Ostdeutsche konnten zuletzt das Gefühl bekommen, dass es im Grunde nur zwei Sorten des Regierens gibt: Entweder es regiert der Westen. Oder es regiert der Westen, aber wenigstens mit schlechtem Gewissen. Gerade ist die Zeit für Zweiteres.

Um das zu erklären, muss man die vielleicht wichtigste Folgerung aus der Bundestagswahl kennen, die sich ostdeutschen Politikern von SPD und CDU in den vergangenen Wochen aufgedrängt hat: Sie sind machtloser geworden.

Denn das kollektive AfD-Wählen, mit dem der Osten dem ganzen Land einen eindrucksvollen Schrecken eingejagt hat, führte zum genauen Gegenteil dessen, was erst zu vermuten gewesen wäre.

SPD und noch mehr die CDU haben nicht etwa beschlossen, die neuen Länder jetzt besonders zu päppeln; ihnen vor allem neue Identifikationsfiguren und Repräsentanten (Minister aus dem Osten!) im Bundeskabinett zu verschaffen. Nein, sie haben sich halb eingeschnappt, halb desinteressiert einfach weggedreht. Nach dem Motto: Wenn wir da im Osten eh nichts mehr zu gewinnen haben, müssen wir uns auch nicht mehr allzu sehr um diese Gegend kümmern.

Oder, auf den SPD-Mitgliederentscheid bezogen: Uns doch egal, ob wir Brandenburg überzeugen, solange wir Bochum und Boppard überzeugen können.

Wer dieser Tage mit ostdeutschen Politikern im Bundestag, aber auch aus den Landesregierungen spricht, hört deshalb vor allem lautes Klagen über genau diese Erfahrung: Die Ossis sind machtpolitisch zurzeit ziemlich egal. Solange die CSU weiterhin so abgezockt selbstbewusst auftritt, dass sie ernsthaft einen Entwicklungshilfeminister erneut ins Amt manövrieren kann, weil er Schwabe ist – so lange können die Ost-Politiker strampeln, sosehr sie wollen. Sie kriegen nur das, was der Westen herzugeben bereit ist. Und manchmal noch weniger.

Umso auffälliger war zuletzt, dass jene, die als (westdeutsche) Minister künftig das Land regieren, nun eben plötzlich Anflüge von schlechtem Gewissen zeigen. Sodass man fast glauben könnte: Oh, vom Nachwahl-Schock ist doch was hängen geblieben!

Denn diese Neu- und Altminister überboten sich in den vergangenen Tagen mit Versprechen und Lobpreisungen in Richtung fünf neue Länder.

Der Osten werde "Schwerpunkt" seiner Arbeit sein, sagte Peter Altmaier, der neue CDU-Wirtschaftsminister aus dem Saarland.

Der neue, aus Hessen stammende Kanzleramtschef Helge Braun, auch CDU, versprach, "die Repräsentanz von Ostdeutschland auch noch mal weiter zu verbessern" (wobei "noch mal" und "weiter" recht lustige Worte sind in diesem Zusammenhang).

Neue öffentliche Einrichtungen müssten "vorwiegend in den neuen Ländern angesiedelt werden", forderte CDU-Fraktionschef Volker Kauder, ein Baden-Württemberger, es gehe um "Leuchtturmprojekte".

Und Bayerns designierter Ministerpräsident Markus Söder (CSU) verkündete, das neugeschaffene Bundes-Heimatministerium in Verantwortung von Horst Seehofer werde "besonders" den ostdeutschen Bundesländern helfen; immerhin gehe es darum, "Identität zu pflegen und die Entwicklung in allen Landesteilen voranzubringen". Dann, schließlich, kam Seehofers neuer Innen-Staatssekretär, der CSU-Mann Stephan Mayer, und setzte alldem in einem MDR-Interview das Krönchen auf. Er sagte, dass die Ostdeutschen sich "mit Sicherheit" darauf verlassen könnten, dass die CSU ihre Interessen wahren werde.

Das alles ist, insgesamt, dermaßen lustig, interessant und leicht schmutzig zugleich, dass man sich die Frage stellen muss: Ja, was nützt er denn – der Osten in Gedanken? Was bringt es, wenn jetzt all die westdeutschen Ministerinnen und Minister beteuern, sich fortan ganz besonders arg um den Osten kümmern zu wollen?