, nach Maßgabe von Gendergerechtigkeit durchmustert, müsste zensiert werden, vielleicht als Ganze auf dem Müll landen, wenn man ihr alle Spu- ren männlicher Dominanz entziehen wollte. Radikale Feministinnen träumen gewiss davon.

Aber leider bietet gerade die Sprache, an der sich das Zensurverlangen schon länger ausgetobt hat, den größten Widerstand. Es gibt nicht nur die männlichen Endungen, die sich leicht ändern lassen ("Feuerwehrfrau"). Das Problem sind die Wörter mit männlichen Stammsilben, die zwar stören, aber für die Wortbedeutung keine Rolle mehr spielen. Das "brüderlich" in der Hymne, das den Wunsch nach einem neutralen Ersatzwort ausgelöst hat, will gar kein Familienverhältnis, nicht einmal eine Männerrunde aufrufen, sondern Brüderlichkeit im Sinne der französischen Fraternité – Solidarität, auch Gleichheit, eine Vertrauens- und Verantwortungsgemeinschaft. "Brüderlich" ließe sich am ehesten durch "solidarisch" oder "gemeinschaftlich" ersetzen – wäre aber natürlich schlecht zu singen.

"Couragiert", was Kristin Rose-Möhring, die Gleichstellungsbeauftragte im Bundesfamilienministerium, vorschlägt, trifft den Sinn überhaupt nicht, ist aber für die Tendenz aufschlussreich. Hier soll einfach ein politischer Begriff des 19. Jahrhunderts durch ein Modewort unserer Tage ersetzt werden. Warum nicht gleich "engagiert" oder "zivilgesellschaftlich" oder, weil Solidarität ohnehin im Kurs stark gesunken ist, "eigenverantwortlich" oder "marktgerecht"? Das wär’s doch: "marktgerecht mit Herz und Hand" – ließe sich perfekt singen, und darin könnten sich die Ich-AGs jeglichen Geschlechts, auch jeglichen Zwischengeschlechts wiederfinden.

Die Tendenz zur rücksichtslosen Aktualisierung verrät auch der Wunsch, "Vaterland" durch "Heimatland" zu ersetzen. Das Wort ist, vor allem im Lichte der neonationalistischen Aufladung des Heimatbegriffs, natürlich brutaler, aber vielleicht gerade deshalb ehrlicher – zeitgemäßer. Noch viel ehrlicher wäre allerdings, die Neuschöpfung "Mutterland" zu wagen und "brüderlich" gegen "schwesterlich" zu tauschen.

Damit wären zwar die Männer, sagen wir mal: stiefmütterlich behandelt, aber warum sollen sie nicht mal erleiden, was die Frauen so lange hinnehmen mussten? Es gibt diese Idee der historischen Rache tatsächlich (siehe das Plädoyer links), und im familienministeriellen Sinne einer prompten Bedienung modischen Unfugs müsste der Revanchegedanke auch einmal staatsoffiziell werden dürfen. Man muss die Hymne ja nicht "mit Herz" singen, schon gar nicht Hand in Hand.

von Jens Jessen