Mirjam Blumenthal wollte im Supermarkt noch schnell ein paar Einkäufe erledigen, da stellte sich ihr zwischen Gemüseabteilung und Getränkeregal ein junger Mann in den Weg. Er war einen Kopf größer als sie, hatte kurz geschorene Haare und schaute zu ihr herab. Er wisse, wo sie wohne, sagte der Mann zu Blumenthal, bald würde er ihre ganze Familie kriegen, und dann müsse sie büßen, für all die Provokationen. "Hau ab, du Arsch", sagte sie zu dem Mann, ohne lange zu überlegen. So erzählt es Blumenthal, wenn sie heute über den Vorfall spricht.

Mirjam Blumenthal, 45 Jahre alt, lebt in Berlin-Neukölln, einem Bezirk im Südosten der Stadt, sie ist dort geboren und aufgewachsen. Heute engagiert sie sich beim Deutschen Gewerkschaftsbund. Wenn sie von der Begegnung im Supermarkt spricht, wirkt sie abgeklärt, sie redet leise, denkt zwischendurch lange nach, und wenn sie mal den Faden verloren hat, entschuldigt sie sich höflich. Es sei einfach zu viel passiert in den vergangenen zwei Jahren, sagt sie.

Blumenthal sitzt für die SPD in der Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung, sie kümmert sich dort um die Themen Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus. "Die Rechten hier im Stadtteil mögen mich deswegen nicht", sagt sie, "aber ich lasse mir von niemandem den Mund verbieten." Es scheint, als ob jemand genau das versuche: Auf Blumenthals Anrufbeantworter drohten ihr Unbekannte mit dem Tod, vor gut einem Jahr ging ihr Auto direkt vor ihrem Schlafzimmerfenster in Flammen auf, Steine flogen durch ihre Fensterscheiben. Im Netz kursieren Listen rechter Schlägertrupps, auf denen ihr Name steht.

Blumenthal ist nicht die Einzige, der es so geht. Im Südosten Berlins werden Politiker und Flüchtlingshelfer seit Monaten regelmäßig Opfer von Pöbeleien, Drohungen und Anschlägen. Anfang Februar zündeten Unbekannte das Auto des Architekten und Linken-Politikers Ferat Kocak an. Die Flammen schlugen bis an die Wand des Hauses, in dem der 38-Jährige mit seinen Eltern wohnt, und kamen gefährlich nah an eine Gasleitung heran. Das Lodern des Feuers im Fenster habe ihn aufgeweckt, erzählt Kocak, nur deshalb habe er rechtzeitig die Feuerwehr rufen können. "Meine Mutter hat kurz darauf einen Herzinfarkt bekommen. Sie traut sich nicht mehr vor die Tür", sagt er.

In derselben Nacht brannte auch das Auto von Heinz Ostermann, einem Buchhändler im Süden des Bezirks, der in seinem Laden seit Jahren Lesungen gegen Rassismus veranstaltet. Wenige Monate zuvor, rund um den 9. November, den Jahrestag der Pogromnacht von 1938, hatten Unbekannte 16 Stolpersteine ausgegraben, die im Gedenken an die von den Nazis ermordeten Anwohner des Viertels eingelassen worden waren.

Eigentlich gilt Neukölln als bunter Szenekiez, den sich Studenten und junge Kreative mit türkischen und arabischen Einwandererfamilien teilen, auch Rapper wie Bushido oder Massiv sind hier unterwegs. Bundesweit machte der Stadtteil zuletzt Schlagzeilen, als der CDU-Politiker Jens Spahn klagte, die Bedienung in den Kneipen von Neukölln sei so hip und international, dass man seinen Kaffee nur noch auf Englisch bestellen könne. Doch Blumenthal, Kocak und Ostermann leben nicht im angesagten Norden des Bezirks, sondern im bürgerlichen Süden, in Neuköllner Vierteln wie Buckow, Rudow und Britz, nahe der Landesgrenze zu Brandenburg gelegen. Die drei eint ihr Engagement: für Flüchtlinge und gegen Rassismus. Genau deshalb, so scheint es, werden sie zu Opfern. Die Zahl der rechtsextrem motivierten Straftaten im Bezirk nahm in jüngster Zeit deutlich zu, 125 waren es allein im Jahr 2017, ein Anstieg von 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Bezirksverordnetenversammlung forderte die Berliner Polizei am Dienstag dazu auf, die Brandanschläge endlich als "Terror" einzustufen.

Neukölln ist mittlerweile nicht mehr nur für Hipster und Hip-Hopper bekannt, sondern auch für Anschläge von rechts. Doch wer steckt hinter den Angriffen?

Wer darüber mit Fahndern und Sicherheitsbeamten spricht, bekommt schnell einen Namen genannt: Sebastian T., 31 Jahre alt, mehrfach vorbestraft, unter anderem wegen Körperverletzung. "Ein in die Wolle gefärbter, hochaggressiver Neonazi", nennt ihn jemand aus Berliner Sicherheitskreisen. Nicht nur Blumenthal und Kocak vermuten, dass T. hinter den Anschlägen steckt. Die Behörden tun es auch; mit ungewöhnlicher Offenheit nennen sie seinen Namen, obwohl auch für ihn die Unschuldsvermutung gilt, solange er nicht verurteilt ist.

Wer aber ist der Mann? Und wenn sich die Ermittler so sicher sind, dass er hinter den Taten steckt, warum sitzt er dann nicht in Haft?

Die Anschläge gehen immer weiter

Sebastian T. wird Ende der achtziger Jahre in Berlin geboren. Als Teenager verbringt er seine Freizeit im Kreis der Neuköllner Neonazi-Szene, die zu dieser Zeit Jugendliche anwirbt. Es dauert nicht lange, bis der junge Mann das erste Mal vor Gericht steht: Weil ihn die Polizei am Rande einer Antifa-Demo mit unerlaubter Leuchtspurmunition erwischt, wird er im Jahr 2006 wegen Verstoß gegen das Waffengesetz zu einer Geldstrafe verurteilt – da ist er gerade 20 Jahre alt. Er schmiert ein Hakenkreuz an eine Hauswand, attackiert einen Polizisten, wird wieder verurteilt, dieses Mal auf Bewährung.

T. bewegt sich im Umfeld des Nationalen Widerstands Berlin, einer rechtsextremen Kameradschaft, wird mit prominenten Neonazis auf Kundgebungen gesehen, tritt der örtlichen NPD bei. Berliner Polizisten gilt er bald als Rädelsführer.

Schon in dieser Zeit brennen in der Neuköllner Hufeisensiedlung regelmäßig Autos, fliegen Steine durch Fensterscheiben der Wohnungen linker Politiker, tauchen auf der Website des Nationalen Widerstands die Namen und Adressen von Flüchtlingshelfern und Politikern auf, fein säuberlich zusammengetragen zu sogenannten "Feindeslisten". Wer sich darauf wiederfindet, schreiben Nutzer der Website, solle sich nicht wundern, "wenn der Glaser gerufen werden muss und die Heizkosten nach oben gehen". Der Staatsschutz ermittelt, durchsucht Wohnungen, doch kaum einer der Anschläge lässt sich aufklären. Im Jahr 2012 dann werden die Seiten des Nationalen Widerstands abgeschaltet. Und T.? Steht kurz darauf wieder vor Gericht. Dieses Mal, weil er Passanten bedroht haben soll, die er verdächtigte, NPD-Plakate abgehängt zu haben.

T. gilt den Berliner Ermittlern schon lange als Hauptverdächtiger. Warum aber kann die Polizei bis heute keinen einzigen echten Erfolg vorweisen? Sechs LKA-Beamte der Fahndungsgruppe Resin (Rechtsextreme Straftaten in Neukölln) ermitteln einzig und allein zu der Neuköllner Anschlagserie und dem Diebstahl der Stolpersteine. Außerdem betonen Lokalpolitiker regelmäßig, wie wichtig die Aufklärung der Fälle sei. Trotzdem gehen die Anschläge immer weiter.

Spricht man mit Mirjam Blumenthal, Ferat Kocak, Heinz Ostermann und den anderen Betroffenen, wird deutlich, wie groß der Frust über die aus ihrer Sicht schleppende Ermittlungsarbeit der Berliner Polizei ist. "Mit einer Verfolgung von Nazis bekommt man halt keine Publicity", behauptet Blumenthal. Ferat Kocak meint: "Es ist schon ein Ding, dass in zwei Jahren niemand zur Rechenschaft gezogen wurde." Seit Jahren kursiert unter einigen Betroffenen eine Theorie: Die Ermittler würden T. und seine Kameraden angeblich nur deshalb nicht festnehmen, weil sie V-Leute in die Szene eingeschleust hätten – bezahlte Spitzel, die Informationen aus dem Inneren der Gruppe liefern sollen. Eine andere Erklärung, sagt Kocak, falle ihm einfach nicht mehr ein.

"Diese Theorie kann ich mit absoluter Sicherheit ausschließen", sagt hingegen Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD), dem sowohl das Landeskriminalamt als auch der Verfassungsschutz unterstellt sind. Er verstehe ja den Ärger über die ausbleibenden Ermittlungserfolge, auch für die Angst der Betroffenen vor weiteren Angriffen habe er Verständnis. Zu den Details der Ermittlungen könne er nichts sagen, nur so viel: "Wir haben es hier tatsächlich mit einem besonders komplizierten Fall zu tun."

Denn einige der Rechtsextremen in Neukölln – das ist Konsens unter den Ermittlern – haben sich über die Jahre zu Profis entwickelt. Sie verabreden sich nicht über SMS oder WhatsApp, prahlen nicht im Netz mit ihren Aktionen, kommen nicht mehr in den alten Szenekneipen zusammen. Entsprechend nutzlos ist die Überwachung ihrer digitalen Kommunikation, das Mitlesen ihrer Chats, das Mitschneiden ihrer Telefongespräche. "T. hat wahnsinnig gute Antennen dafür, wann man ihm auf den Fersen ist", sagt einer, der mit den Ermittlungen betraut ist.

Auch hinterlassen die Täter kaum Spuren: Ein brennender Grillanzünder genügt, um ein Auto in Flammen aufgehen zu lassen. Das braucht keine Werkzeuge, keine akribische Planung. Es hinterlässt auch keine Fingerabdrücke, wer einen Pflasterstein nicht mit bloßen Händen anfasst, sondern Handschuhe benutzt, um ihn durch eine Fensterscheibe zu werfen. "Die Verdächtigen sind ortskundig, haben ihre Ziele in der Regel schon vor der Tat observiert und können schnell flüchten", sagt ein Berliner Beamter. Bitte er bei Gericht darum, die potenziellen Täter über einen längeren Zeitraum observieren zu dürfen, fordere der Richter von ihm Beweise, die den Verdacht belegen. "Und die gibt es in der Vergangenheit kaum."

Rechtsextrem motivierte Gewalttaten sind keine neue Erscheinung

Einer, der Sebastian T. gut kennt, ihn seit seiner Jugend begleitet, ist Sebastian Schmidtke. An einem Tag Ende Februar steht Schmidtke vor dem Ketchup, einer Wurstbude am U-Bahnhof Rudow. Die Boulette kostet hier 1,70 Euro, die Riesenbockwurst bekommt man für 30 Cent mehr. "Früher hat sich hier die Szene getroffen", sagt Schmidtke. Seit über zehn Jahren gilt er als einer der Köpfe der Rechtsextremen in Berlin, er saß für die NPD in der Bezirksverordnetenversammlung von Treptow-Köpenick, betrieb einen Laden für Militärausrüstung namens Hexogen, in dem er unter anderem Schlagstöcke und Pfefferspray verkaufte. "Viele der Kameraden von damals sind weggezogen, die Mieten hier werden ja auch immer teurer", sagt er.

Dass die Polizei im rechten Milieu nach den Brandstiftern fahndet, hält Schmidtke für ein politisches Manöver. "Nur weil Linke unter den Opfern sind, heißt das doch noch lange nicht, dass Rechte die Täter sein müssen. Solange niemand verurteilt ist, sind alle Vermutungen unzulässig, schließlich leben wir in einem Rechtsstaat." Schmidtke kennt diesen Rechtsstaat gut: Auch sein Vorstrafenregister ist lang. "Ich vermute ja eher, dass es linksextreme Gruppen sind, die einander bekämpfen. Aber belegen kann ich das natürlich auch nicht", sagt er und lächelt.

Darauf angesprochen, dass sein Kamerad Sebastian T. offenbar im Zentrum der Ermittlungen steht, antwortet Schmidtke knapp: "Für einen Mann, der mit beiden Beinen im Leben steht, ist es natürlich schwierig, mit solchen Beschuldigungen konfrontiert zu werden." Mehr sagt er nicht.

Rechtsextrem motivierte Gewalttaten im Südosten Berlins sind keine neue Erscheinung: Seit Ende der achtziger Jahre, das bestätigen Ermittler, greifen Neonazis in Neukölln jene an, die ihnen nicht in den Kram passen. Eine von ihnen war Mirjam Blumenthal, schon damals. Als Schülerin, Ende der achtziger Jahre, trat sie der sozialdemokratischen Jugendorganisation Die Falken bei. "Unser Falken-Haus in Neukölln war häufig das Ziel rechter Angriffe", sagt sie. Damals berichtete vor allem die Tageszeitung taz ausführlich über "Neonazismus im Klassenzimmer". Dutzende Artikel finden sich im Archiv der Zeitung, aus ihnen und den Berichten von Zeitzeugen ergibt sich eine lückenlose Dokumentation der Gewalt in Neukölln.

Auf einer Feier in der Fritz-Kasen-Schule machte ein Jugendlicher Ende der achtziger Jahre Fotos von ihm verhassten "linken Schülern" – auch von Mirjam Blumenthal. Der junge Rechtsextremist schwor, "im Namen des deutschen Volkes" Rache an den Linken zu nehmen, und verteilte die Bilder an seine Kameraden. Kinder von Migranten wurden verprügelt, jüdische Friedhöfe geschändet. Auch damals schon gab es Razzien, die Beamten fanden Waffen und Sprengstoff, vereinzelt gingen Neonazis ins Gefängnis. Doch die Gewalttaten hörten nicht auf. "Damals war es für uns in dieser Gegend unmöglich, mit der U-Bahn ab Wutzkyallee in Richtung Rudow zu fahren, ohne zusammengeschlagen zu werden", sagt Blumenthal. Die Rechtsextremen gaben sich in dieser Zeit den Namen Rudower Terrorbande. Es ist ihre Nachfolgegeneration, die heute um die Vorherrschaft im Viertel kämpft.

Kommt das Gespräch in Neukölln auf die Anschläge der vergangenen Wochen, ist immer auch von einem weiteren Fall die Rede: dem von Burak Bektaş. Im Jahr 2012 wurde der 22-Jährige an der Bushaltestelle vor dem Bezirkskrankenhaus von einem Unbekannten erschossen. Ohne Vorwarnung streckte der Täter Bektaş und mehrere seiner Freunde nieder. Bis heute haben die Ermittler keinerlei Hinweise darauf, wer hinter dem Mord an dem jungen Mann stecken könnte. Nur dass der Täter männlich ist und zum Zeitpunkt der Tat zwischen 40 und 60 Jahren alt gewesen sein soll, ist bekannt. Die Hinterbliebenen sind überzeugt davon, dass der Fall Bektaş in die rechte Gewaltserie passt. Konkrete Belege dafür gibt es jedoch bislang nicht.

Seit einigen Wochen kommt Bewegung in die Ermittlungen. Wie die ZEIT aus Behördenkreisen erfuhr, ermittelt die Staatsanwaltschaft in zwei Fällen gegen T., wegen Verdacht auf Brandstiftung. Anfang Februar durchsuchte die Polizei seine Wohnung in Rudow. Die Beamten nahmen Laptops, Handys und Speicherkarten mit, befragten T. und einen mutmaßlichen Komplizen. Beide verweigerten die Herausgabe von DNA-Proben und legten Widerspruch gegen die Beschlagnahmung ihrer Geräte ein. Eine Anfrage der ZEIT an T.s Anwalt blieb unbeantwortet.

Andreas Geisel, der Berliner Innensenator, ist vorsichtig, wenn er über die jüngsten Entwicklungen in Neukölln spricht. "Wir werten die Durchsuchungen als einen Schritt in die richtige Richtung." Einen Haftbefehl jedoch gibt es derzeit nicht. Wird es ihn bald geben? "Wir hoffen es", sagt der Senator. Aber er weiß auch: "Ich kann Ermittlungserfolge nicht politisch erzwingen."

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