Auch um dieses "Tableau N VII" von Piet Mondrian streiten sich das Krefelder Museum und die Erben.

Irgendwann nach dem Krieg hätten die acht Bilder "einfach so" im Depot des Krefelder Kaiser-Wilhelm-Museums gelegen. So behauptete es 1963 in einem Katalogbeitrag Paul Wember, der Kunsthistoriker, der das Haus von 1947 bis 1975 leitete. Dabei sprach er nicht von irgendwelchen Bildern, sondern von acht Werken eines der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts: des niederländischen Malers Piet Mondrian. Aus dessen Besitz waren die Werke unter völlig ungeklärten Umständen nach Krefeld gekommen. Vier dieser Werke befinden sich bis heute dort im Museum. Doch das könnte sich bald ändern: Die Erben Piet Mondrians, die in den USA lebende Witwe und drei Kinder von Mondrians Freund und Mäzen Harry Holtzman, fordern die Bilder zurück. Das Museum will das verhindern.

Wie so oft bei Werken, die nach dem Zweiten Weltkrieg "auftauchten", geben auch die Mondrian-Bilder viele Rätsel auf, die es schwer machen, den Fall zu klären. Anders als bei anderen Streitfällen geht es hier aber nicht um Raubkunst aus der NS-Zeit, sondern um die Frage, wie die Gemälde wann die Besitzer wechselten. Die Rollen, die das Kaiser-Wilhelm-Museum, die Stadt Krefeld und Paul Wember dabei spielten, scheinen zweifelhaft.

Obwohl der erst 1987 verstorbene ehemalige Museumsleiter Wember fast drei Jahrzehnte Zeit hatte zu klären, wie die Werke in den Besitz des Museums gelangten, ist ausgerechnet das bis heute unklar. Seit 1954 haben die Bilder zwar eine städtische Inventarnummer. Allerdings gibt es keine Unterlagen, die beweisen würden, dass die Stadt Krefeld sie jemals rechtmäßig erworben hat.

Wember verwies zeit seines Lebens nur unkonkret auf seinen Amtsvorgänger Max Creutz, so 1973 in einem Bestandskatalog des Museums: "Des Verfassers Vermutung geht dahin, daß Creutz Mondrian gebeten hat, ihm die Bilder für einen Zeitraum von vier Jahren – von 1923 bis 1925 – zu überlassen, sie persönlich bezahlt hat, (...) sie dann aus Angst vor den Kommissionen und auch vor der Öffentlichkeit versteckte. (...) Dann wurden sie vergessen. Der Verfasser hat sie erst 1950 unter merkwürdigen Umständen gefunden."

Das aber kann nicht sein. Zum einen entstanden einige der Bilder erst nach 1923. Zum anderen hätten die Gemälde, wenn sie tatsächlich schon vor 1933 vom Museum erworben worden wären, spätestens 1937/38 entdeckt werden müssen, als eine staatliche Kommission auch das Krefelder Museum nach sogenannter entarteter Kunst durchsuchte. Piet Mondrian stand immerhin auf der Liste der von den Nazis verfemten Künstler.

Auch andere Indizien sprechen dafür, dass Creutz die Werke einfach behalten und – vielleicht privat – versteckt haben könnte, nachdem sie Mondrian selbst als Leihgaben zu einer Verkaufsausstellung nach Deutschland gegeben hatte und sie so nach Krefeld kamen. Die Ausstellung hieß "Der Stuhl" und fand 1929 im Kunstgewerbemuseum Frankfurt statt. Ein Foto aus einer zeitgenössischen Rezension zeigt drei der Krefelder Bilder über einigen jener Stühle hängend, die dort gezeigt wurden. Nach Ausstellungsende hätten die Bilder eigentlich an den Maler zurückgehen müssen, oder an Sophie Küppers und die Dresdner Galerie Kühl, denen Mondrian seine Werke in Kommission gegeben hatte. Aber im Anschluss an die Frankfurter Ausstellung wollte auch Krefeld einige Bilder zeigen, wie die Berliner Provenienzforscherin Monika Tatzkow recherchiert hat. Gemeinsam mit Anwalt Gunnar Schnabel versucht sie seit einiger Zeit im Auftrag der Mondrian-Erben, den Verbleib der Werke zu klären, ihre Rechercheergebnisse haben sie auf 63 Seiten festgehalten.

In Krefeld plante der damalige Direktor Max Creutz eine "Internationale Abstrakte Ausstellung". Offenbar wollte man die Mondrian-Leihgaben dafür aus Frankfurt übernehmen. Tatsächlich befinden sich mehrere der in Frankfurt gezeigten Bilder bis heute im Krefelder Museum.

Die erste Expertin, die diese These offiziell bestätigte, war die Krefelder Kustodin Sabine Röder. In einer E-Mail an den Kunsthistoriker Walter Grasskamp, der sie später veröffentlichte, schrieb sie am 8. Februar 2010: "Paul Wember fand acht nicht inventarisierte Mondrians aus der neoplastischen Phase im Kaiser-Wilhelm-Museum vor." Auch sie vermutete in ihrer E-Mail, dass die Bilder 1930 ins Museum gekommen seien, als Creutz die Ausstellung internationaler Avantgardisten plante, die letztendlich nicht zustande kam. Röder nahm an, dass die Werke aus dem Besitz von Mondrian selbst stammen könnten. Außerdem schrieb sie in der E-Mail: "Paul Wember kam 1947 nach Krefeld und versuchte zunächst verzweifelt, die ursprüngliche Sammlung klassischer Moderne wieder aufzubauen." In den Jahren 1951 und 52 habe Wember deshalb Mondrian-Gemälde gegen Druckgrafiken von Picasso, Miró, Matisse, Chagall und Braque, sowie gegen ein Aquarell von Paul Klee eingetauscht.