Im Winter beginnt für uns Berliner Obdachlose die Reise nach Jerusalem. Es ist wie bei dem Kinderspiel: Man läuft rum und muss schnell einen Platz finden, bevor es zu spät ist. Leider sind nicht genügend Stühle für alle da. Genauso ist es mit Schlafplätzen, wenn die Temperaturen sinken. In den Berliner Kältehilfen, wo man im Notfall einen findet, sind dann alle Betten schon besetzt.

Wenn ich doch mal einen Platz in einer Kältehilfe bekomme, ist es dort weder schön noch sicher. Gerade morgens herrscht immer Druck, weil wir schon um sechs Uhr aufstehen müssen und die Betreiber uns rausschmeißen. Erst abends machen sie wieder auf. Als ich zuletzt in so einer Unterkunft aufwachte, ließ mir ein anderer Obdachloser, der neben mir geschlafen hatte, morgens den Vortritt im Waschraum. Als ich zurück zu meinen Sachen ging, war er schon weg – und mein kleines Radio auch. Ich war nicht mal wütend, ehrlich gesagt. Nach 20 Jahren Obdachlosigkeit ist mir so etwas auch schon scheißegal.

Wenn ich in den Kältehilfen kein Bett bekomme, muss ich mir etwas im Freien suchen. Es gibt einen Ort am Alexanderplatz, wo warme Luft aus einem U-Bahn-Schacht nach oben strömt. Das Problem ist nur, dass dort auch andere Obdachlose übernachten wollen. Oft gibt es Streit wegen der Plätze dort. Einige Jungs schlagen sofort brutal zu, brüllen rum, das sind besoffene Psychopathen. Vor denen habe ich so richtig Angst.

Die ganze Stadt ist in den letzten vier Jahren viel voller geworden. Es sind ganz viele Obdachlose aus Polen oder Rumänien gekommen, auch Flüchtlinge sind dabei. Ich glaube, weil die Leute in Berlin Obdachlosigkeit eher akzeptieren als anderswo. Es ist dadurch allerdings noch schwieriger, im Winter einen warmen Ort zu finden. Jetzt muss ich manchmal mit ein paar Kollegen in einen Park abhauen. Wir schlafen dort zu zweit in einem Zelt. Da kommt zwar keine Campingstimmung auf, aber durch die Körperwärme neben mir überstehe ich die kalte Nacht.

Wenn ich gar nichts finde, habe ich nur eine Möglichkeit, damit ich nicht erfriere: Dann fahre ich so lange wie möglich mit der S-Bahn hin und her. Auf den Bänken versuche ich dann ein bisschen zu schlafen. Wenn die Zugführer nachts Pause machen, muss ich ein, zwei Stunden überstehen. Frühmorgens fahre ich noch mal etwas hin und her. Was mir dann noch an Schlaf fehlt, hole ich tagsüber in einer Suppenstube nach, wo ich am Tisch einpenne.

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Protokoll: Benedict Wermter