Zu mehr als flüchtigen Satzfetzen findet Samuel Hirsch selten Zeit: Auf einem Notizblock hält der 30-jährige Kaufmann aus der burgenländischen Kleinstadt Mattersburg die Chronik der ersten Tage nach dem "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich fest. Seine Schrift ist krakelig, die Sprache halb jiddisch, halb deutsch: "Laufen herum die Burschen mit der Hakenkreuzbinden (...) um 6 h Abend werden die Rufe imer grösser um 7 h bricht das Unglück über die Juden herein." Es ist der 11. März 1938. Übers Radio hat der österreichische Bundeskanzler Kurt Schuschnigg erklärt, er weiche der Gewalt. Im Morgengrauen des nächsten Tages beginnen deutsche Soldaten, Bürokraten und Geheimpolizisten das kleine Nachbarland in Besitz zu nehmen.

Die jüdische Gemeinde von Mattersburg hatte bis dahin vergleichsweise unbehelligt in ihrem Viertel gelebt. Vereinzelt war es zu antisemitischen Pöbeleien gekommen, doch einige junge, muskulöse Männer konnten die Störenfriede stets wieder vertreiben. Nun sind sie machtlos. Um neun Uhr am Morgen des 12. März schlägt eine Horde Jugendlicher alle "Judenfenster" ein. Dann tauchen österreichische SA-Männer auf und plündern jüdische Geschäfte und Wohnungen. Am ersten Sabbat der neuen Zeitrechnung müssen jüdische Männer die Straßen kehren und die Autos der örtlichen Bonzen waschen. Später werden sie gezwungen, rund 100 Sturmleuten am Hauptplatz die Stiefel zu putzen. "Während den Putzen regnet es nur so von Schläge von Rückwärts und Trite von vorn", notiert Samuel Hirsch auf seinem Schreibblock.

Wie in Mattersburg wütet der braune Pöbel in den ersten Tagen des "Anschlusses" im ganzen Land – vor allem in der Hauptstadt Wien. Erst nach mehreren Wochen bringen die neuen Machthaber die Tumulte halbwegs unter Kontrolle. Danach leiten sie eine neue Phase im antisemitischen Staatsterror ein: In Österreich, das jetzt offiziell "Ostmark" genannt wird, setzen sie erstmals die systematische Ausplünderung und Vertreibung der jüdischen Bevölkerung in die Tat um. Es ist ein bürokratisch durchorganisierter Kraftakt, der bis dahin in Deutschland nicht möglich war. Dieses Modell sollte in den folgen- den Jahren für den gesamten NS-Machtbereich beispielgebend sein.

"Viennese Go Wild" und "No Opposition Visible" meldet die New York Times nach dem Einmarsch der Wehrmacht. Noch ehe die ersten Sendboten aus dem Hitlerreich eintreffen, streifen sich die österreichischen Sicherheitsbeamten Hakenkreuzbinden über ihre Uniformen. Große Teile der Behörden sind längst von den bis dahin illegalen Nazikadern unterwandert. Hunderte Juden werden willkürlich aufgegriffen und gezwungen, mit scharfer Lauge die Parolen des hinweggefegten austrofaschistischen Schuschnigg-Regimes vom Straßenpflaster zu schrubben oder Plakate mit den Fingernägeln von den Hausfassaden zu kratzen.

Fotos dieser "Reibepartien" zeigen verängstigte Menschen, oft alte Männer, um die sich eine johlende Menge drängt. "Ist Ihnen bekannt", fragt ein anonymer Briefschreiber bei der Wiener Gauleitung an, "daß bei diesen Arbeiten dem zusehenden Publikum noch besondere Belustigungen geboten wurden, indem nämlich die Befehlshaber der Reibbrigaden durch Zusammengeben der Hände einen Ring bildeten, innerhalb dessen die Juden mit den Kübeln in den Händen springen, hüpfen und andere groteske Bewegungen machen mußten, und dass den Juden als Schlußpunkt der geleisteten Arbeit der schmutzige Inhalt der Kübel auf die Kleider geschüttet wurde? Ist Ihnen bekannt, daß es da noch Verschärfungen gab? Daß Juden in den Keller gesperrt, mit dem Erschießen bedroht wurden, so daß sie dann noch froh waren, daß man ihnen lediglich den Kopf mit Teer einschmierte, dann das halbe Kopfhaar und die Augenbrauen herausschnitt?"

Der Schriftsteller Hermann Broch fährt in diesen Tagen mit der Stadtbahn nächtelang kreuz und quer durch Wien, um nicht aufgegriffen zu werden. "Der Ekel war mein schlimmstes Hitler-Erlebnis", schreibt er später. Häufig, wenn er durch die Straßen von Wien geirrt sei und mit angesehen habe, wie man seine Mitmenschen demütigte, sei ihm so übel geworden, dass er sich übergeben musste. Broch kann rechtzeitig ins Ausland fliehen. Hunderte andere Juden nehmen sich das Leben. Am 16. März gegen 22 Uhr trommeln zwei SA-Männer an eine Wohnungstür im dritten Stock des Hauses Gentzgasse 7. "Judenhure", so flegeln sie die Haushälterin an, die ihnen öffnet und die Männer in ein Gespräch verwickelt. Unterdessen flüchtet der Kulturhistoriker Egon Friedell, der in den letzten Jahren nur noch selten sein mit Büchern verbarrikadiertes Domizil verlassen hat, ins Schlafzimmer, öffnet ein Fenster und stürzt sich auf die Straße. Noch im Fallen soll er Passanten durch Rufe gewarnt haben.

Die Wiener müssen zu antisemitischen "Aktionen" nicht erst aufgehetzt werden. Der "unerbittliche Kampf gegen Alljuda in der Ostmark", wie die hetzerische Kampfschrift Der Stürmer in einer Sondernummer vom 2. Juli 1938 schreibt, beginnt in einer Stadt, in welcher der politische Antisemitismus schon Jahrzehnte zuvor salonfähig geworden ist.

Der "Bewegung", als die sich die Nazis verstehen, ist in Österreich ein Erbe in den Schoß gefallen, das ideologische Falschmünzer in den vergangenen Jahrzehnten angehäuft hatten. Viele der geistigen Strömungen waren bereits auf dem Nährboden der untergegangenen österreichisch-ungarischen Monarchie gereift. Hitlers Vasallen vereinnahmen das gesamte völkische Lager. Dort treffen nationalliberale, bündische, groß- und kleindeutsche, katholisch-romantische, rassistische, antimarxistische, antiparlamentarische, autoritäre, pangermanische und jugendlich-aktivistische Strömungen aufeinander. Alldeutsche und Antisemiten, meist in Gedankenunion, bilden die beiden größten Reservoirs. Die Nationalsozialisten sind Arbeiterpartei und Kleinbürgerbewegung, Kampfbund gegen alles "Fremdvölkische" und fühlen sich berufen, ein "Bollwerk gegen die bolschewistische Gefahr" zu bilden. Studenten und Bauern, treue Katholiken und Antiklerikale, rechtskonservative Intellektuelle und rabiate Freischärler – das Hakenkreuz und der Judenhass vereint sie schließlich alle.