Nespresso liegt die Umwelt am Herzen. Diesen Eindruck vermittelt zumindest der Netzauftritt der Marke. Weiß auf schwarz kann man hier nachlesen, wie sich das zum Konzern Nestlé gehörende Unternehmen vom Anbau bis zum Recycling für Nachhaltigkeit einsetzt. Daneben Bilder von Kaffeebauern mit Strohhüten und windgegerbten Gesichtern, die zarte Pflänzchen streicheln.

Moment, Nespresso? Das ist doch jenes Unternehmen, das Kaffee in kleinen, bunt leuchtenden Aluminiumkapseln verpackt. Pro Tasse wandert eine Kapsel in den Abfall. Das fühlt sich schon ziemlich nach Verschwendung an. Bei Nespresso sieht man das anders: "Kapselkaffee überzeugt gegenüber Filtermaschinen und Vollautomaten", schreibt das Unternehmen in einer E-Mail, die es kürzlich an seine Kunden geschickt hat. Die Umweltbilanz sei im Vergleich "gut oder sogar besser". Eine Studie von unabhängigen Experten beweise das. Geprüft vom TÜV Rheinland.

TÜV Rheinland, das klingt nach Verlässlichkeit und Ordnungssinn, ein bisschen langweilig, aber auf jeden Fall vertrauenswürdig. Und wenn selbst der TÜV sagt, der Kapselkaffee sei nicht so schlimm, dann sollte das ja wohl auch so sein.

Die Aufgabe des TÜV war in diesem Fall aber nur, die Studie auf Rechenfehler und wissenschaftliches Vorgehen zu überprüfen. Kurz gesagt, musste er kontrollieren, ob die Studie in sich schlüssig durchgeführt wurde, nicht aber, wie plausibel die getroffenen Annahmen sind.

Genau diese Annahmen will Nespresso aber lieber nicht veröffentlichen. Die Daten enthielten Informationen, die man nicht mit Wettbewerbern teilen wolle, begründet das Unternehmen seine Absage auf die Anfrage der ZEIT. Doch bei Ökobilanzen entscheiden immer die Details, in diesem Fall also: Mit welchen Geräten testet man die Alternativen Vollautomat und Filtersystem? Wie viel Strom verbraucht die Kaffeemaschine? Ist das Kohlestrom, oder stammt die Energie aus erneuerbaren Energiequellen? Wie lange wird die Maschine verwendet? Wie sieht es mit dem Transport des Kaffees aus? Wird berücksichtigt, dass Kaffeekapseln mehr Platz brauchen als Kaffee in Kilopackungen? Und was ist mit den Materialien, aus denen die Verpackungen gemacht werden, und wiederum deren Transport?

Um überhaupt Ökobilanzen aufstellen zu können, müssen Wissenschaftler entscheiden, welche Phase der Lebensdauer des Produkts sie berücksichtigen wollen, welche Details sie betrachten und was sie ausblenden. Auf diese Entscheidungen bauen solche Studien auf, deshalb werden sie normalerweise in der Einleitung offengelegt und diskutiert. Nespresso hingegen hält die Studie geheim.

Auf Nachfrage schickt das Unternehmen nur die Ergebnisse, auf neun Seiten hübsch zusammengefasst. Demnach wird in der Studie der gesamte Lebenszyklus berücksichtigt, vom Anbau des Kaffees bis zu dessen Entsorgung, inklusive der Herstellung und Entsorgung der Kaffeemaschine. Man habe kalkuliert, dass zweimal täglich je drei Tassen Kaffee gekocht werden.

Dass das Kapselsystem dabei insgesamt nicht schlechter abschneidet als ein Vollautomat oder Filterkaffee, begründet die Studie erstens mit dem vergleichsweise geringen Energieverbrauch der Nespresso-Maschine. Zweitens lenkt sie den Blick auf den Anbau, der habe die "gravierendsten Auswirkungen auf die Umwelt" – das Verpackungsmaterial sei da im Vergleich gar nicht so wichtig.