Ist Papst Franziskus nicht ein Glücksfall für die katholische Kirche? Sogar streng Nichtgläubige interessieren sich für Jorge Mario Bergoglio. Menschen, die im Vatikan nichts anderes sehen als ein Reich der Finsternis, das leider Gottes durch einen unverzeihlichen Irrtum der Weltgeschichte seinen verdienten Untergang überlebt hat.

Und doch – auch nach fünf Jahren im Amt zieht der Charismatiker immer noch einen heiligen Zorn auf sich. Für seine einflussreichen Gegner, darunter viele nordamerikanische Bischöfe, ist Franziskus ein theologischer Populist und seine Beliebtheit der schlagende Beweis für seinen Kniefall vor dem liberalen Zeitgeist. "Ist der Papst überhaupt Katholik?", fragen sie und beklagen eine "Protestantisierung" der Kirche. "Ein Argentinier belehrt Europa!" Allein die Tatsache, dass Franziskus jenen Katholiken zu helfen versucht, die nach einer Scheidung noch einmal kirchlich getraut werden wollen, dass er also eine Reform des kanonischen Verfahrens für Ehenichtigkeitserklärungen anstrengte, löste eine Rebellion im Vatikan aus. Seitdem kursiert dort eine Bannschrift, die das "wahre Christentum" vor dem Revoluzzer aus Buenos Aires retten will – kein Papst dürfe ungestraft behaupten, die christliche Botschaft sei wichtiger als die Dogmatik. Möge Franziskus als Menschenfänger auch gewisse Qualitäten besitzen, auf dem Feld der Glaubenslehre entpuppe er sich als gefährlicher Amateur. Seine Gotteslehre? Ein Bastelwerk im Latin-Style. "Copacabana-Theologie" eben.

Damit kein Irrtum aufkommt: Es geht in diesem Konflikt nicht nur um einen neuen pastoralen Stil, nicht um die hemdsärmelige Performance des Papstes auf der Weltbühne. Es geht auch nicht um einen Mangel an christlicher Milde, wenn er seine Kritiker durch Schweigen abstraft oder Kardinälen die Leviten liest wie Ministranten, die beim Hochamt das Weihrauchfass demoliert haben. In dem Streit geht es um nicht weniger als den Vorwurf, das Oberhaupt der katholischen Kirche begehe theologischen Hochverrat. Anstatt mit dogmatischer Klarheit und pontifikaler Würde die gottlose Moderne zu bekämpfen, predige Franziskus ein Evangelium der Anpassung und Aufweichung. Der Bischof von Rom sei – ein Häretiker.

Wie alle Konflikte, die nicht zur Ruhe kommen, so besitzt auch dieser einen traumatischen und argumentativ schwer zugänglichen Kern. Im Fall der konservativen Papstkritiker ist es das Trauma von 1789, es ist die Französische Revolution mit ihrer "teuflischen" Schwester, der Religionskritik. Hand in Hand hätten sie versucht, Gott vom Thron zu stürzen und die "gerechte Gesellschaft" an seine Stelle zu setzen. Die Moderne wollte sich selbst erlösen. Sie spielte Gott – und schuf die Hölle auf Erden.

Das ist der Grund, warum die Gegner des Papstes "Selbsterlösung" wittern, wenn Franziskus sich auf lateinamerikanische Befreiungstheologen beruft, zum Beispiel auf seinen Lehrer Lucio Gera. In den Augen der Konservativen handelt es sich bei ihnen um eine marxistische Sekte, die das Evangelium mit einer Soziallehre verwechselt und mit falscher Zunge redet: Befreiungstheologen predigen Religion und meinen Sozialismus. Sie fordern Gerechtigkeit und organisieren den Umsturz. Anstatt in den Exerzitien des Ausharrens das Kreuz der Welt auf sich zu nehmen; anstatt mit Engelsgeduld auf den Jüngsten Tag zu warten, wollen sie das Joch des menschlichen Leidens abschütteln und das Paradies auf Erden errichten. Befreiungstheologen sind die Nachgeburt der Französischen Revolution. Und wer halte den Selbsterlösern die Treue? Papst Franziskus.

Selbsterlösung: Das ist ein ungeheurer Vorwurf, so ziemlich der schlimmste, den man in Kirchenkreisen erheben kann, schon unmittelbar nach der Papstwahl stand er wie ein böses Gerücht im Raum. In seinem Lehrschreiben Evangelii Gaudium (2013) hat Papst Franziskus darauf mit einem klugen theologischen Schachzug reagiert und den Spieß umgedreht: Nicht er predige Selbsterlösung, sondern seine Kritiker. Mit Protz und Prunk betrieben sie den Exodus aus der Gegenwart; mit höfischem Gehabe zögen sie sich auf den Fels Petri zurück und verwandelten eine lebendige Kirche in ein totes Museum. In ihrem grenzenlosen theologischen Narzissmus "fühlen sie sich den anderen überlegen, weil man selbst einem gewissen katholischen Stil der Vergangenheit unerschütterlich treu bleibt".

Franziskus, der erste nicht europäische Papst seit 1.200 Jahren, lehnt eine Theologie des Rückzugs ab, sie empört ihn regelrecht. "Ich will keine Kirche, die darum besorgt ist, der Mittelpunkt zu sein" und die Jesus nur noch "für ihr Eigenleben beansprucht". Es könne Gott nicht gefallen, wenn Rom sich abschotte, wenn der Vatikan die Hände in den Schoß lege und die Wahrheit nur noch verwalte. Die Kirche sei keine heilige Monarchie, sondern ein "Feldlazarett nach einer Schlacht" – der barmherzige Samariter, der in den Elenden das Bild Christi erkennt und ihre Wunden heilt. "Mir ist eine 'verbeulte' Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber als eine Kirche, die aufgrund ihrer Bequemlichkeit, sich an ihre eigene Sicherheit zu klammern, krank ist."